18.11.2015
Übersetzt von Anja Biemann

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Wird unser Denken von unserer Sprache beeinflusst? Denke ich anders als ein Brite oder eine Senegalesin? Die Diskussionen um diese Frage stellen eine der größten Herausforderungen der Sprachphilosophie dar. Seit den Sechziger Jahren folgt man in der Linguistik dabei dem Ansatz des Universalismus. Dieser besagt, dass jede Sprache universelle Parameter habe. Zwar seien sie jeweils anders ausgerichtet, aber letztlich verfüge jeder Mensch über dasselbe Denken, und jede Sprache drücke im Prinzip dasselbe aus. Mittlerweile geht der Trend in der Linguistik aber wieder weg vom Universalismus, zurück zum Strukturalismus. Dieser vertritt die Idee der Beeinflussung des Denkens durch die Sprache, was in den Fünziger Jahren als Sapir-Whorf-Hypothese prominent wurde. Hierbei geht man gerade nicht von einem universellen Denkmuster aus, das unabhängig von der Sprache besteht, sondern von Unterschieden und unterschiedlichen Einflüssen der Sprachen auf das Denken. Im Interview diskutiert Souleymane Bachir Diagne vor allem diesen strukturalistischen Ansatz.

Im vergangenen Jahr wurde der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne von der Zeitung Jeune Afrique unter die 50 bedeutendsten Personen Afrikas gewählt. Der 58-jährige Senegalese wird als „Botschafter der afrikanischen Denkweise“ bezeichnet. Im Interview ging der Professor der Columbia Universität New York besonders auf Gedanken zu einer afrikanischen Philosophie und zur Kultur der Mündlichkeit auf dem afrikanischen Kontinent ein.

Herr Professor, Sie beschäftigen sich mit der Beziehung zwischen Sprache und Denken. Was ist unter einer „philosophischen Grammatik“ zu verstehen?

Die Idee der philosophischen Grammatik wurde vor allem von Logikern vertreten. Sie glaubten an die Möglichkeit, eine Universalsprache einführen zu können. Damit sollte es allen möglich sein, sich untereinander zu verständigen. Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz zum Beispiel glaubte, dass die Grammatik einer Sprache nur die Oberfläche ausmacht. Darunter müsste eine Universalgrammatik zu finden sein - eigentlich ein utopisches Projekt!

Sie haben dazu aufgerufen, „in Sprachen zu philosophieren“. Was meinen Sie damit?

Dieser Ausdruck geht auf die renommierte französische Philosophin Barbara Cassin zurück. Dahinter steht die Idee Philosophie anders zu betrachten, nämlich ausgehend von der Vielfalt an Sprachen in unserer Welt. Man muss sich also eines bewusst werden: Auch beim Philosophieren spricht man nur eine Sprache von vielen. Was käme dabei heraus, wenn man seine Worte in eine andere Sprache übertragen würde. Wäre das möglich? Sind manche Dinge vielleicht unübersetzbar? Was sagt mir das über meine eigene Sprache? Das sind grob gefasst die Fragen, mit denen ich mich beschäftige.

Die Herausforderung liegt also hauptsächlich im Bereich der Übertragbarkeit von Philosophie in unterschiedliche Sprachen. Haben Sie konkrete Beispiele dafür?

Ein Beispiel: Sprachen ohne Verben, die einen Zustand anzeigen. In solchen Sprachen spielen die Funktionen des Verbs „sein“, die wir aus dem Französischen oder Englischen kennen, eine andere Rolle. Zum Beispiel beim berühmten Ausspruch von Descartes: „Ich denke, also bin ich.“ Er setzt voraus, dass man das Verb sein auf einer absoluten Ebene benutzen kann. „Ich bin“ bedeutet hier „Ich existiere“.

Nun haben Sie aber Sprachen, die auf die Formulierung „Ich bin“ eine Fortsetzung fordern: Sie sind wer? Sie sind was? Sie sind wie? Durch solche Unterschiede in der Ausdrucksweise entstehen Probleme in der philosophischen Argumentation. Deshalb ist es gut, wenn der Philosoph mehrere Sprachen beherrscht und seine Gedanken auch in eine andere Sprache zu übertragen weiß. Er sollte also zwischen den Sprachen denken.

Souleymane Bachir Diagne
Souleymane Bachir Diagne

Sie haben die Kultur bisher gar nicht erwähnt. Dabei sind Sprachen doch auch von der Kultur getragen?

Absolut. Mein Ansatzpunkt sind die Sprachen, weil mein Interesse der Übersetzung gilt. Ich habe den starken Eindruck, dass sich hinter der Sprache die ganze Kultur abzeichnet. Wenn ich mich also auf die Sprachen konzentriere, beziehe ich mich also auf einen Aspekt der Kultur, in dem sich wiederum die gesamte Kultur wiederfindet.

In Afrika schreiben die Philosophen Werke in Sprachen, die nicht „ihre eigenen“ sind. Wie verstehen Sie diese Art der Übersetzungstradition?

Es ist gut, sich diese Problematik vor Augen zu führen. Der ghanaische Philosoph Kwasi Wirédou vertritt die Ansicht, dass es für Afrikaner an der Zeit sei, in ihren eigenen Sprachen zu philosophieren. Das sehe ich ähnlich.

2013 ist beispielsweise ein Sammelband einer meiner ehemaligen Studenten erschienen. In diesem Werk haben afrikanische Philosophen, die in den USA leben, philosophische Texte in ihren Muttersprachen verfasst. Die englische Übersetzung ihrer Texte ist vis-à-vis abgedruckt. Das Prinzip bestand darin, die eigenen Texte nicht selbst zu übersetzen. Wir gaben diese Aufgabe an Personen ab, die unsere Sprachen beherrschen und die Texte ins Englische übertragen konnten.

Als ich dann die Übersetzungen gelesen habe, merkte ich, dass die Autoren in einer anderen Sprache als Englisch gedacht hatten. Es ist ein wichtiger Aspekt, in unseren eigenen Sprachen zu schreiben. Sie müssten eigentlich alle zu Sprachen der Wissenschaft, Literatur oder der Philosophie werden. Zudem sollten auch große Werke in unsere Sprachen übersetzt werden.

Übrigens: Wenn man genau über die Geschichte der Philosophie nachdenkt, wird einem eines klar: Sprachen werden erst dann zu Sprachen der Philosophie, nachdem es Übersetzungen in diese Sprachen gegeben hat. So war es beispielsweise mit dem Lateinischen: Sie hat zuerst die griechische Philosophie rezipiert und anschließend übersetzt. Oder mit dem Arabischen, nachdem sie die griechische Philosophie aufgegriffen hatte.

Auch in Afrika war das so: Man muss sich vor Augen halten, dass man dort nicht ganz bei Null anfängt. In den großen Zentren wie Timbuktu wurde Philosophie unterrichtet. Cheikh Anta Diop (ein senegalesischer Historiker, Anmerk. d. Red.) hat uns in Erinnerung gerufen, dass in Timbuktu Kurse zu den Analysen Aristoteles' gehalten wurden. Man kann sich also sehr gut vorstellen, dass die Personen, die diese Kurse gehalten haben, Erklärungen zu den Texten in ihren eigenen Sprachen gegeben haben.

Aber Afrika, das bedeutet doch auch eine Kultur der Mündlichkeit. Wie beziehen Sie diesen Aspekt in Ihren Ansatz ein?

Es ist wahr, dass die Mündlichkeit ihre eigene Logik besitzt, die mündliche Logik. Dies ist ein Ausdruck, den ich von meinem Landsmann Mamoussé Diagne übernehme, der ein sehr gutes Buch mit dem Titel „Kritik der mündlichen Vernunft“ [Critique de la raison orale] dazu verfasst hat. Aber man muss sich auch von dem Gedanken lösen, Afrika bedeute immer nur Mündlichkeit. Wir sind nicht mit der Mündlichkeit verheiratet!

Es gibt keinen Grund, weshalb die afrikanischen Kulturen bis in alle Ewigkeit mündlich sein sollten. Heutzutage findet Philosophie in Schriftform statt. Wir haben die Essenz unserer mündlichen Traditionen in das neue Leben des Schriftlichen übertragen. Ebenso wenig ist es der Fall, dass die Mündlichkeit von Natur aus das Gegenteil des kritischen Geistes ist.