23.06.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Jeanne d’Arc Girubuntu wurde am 6. Mai 1995 in der ostruandischen Stadt Rwamagana geboren. Ihre Eltern, Venant Gashagaza und Patricia Mukarunaya, schickten ihr viertes von insgesamt sechs Kindern zunächst auf die Grund- und weiterführende Schule, ehe sich das Sporttalent im Februar 2015 vollends auf das Radfahren konzentrierte. Als die Entscheidung für den Sport und gegen die Schule fiel, war sie gerade dabei, einen Abschluss in Tourismus zu machen.

2015 nahm sie unter anderem am Straßenradrennen der Kontinentalmeisterschaft in Südafrika, den Afrikaspielen in Brazzaville (Demokratische Republik Kongo) sowie den UCI-Straßen-Weltmeisterschaften in Richmond (USA) teil. Abseits der Wettkämpfe möchte sie sich dafür einsetzen, mehr Frauen in Ruanda für den Radsport zu begeistern.

Das Bicycling Magazin hat Girubuntu jüngst zu einer der 21 "Heroes of World Cycling" gekührt.

Die Erfolgsgeschichte des gesamten ruandischen Nationalteams kann hier verfolgt werden. 

 
 

Wegen ihres Namens fällt Jeanne d’Arc Girubuntu weit weniger auf als wegen ihres herausragenden Talents. Ihre Geschichte wird in ganz Ruanda erzählt und dient schon heute als modernes Märchen: Die 21-jährige ist die größte weibliche Radsporthoffnung des Landes.

Alles begann, als sie 2009 eine Etappe der Tour de Rwanda in Kigali verfolgte und die Begeisterung der Zuschauer für Adrien Niyonshuti, den Star des ruandischen Teams, erlebte. Immer wieder riefen die Fans seinen Namen. Die Atmosphäre am Rande der Rennstrecke war atemberaubend. Mittlerweile ist Niyonshuti ein internationaler Profi, fährt für das südafrikanische Team MTN Qhubeka, das letztes Jahr auch bei der Tour de France vertreten war. Wie Niyonshuti wuchs auch Jeanne D'Arc Girubuntu in Rwamagana auf, einer kleinen Stadt unweit der Hauptstadt Kigali.

Auch andere Fahrer des ruandischen Herrenteams im Radsport haben es mittlerweile in Ruanda und darüber hinaus zu einiger Prominenz gebracht. Die Erfolgsgeschichte des Team Rwanda um Adrien Niyonshuti wurde 2012 in dem Dokumentarfilm Rising from the Ashes erzählt. Das nationale Frauenteam war bis Anfang letzten Jahres kaum der Rede wert - bis zum rasanten Aufstieg des Ausnahmetalents Girubuntu. Sollte es ihr gelingen, die Entwicklung der vergangenen Jahre beizubehalten, so sind sich Experten einig, wird sie wohl die beste Sportlerin werden, die Ruanda je hervorgebracht hat. 

Siegreiches Debüt

Ehe sie ihr Herz an den Radsport verlor, spielte Girubuntu Fußball und Volleyball in ihren Schulmannschaften. Einmal vom Radsportfieber angesteckt, begann sie, sich über die Szene in ihrem Heimatland zu informieren, wollte herausfinden, wie sie selbst mitmachen kann. Vor vier Jahren lernte sie Diane Uwineza kennen. Die ehemalige Radfahrerin stand ihr nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, sondern stellte außerdem den Kontakt zur Adrien Niyonshuti Cycling Academy in Rwamagana her. Dort war man begeistert, das damals 17-jährige Talent bei sich aufnehmen zu können.

„Dank des Cheftrainers John Rugambwa fand ich mich in dem neuen Umfeld schnell zurecht und lernte auch die grundlegenden Techniken des Rennradfahrens ohne Probleme“, erinnert sich der Youngster. Vor zwei Jahren bestritt sie schließlich ihre ersten Wettkämpfe. Wie es sich für eine solche Geschichte gehört, fuhr Girubuntu bei ihrem Debüt sowohl der Konkurrenz im Einzelzeitfahren als auch dem Straßenrennen auf und davon. Plötzlich stand sie national sowie international im Rampenlicht.

 

Es war schon schwierig als einzige Fahrerin im Team

Diese Erfolgsgeschichte hinterließ beim ruandischen Radsportverband (Ferwacy) gehörigen Eindruck, so dass Girubuntu Ende 2014 ins Africa Rising Cycling Center (ARCC), einer Trainingseinrichtung im Norden des Landes, eingeladen wurde. Dies machte sie zur ersten und bislang einzigen Frau im nationalen Profiteam.

„Anfangs war es schon schwierig als einzige Frau im Team. Vor allem, da ich genau das gleiche Training absolvieren musste wie die männlichen Profis. Doch dann merkte ich, dass ich mich dadurch sehr schnell verbesserte und es half mir, mich schnell zu integrieren“, sagt sie mit einem Lächeln. Ihr technischer Direktor ist Jonathan Boyer, der erste US-Amerikaner, der eine Etappe bei der Tour de France gewann. Er erzählt, das wahnsinnige Talent Girubuntus war Anlass, ein Radrennen nur für Frauen zu organisieren. So sollen in Zukunft frühzeitig große Talente unter den Radsportlerinnen entdeckt werden.

 

Vom Schreibtisch auf die Piste

Wegen ihrer Profikarriere hat sich die 21-jährige vorerst gegen den weiteren Schulbesuch entschieden. „Ich war sehr gut in der Schule, aber irgendwann musste ich einen Entschluss fassen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon viel unterwegs und schaffte es einfach nicht mehr, neben dem Radsport noch genug Zeit in die Schule zu investieren. Sobald sich das ändert, werde ich meinen Abschluss nachholen“, sagt sie selbstbewusst. Bereits nach wenigen Monaten am ARCC lieferte sie so gute Leistungen ab, dass sowohl die Trainer als auch der technische Direktor Boyer von ihrem Potential überzeugt waren. Die junge Fahrerin wurde für das ruandische Team bei den Kontinentalmeisterschaften im Straßenrennen 2015 nominiert. Der Wettkampf in Südafrika war Girubuntus erstes internationales Kräftemessen.

Im Einzelzeitfahren über 24 Kilometer belegte sie einen guten sechsten Platz (41:23 Minuten), drei Minuten hinter der Goldmedaillengewinnerin Ashleigh Moolman Pasio (Südafrika). Zur Bronzemedaille fehlten ihr nur 19 Sekunden.

Diese starke Performance öffnete ihr wiederum die Türen zu den nächsten Etappenzielen. Erst durfte sie vier Wochen lang am World Cycling Centre im südafrikanischen Potchesfstroom trainieren, ehe sie von Mai bis August 2015 am World Cycling Centre, einer Profieinrichtung des Weltradsportverbandes UCI im schweizerischen Aigle, ihre Runden drehte. Girubuntu war nicht nur die 1.000 Radfahrerin, die in Aigle trainierte, sondern zugleich der erste weibliche Profi aus diesem Teil Afrikas. Neben exzellenten Trainingsbedingungen gab es dort auch wertvolle Tipps vom ehemaligen französischen Profifahrer Jean-Jaques Henry.

Nach der Rückkehr aus der Schweiz standen für das Ausnahmetalent die Vorbereitungen für die Afrikaspiele in Brazzaville (Republik Kongo) sowie die UCI-Straßen-Weltmeisterschaft in Richmond (USA) auf dem Programm.

Einen Wimpernschlag zu langsam

In Brazzaville verpasste sie die Bronzemedaille im Einzelzeitfahren nach 62,5 Kilometern im Sattel nur um den Bruchteil einer Sekunde. Für sie die bislang größte Niederlage ihrer noch jungen Profilaufbahn: „So knapp am Podium vorbeizufahren ist eine riesige Enttäuschung. Mir kam sogar der Gedanke, ich sei womöglich nicht für den Radsport gemacht. Es fühlte sich an, als müsste ich mich zwingen, zu fahren. Als ich den ersten Schock verdaut hatte, wurde mir jedoch klar, dass ich Vierte geworden war und das ein hervorragendes Ergebnis für eine Debütantin wie mich ist.“

In Richmond wurde Girubuntu die erste Rennradfahrerin aus Ruanda bei einer UCI-Weltmeisterschaft sowie die erste Schwarzafrikanerin, die an einem Einzelzeitfahren für Frauen teilnahm. Auf der ganz großen Bühne lief es jedoch noch nicht optimal.

Im Einzelzeitfahren belegte sie Rang 44, im Straßenrennen den vorletzten 87. Platz. „Das war keine besonders gute Leistung von mir. Trotzdem weiß ich nicht, was ich hätte besser machen können. Ich fahre gerade mein allererstes Jahr auf internationalen Wettkämpfen und nehme einfach so viel an Erfahrungen und Wissen mit, wie möglich. Die Jeanne d’Arc, die heute im Sattel sitzt, ist definitiv besser als die Jeanne d’Arc, die vor zwölf Monaten in die Pedale trat“, gibt sich die 21-Jährige optimistisch.

Jeanne d'Arc hat das Zeug zu einer außergewöhnlichen Karriere

Ende Februar 2016 gab es schließlich das erste Edelmetall für das ruandische Ausnahmetalent. Bei den diesjährigen Kontinentalmeisterschaften in Marokko fuhr Girubuntu im Straßenrennen zur Silbermedaille. „Das war definitiv die beste Leistung meiner Karriere. Auf dem Podium zu stehen und die ruandische Flagge wehen zu sehen, war ein phänomenales Gefühl“, so die Sportlerin. Kommenden Samstag, am 25. Juni, werden die nationalen Meisterschaften in Ruanda beginnen. Zur Vorbereitung war Girubuntu erneut in einem Trainingscamp in der Schweiz und nahm an kleineren Rennen teil.

Obwohl sie mit ihren gerade mal 21 Jahren schon etliche Rekorde gebrochen hat und der lokalen und regionalen weiblichen Konkurrenz um Längen vorauseilt, bleibt sie außerordentlich lernwillig und möchte sich stetig verbessern. Ihr Ziel, bald in einem Profiteam zu fahren, sieht sie in Reichweite: „Zwar liegt noch eine Menge Arbeit vor mir, um wirklich zu den Besten der Besten aufzuschließen. Doch ich bin bereit, diesen harten Weg zu gehen. Das vergangene Jahr war für mich persönlich ein Meilenstein.“

Das deutsche Team Matrix hat bereits Interesse an Girubuntu bekundet, auch Profiteams aus den USA zeigen sich interessiert. Jonathan Boyer ist überzeugt: Eines Tages wird Girubuntu für ein internationales Topteam fahren. Seit eineinhalb Jahren beobachtet er ihren Fortschritt Tag für Tag: „Sie ist wirklich eine außergewöhnliche Sportlerin, die sich jedes Jahr verbessert. Wir sind sicher, dass sie in Zukunft noch viele Erfolge feiern wird.“

Sie blicken alle gespannt auf die anstehenden Meisterschaften in Ruanda, doch Kimberly Coats, Marketingleiterin des Nationalteams und enge Vertraute von Girubuntu, weiß schon jetzt, „in ein, zwei Jahren wird sie in Europa oder Amerika unter Vertrag stehen.“