20.08.2015
Übersetzt von Konstantin Meisel

Die Entfernung zwischen den beiden Hauptstädten Niamey (Niger) und Ouagadougou (Burkina Faso) beträgt nur etwa 500 Kilometer. Die Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist trotzdem eine Strapaze: Nicht weniger als elf Stunden sitzt man in einem Bus, der die meiste Zeit der Reise vor Polizeistationen verbringt. Es sind Haltestellen, an denen Schikanen und pingelige Impfpass-Kontrollen den eigentlich „freien Personen- und Warenverkehr“ ad absurdum führen. 

Die Reisevorbereitungen

Ein Montag in Dapoya, einem Viertel von Ouagadougou. Am nächsten Tag werde ich mit einem Transportunternehmen fahren, das täglich die Linie Ouaga-Niamey bedient. Zuvor möchte ich mich erkundigen, welche besonderen Vorkehrungen für eine Reise ohne böse Überraschungen zu treffen sind. Der Angestellte am Ticketschalter schweigt erstaunt und wirkt, als suche er nach der richtigen Antwort. Einer seiner Kollegen, anscheinend in höher Position, hat mitgehört und mischt sich ungefragt ein: „Sie brauchen einen Personalausweis und einen Impfpass.“ Um sicher zu gehen, frage ich ihn, ob man ansonsten nichts bezahlen müsse. „Das kommt ganz darauf an. Selbst wenn Sie alle Papiere ordentlich mit sich führen, kann es sein, dass die Polizei oder die Gendarmerie Sie zahlen lassen. Wie viel, können wir allerdings nicht sagen.“ Vielen Dank für die Information. So kann man sich zumindest auf alle Eventualitäten vorbereiten.

Überpünktliche Abfahrt im eiskalten Bus

Abfahrt in Ouaga
Abfahrt in Ouagadougou

Dienstagmorgen. Der Reisebus ist überpünktlich. Wäre ich auch nur fünf Minuten zu spät gekommen, er wäre wohl ohne mich abgefahren. Zusammen mit etwa fünfzig weiteren Mitfahrern sitze ich im Bus. Draußen dämmert es noch, doch der Busfahrer hat die Klimaanlage bereits bis zum Anschlag aufgedreht, so als wolle er die Insassen auffordern, sich gut in ihren Decken zu verkriechen und weiterzuschlafen. Die ersten 140 Kilometer friere und zittere ich, erst ab Koupela wärmen die ersten Sonnenstrahlen das Businnere. Als die Temperaturen draußen nach oben klettern, macht die Klimaanlage Sinn. Soweit ist also nichts zu beanstanden, auch nicht die vorgesehenen Zwischenhalte, um Reisende aus den großen Städten im Osten Burkina Fasos aufzunehmen.

Am Gendarmerie-Posten in Kantchari,  unweit zur Grenze zum Niger, kommt es dann schließlich zur ersten Begegnung mit den Sicherheitsbehörden. Hier werden alle Fahrzeuge angehalten, die von Ouagadougou nach Niamey fahren. Wir verfolgen das Schauspiel. Ein Gendarm stellt sich vor den Bus, alle Reisenden müssen aussteigen und ihre Papiere vorzeigen. Für die Landsleute aus Burkina Faso genügt ein burkinischer Personalausweis, um zu passieren. Der Beamte gibt ihn ihnen ohne Umschweife zurück. Andere Reisende aus Niger oder anderen Staaten werden im „Büro“ erwartet. Warum? Ein großes Geheimnis.

Polizeikontrolle in Burkina Faso
Polizeikontrolle in Burkina Faso

Aus Neugierde frage ich einen meiner Sitznachbarn, wie viel man bezahlen müsse. Zurückhaltend antwortet er mir: „Das kommt ganz darauf an. Ohne Ausweispapiere kostet es 2000 CFA-Francs (ca. 3 €, Anm. d. Red). Wenn man keinen Impfpass bei sich hat, dann kann es zwischen 2000 und 4000 CFA-Francs kosten.“ Die Passagiere waren anscheinend kooperationsbereit, der Halt dauert nicht sehr lange. Wir passieren ohne weiteren Zwischenhalt die nächste Zollstation und fahren weiter in Richtung Polizeistation. Auch hier werden Burkiner bevorzugt behandelt. Allerdings dauert es diesmal länger. An diesem Kontrollpunkt, wo jeder Bus 45 Minuten hält, kümmern sich die Polizisten nur wenig um die Reisenden. Es ist 10 Uhr vormittags, die Sonne brennt, und es ist schwierig, auf diesem kargen Platz einen Unterstand zu finden. Jeder bedeckt seinen Kopf, wie es irgendwie geht. Weit und breit gibt es keine Toiletten, die dieses Namens würdig sind. Das Ergebnis sieht man in der unmittelbaren Umgebung – beziehungsweise was davon übrig ist.

Grenzposten in Burkina Faso
Grenzposten in Burkina Faso

Nach der Grenze das gleiche Spiel

Gegen 10.45 Uhr passieren wir die burkinische Grenze. Auf nigrischem Territorium wartet ein ähnliches Szenario. Die Polizeistation von Makalondi ist zumindest ein bisschen gepflegter als die zuvor. Außerdem gibt es eine Art kleine Bushaltestelle, die allerdings nicht imstande ist, den großen Zustrom der Reisenden aufzunehmen. Die Station wurde anscheinend wegen der Verbreitung des Ebola-Virus modernisiert. Eine Maschine mit Desinfektionsflüssigkeit wurde installiert, doch das ist mehr Schein als Sein. Die Abfertigung ist gut organisiert. Ein Beamter der Gesundheitsbehörde verordnet den Reisenden, sich die Hände zu „reinigen“. Hinter ihm steht ein Polizist, der die Dokumente einsammelt. Der Aufenthalt dauert länger als eine Stunde. Während dieser Zeit ist es ratsam, das Durchwühlen seines Gepäcks zu überwachen, das für Zollkontrollen auf den Boden geworfen wird. Es ist ein wahrer Basar aus Bettlern, fliegenden Händlern und Reisenden. All dies in einer Kakophonie aus alten Lautsprechern und den Schreien der Händler.

Ankunft in Niamey
Einfahrt nach Niamey

Wer empfindlich auf Lautstärke oder Sonnenstrahlen reagiert, dem kann es leicht passieren, dass er es gar nicht erst bis Niamey schafft. Von dieser Polizeistation bis zur nigrischen Hauptstadt sind es ca. 100 Kilometer – eine Strecke, für die wir noch fast drei Stunden brauchen werden. Und das nicht etwa, weil die Straße in schlechtem Zustand wäre oder der Bus zu langsam führe - sondern weil uns schon wieder ein Absperrband der nigrischen Sicherheitskräfte aufhält. Wenig später findet dieselbe Kontrolle noch einmal statt. Wenn man Glück hat, müssen nicht alle Reisenden aussteigen. Stattdessen steigen dann Polizei- und Gendarmeriebeamte in den Reisebus ein und sondern diejenigen aus, die keine Papiere mit sich führen. Diese müssen in das Büro des „Chefs“, was gut zwanzig Minuten dauert. Dort wird man sich etwas unterhalten, und nachdem die Maschine geschmiert ist, steigt man wieder in den Bus.

Länder der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA)

Fast am Ziel

Der Höhepunkt der Reise ist die Einfahrt nach Niamey. Es ist gerade 14.45 Uhr burkinischer Zeit, in Niger ist es eine Stunde später. Wir müssen nochmals an einer Polizeistation anhalten. Der Beamte steigt ein, kontrolliert die Papiere, und lässt schließlich alle nicht-Nigrer aussteigen - das sind dreiviertel der Insassen. Und die Gemüter erhitzen sich. „Das ist das erste Mal, dass ich hier aussteigen muss“, seufzt ein Ivorer, der seine Wut im Zaum hält, um keine Probleme zu bekommen. Jeder drängt sich in den Hangar, der als Polizeistation dient, um ein wenig von der kühlen Luft abzubekommen. Vom Gedränge unbeeindruckt nimmt sich der „Chef“ viel Zeit. Nach und nach können die Passagiere ihre Papiere wieder abholen. Auf der letzten Etappe dieses Höllentrips nach Niamey müssen diejenigen, die keinen Impfpass mit sich führen, 4000 CFA-Francs (ca. 6 €, Anm. d. Red.) zahlen. Tränen und Zähneknirschen. Sogar der Busfahrer muss zum Stationsvorsteher, der schließlich doch noch Zugeständnisse macht. Die Wartezeit beträgt gut dreißig Minuten. 

Als wir endlich am Ziel ankommen, ist es bereits 16.30 Uhr. Für eine gut asphaltierte Strecke von 500 Kilometern brauchten wir ganze 10 Stunden und 30 Minuten. Die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA)  sollte eigentlich einen freien Personen- und Warenverkehr innerhalb der teilnehmenden Staaten garantieren. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Erstveröffentlichung: Dix heures pour parcourir 500 km, ça use «la libre circulation»