16.06.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Der Stamm der Yoruba gehört zu den zahlenmäßig größten Ethnien in ganz Afrika. Allein in Nigeria stellen sie etwa 21 Prozent der Bevölkerung (ca. 40 Millionen Menschen). Sie sind hauptsächlich in den Bundesstaaten Osun, Lagos, Kwara, Oyo, Ondo, Ekiti und Ogun zuhause. Etliche leben jedoch auch in Ghana, Togo, Sierra Leone, Benin und der Elfenbeinküste. Schätzung des Autoren und Afrikaexperten Ronald Segal zufolge wurden im Zuge des sogenannten atlantischen Sklavenhandels (etwa 16. bis 19. Jahrhundert) circa zwölf Millionen Bewohner aus West-, Zentral und Südafrika von Europäern nach Amerika verschleppt. So bildete sich in Kuba, Trinidad und Tobago, Grenada und Brasilien eine Yoruba-Diaspora. Heute soll die Mehrzahl aller Afroamerikaner vom Volk der Yoruba abstammen.

2015 wurde Wale Emosu für diese Reportage, von der wir hier eine Kurzfassung veröffentlicht haben, mit dem CNN MultiChoice African Journalist of the Year Award (Kategorie: Kultur) ausgezeichnet.

Die Spuren afrikanischer Kultur in Brasilien aufzuspüren, wird mir ohne die Hilfe Einheimischer nicht gelingen. Zum Glück treffe ich bereits wenige Stunden nach meiner Ankunft in Salvador auf Francois Duc. Der gebürtige Schweizer, etwa Ende 60, lebt bereits seit 23 Jahren in Brasilien. „Hallo, woher kommst du? Ich sehe doch, dass du nicht von hier bist. Da helfen dir weder deine brasilianischen Kleider noch dein brasilianischer Gang. Wer so tut als ob und dabei nicht von hier stammt, der kann mir nichts vormachen“, sagt Francois mit einem Lächeln.

Als ich mich als Nigerianer zu erkennen gebe, erzählt er sofort von Lagos und wie er zusehen musste, als die Stadt Sapele 1969 während des nigerianischen Bürgerkriegs (auch Biafra-Krieg genannt) zerstört wurde. Ehe Francois in sein Juweliergeschäft verschwindet, ruft er mir noch zu: „Wale, es gibt hier keine afrikanischen Einflüsse – sondern ein ganz eigenes Afrika.“

Was meinte er nur damit? Hier im Bundesstaat Bahia – und in gewissem Maße in ganz Brasilien – beschränken sich die afrikanischen Einflüsse nicht auf bestimmte Charakterzüge der ehemaligen Einwanderer. Stattdessen hat die afrikanische Seele hier, auf der anderen Seite des Atlantiks, ein neues Zuhause gefunden.

 Spuren aus der Kolonialzeit

Das heutige Brasilien ist ein wahrer Völkermix, darunter sind auch etliche Nachfahren afrikanischer Sklaven, die Mitte des 16. Jahrhunderts ins Land gebracht wurden: die Bakongo, Mbundu und Ovimbundu aus Angola und der (Demokratischen) Republik Kongo, die Fon aus dem Benin sowie die Yoruba aus Nigeria und dem Benin. All diese Ethnien nahmen natürlich auch ihre Kultur und Traditionen mit auf die Reise über den Ozean und leben sie heute, wenn auch in abgewandelter Form, in ihrer neuen Heimat fort.

Während meines Aufenthalts in Salvador, das zwischen 1549 und 1763 als Brasiliens erste Hauptstadt diente, besuchte ich auch die lebendige Altstadt, das Centro Historico. Einst gab es in der Stadt den ersten Sklavenmarkt in ganz Südamerika – und somit einen unfreiwilligen Anlaufpunkt für zahllose Afrikaner, die für die kräfteraubende Arbeit auf den Zuckerplantagen nach Brasilien verschleppt und verkauft wurden. Noch heute steht der Pranger (pelourinho) mitten in der Altstadt, stumm und stetig an längst vergangene Zeiten mahnend. Das inzwischen als Platz der Unabhängigkeit bekannte Areal ist heute Schauplatz für zahlreiche Veranstaltungen.

Rund um den Pelourinho finden die Besucher Salvadors eine Altstadt, wie sie im Buche steht: Historische Bausubstanz in Form alter Kirchen sowie Cafés, Restaurants und zahlreiche Geschäfte warten auf die Touristen. Mittendrin in dieser Idylle gibt es jedoch auch Spuren, die die afrikanischen Sklaven vor Jahrhunderten hier als Teil ihrer Schufterei hinterließen: die Pflastersteine, die in der gesamten Altstadt den Boden säumen.

Rio Branco Palast, Salvador

Das beeindruckende Ergebnis dieser unvorstellbar harten Plackerei wäre beinahe für immer verloren, sagt Alhaji Misbahudeen Oyewale Akanni, der seit über 20 Jahren in Brasilien lebt und als Verbindungsoffizier im Bundesstaat Bahia eng mit der nigerianischen Botschaft zusammenarbeitet. Akanni berichtet von der Posse rund um einen Direktor im örtlichen Kulturministerium Anfang der 1990er Jahre: Dieser wollte die Pflastersteine entfernen lassen, nachdem seine Lebensgefährtin mit ihren Stöckelschuhen auf dem unebenen Boden umknickte. Glücklicherweise schritt der Gouverneur von Bahia, Antonio Carlos Peixoto de Magalheas, rechtzeitig ein und verhinderte die Zerstörung des kulturell und historisch bedeutenden Bodens.

Zwist mit der Sprache

Doch zurück zur Ausgangsthese von Francois Duc. Gibt es wirklich eine afrikanische Parallelwelt? Und wenn ja, wo kann ich sie sehen? Werfen wir doch zunächst einen Blick auf die Sprache. Soziolinguisten haben festgestellt, dass sich jede Sprache allein durch ihre Verwendung und die Lebensumstände ihrer Sprecher permanent verändert. Demnach ist es wenig überraschend, dass die afrikanischen Sprachen, die einst in der Kolonialzeit im Zuge der Sklaverei nach Brasilien exportiert wurden, zu ihren „Muttersprachen“ etliche Unterschiede aufweisen.

Nicht alle unterstützen diese These der sprachlichen Anpassung. Adeyinka Adewole, ein Nigerianer, den es 2008 nach Südamerika zog und der heute dem Instituto Cultural e Linguistica Africana in Salvador vorsitzt, gehört zu diesen Skeptikern. Er meint, Brasilianer, die den ursprünglich westafrikanischen Yoruba-Dialekt sprechen, täten dies nicht fehlerfrei: „Wenn Brasilianer jemanden in dem ursprünglich westafrikanischen Yoruba-Dialekt grüßen wollen, sagen sie meist 'e ka ka karo'. Doch das ist falsch, denn es müsste eigentlich 'e kaaro' heißen.“

Denilson Oluwafemi, ein sogenannter Bahiana (also ein Brasilianer aus dem Bahia-Bundesstaat, der seine Wurzeln jedoch in Afrika sieht), widerspricht. Nur weil eine Sprache in zwei unterschiedlichen geografischen, kulturellen und sozialen Gebieten nicht komplett identisch gebraucht wird, sei dies nicht mit einer fehlerhaften Verwendung gleichzusetzen, so Oluwafemi. „Stattdessen zeigt es, dass ein und dieselbe Sprache unterschiedliche Variationen ausprägen kann“, erklärt er, der sein Wissen über den Yoruba-Dialekt an interessierte Sprachanfänger weitergibt. 

Kulinarisches Westafrika

„Probieren geht über studieren“, wusste schon der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes beziehungsweise dessen Protagonist Don Quijote. Das gilt auch für mich in Salvador. Als ich mir in der Altstadt eine Portion Acarajé (ein in Palmöl frittierter Teig aus gemahlenen Bohnen) kaufe, fühle ich mich sofort in meine Heimat auf der anderen Seite des Atlantiks zurückversetzt: Als kleiner Junge lebte ich mit meiner Familie in der Großstadt Ibadan. Fast jeden Abend ließ ich mir eine köstliche Portion Akara (so heißt dieses traditionelle Street-Food bei uns in Nigeria) schmecken, als ich auf dem Heimweg vom Geschäft meines Vaters war. Jetzt, Jahrzehnte später, ist das Gefühl beinahe das gleiche – nur dass ich mir diese Leibspeise nicht in Ibadan, sondern in Salvador gönne.

Der Export afrikanischer Kultur zu Zeiten des Kolonialismus beinhaltet neben der Sprache und dem Essen natürlich auch religiöse Aspekte. In Salvador soll es einmal 1.155 Tempel aus 46 Nationen gegeben haben, wie eine lokale NGO herausgefunden hat. In einigen werden noch heute afrikanische Gottheiten verehrt.

Baiana mit traditioneller Kleidung

Auch die typisch afrikanische Kleidung, Baiana genannt, fällt mir während meines Aufenthaltes im Nordosten Brasiliens immer wieder auf. Von der Acarajé-Verkäuferin bis hin zu den Anhängern der afrobrasilianischen Candomblé-Religion prägt die traditionelle Kleidung das Stadtbild Salvadors. Wie mir der Verbindungsoffizier Akanni berichtet, war auch der nigerianische Kulturminister Edem Duke während seines Besuchs in Bahia von den Baianas nachhaltig beeindruckt. Sie entsprächen haargenau den Kostümen, die während einer Hochzeitszeremonie in seiner Heimat, dem nigerianischen Bundesstaat Cross River, getragen würden. Grund für den Besuch des Ministers war unter anderem ein Besuch im nigerianischen Kulturhaus von Bahia, das sich intensiv um die Pflege afrobrasilianischer Beziehungen kümmert und in seinen Ausstellungen diverse Exponate der einzelnen Stämme Nigerias zeigt.

Für die eigene Kultur ins Zeug legen

Viele Afrobrasilianer fühlen sich noch immer so leidenschaftlich mit ihrer fernen Heimat verbunden, dass sie sich über die verschiedensten Kanäle informieren. Und natürlich teilen sie ihr Wissen auch gern. So lehrt beispielsweise Adewole Bankole den Yoruba-Dialekt in Salvador: „Die Leute hier baten mich darum und meinten, es wäre schließlich meine Muttersprache. Da half auch mein Einwand nichts, dass ich doch Wirtschaft und nicht Sprachwissenschaften studiert habe“, berichtet Bankole fröhlich.

Auch über Einzelinitiativen hinaus gibt es inzwischen Möglichkeiten für Afrobrasilianer, sich über die Sprache und Religionen ihrer Vorfahren zu informieren. Das 1982 gegründete Museu Afro-Brasileiro ist nur eine von mehreren Institutionen in Salvador, die das kulturelle Erbe Afrikas fördern wollen. Neben Artefakten aus den Herkunftsländern ehemals verschleppter Sklaven stellt das Museum auch diverse Gottesstatuen aus.

Bevor ich in Salvador ankam, hatte ich eine Mission: der afrikanischen Kultur tausende Kilometer von ihrer Ursprungsstätte auf die Spur zu kommen. Und nun? Mission erfüllt, würde ich sagen. Salvador ist eine Stadt, die nur so sprudelt vor afrikanischem Geist. Als Nigerianer, der seine eigene Kultur wertzuschätzen weiß, habe ich mich hier im Nordosten Brasiliens richtig wohlgefühlt. Doch eigenlich noch mehr als das: Es war ein bisschen wie zuhause.

Erstveröffentlichung: Bahia: Even in Brazil, African heritage lives on