18.07.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Algerien und die USA

Nachdem sich Algerien unter Präsident Houari Boumedienne (1932-1978) dem Sozialismus zuwandte, kam es erst mit Präsident Chadli Bendjedid (1929-2012) wieder zu Annäherungen mit den USA. Spätestens seit dem von George W. Bush initiierten War on Terror ist sein Nachfolger, Abd al-Aziz Bouteflika, ein offener Befürworter der Vereinigten Staaten. Nach dem algerischen Bürgerkrieg (1991-2001) fand das Land mit den USA einen starken Bündnispartner in Sicherheits- und Geheimdienstfragen. Auch das algerische Militär wurde teilweise in Amerika ausgebildet. 2012 begannen Gespräche, die Beziehungen auch auf kulturelle und gesellschaftliche Sphären auszuweiten. Algerien bleibt dennoch zurückhaltend.

Über Salsabil Chellali

Salsabil Chellali ist eine französisch-algerische Journalistin. Nach beruflichen Stationen in Frankreich, Algerien und Tunesien, lebt sie derzeit in Marokko. Salsabil berichtete über die vergangenen Wahlen in Algerien und Tunesien, schreibt jedoch auch über soziale und kulturelle Themen und beobachtet ganz allgemein, was sich in Afrika und dem Nahen Osten tut.

Mit seiner Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten sorgt der Republikaner Donald Trump weltweit für Aufsehen. Insbesondere die Verbündeten der Vereinigten Staaten beobachten alles ganz genau. Auch die diplomatischen Beziehungen zwischen der westlichen Supermacht und Algerien haben sich in den vergangenen Jahren stetig intensiviert. Würde eine Präsidentschaft Trumps diese Fortschritte gefährden?

Nicht zuletzt durch seinen bereits 1980 von Ronald Reagan verwendeten Slogan Make America great again hat der republikanische Kandidat die Herzen vieler Wähler in Amerika gewonnen. Wähler, die mit seinen unorthodoxen Methoden, Politik zu machen, vollends einverstanden sind. Das algerische Volk hingegen dürfte entsetzt sein von den rassistischen Äußerungen des Milliardärs, seinen engstirnigen Vorschlägen, dem unrealistischen politischen Programm und einer völlig utopischen Außenpolitik. Während einigen Regionen – insbesondere dem Nahen Osten – beim Gedanken an Trumps politische Agenda die Haare zu Berge stehen, hat sich hier in Algerien bisher kaum jemand kritisch mit seiner wachsenden Popularität oder einer möglichen Präsidentschaft des Wirtschaftsmoguls auseinandergesetzt.

Algerien gleicht quasi wie einem verbannten, ausgestoßenen Land, das beim Rest der Welt kaum Beachtung findet. Da es selbst kaum aktive Bestrebungen in Richtung der internationalen Gemeinschaft pflegt, ist es bereits seit Jahrzehnten das am meisten isolierte Land der Maghreb-Region (Tunesien, Algerien, Marokko, Anm. d. Red.). Warum sollte sich die breite Öffentlichkeit hierzulande also dafür interessieren, was auf der anderen Seite des Atlantiks geschieht?

Kaum Medieninteresse für US-Wahlkampf

Momentan sind die meisten Algerier eher mit innenpolitischen Angelegenheiten beschäftigt: Der Fall des Ölpreises macht der Wirtschaft schwer zu schaffen und die Nachfolge von Präsident Abd al-Aziz Bouteflika wird derzeit von seinen Gefolgsleuten innerhalb der Regierung – und somit am Volk vorbei – organisiert. Aus Angst vor einer sozialen Revolution offenbarte Bouteflikas Regime kürzlich Züge längst vergangener, dunkler Zeiten: massive Einschränkung der Meinungsfreiheit und wiederholte Verhaftungen von kritischen Journalisten.

Ganz ohne Frage würden die meisten Algerier lieber Trumps Konkurrentin Hillary Clinton im Weißen Haus sehen. Doch egal wer letztendlich die Nachfolge von Barack Obama antritt – die USA werden sich nicht groß verändern. Sie bleiben weltweit der oberste Stellvertreter des Imperialismus mit teils weltfremden Ansichten. Selbst die algerischen Journalisten verfolgen das Rennen um die US-Präsidentschaft mit wenig Interesse. Die Positionen der Kontrahenten werden kaum herausgearbeitet oder analysiert und das Schreiben von Kommentaren – sonst Lieblingsbeschäftigung der hiesigen Presse – blieb weitgehend aus. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich 2017 entfachen bei den Medienleuten weitaus mehr Interesse.

Nichtsdestotrotz haben Trumps hetzerische Äußerungen über Muslime – wie die Forderung, ihnen zweitweise die Einreise in die USA zu verwehren – sowie die totale Ablehnung bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen  großen Unmut in Algerien verbreitet. Wären diese oder ähnliche Vorschläge von einem algerischen Politiker gekommen, hätten sie womöglich für weitaus weniger Aufsehen bei uns gesorgt. Doch bei einem Vertreter der selbsternannten „greatest democracy in the world“ wird natürlich genauer hingeschaut.

Trump könnte auch gut Algerier sein

In den Augen vieler Algerier hat Trump mehrere, teils widersprüchliche Gesichter. Für die meisten verkörpert er schlichtweg den Stil des hemmungslosen Amerikanismus und ist eine Karikatur des vielgehassten American Guy, dem nichts wichtiger ist als das eigene Ego. Schaut man sich jedoch seine populistische, protektionistische und auf Isolation bedachte Politik an, geht er ohne Probleme auch als Algerier durch. Kurzum: Donald Trump ist in etlichen Belangen wie ein Spiegelbild unserer eigenen Politiker. Und das sind definitiv keine guten Nachrichten.

Doch selbst wenn es – gerade in Bezug auf den überbordenden und durchaus unklugen Nationalismus – etliche Gemeinsamkeiten zwischen dem US-Milliardär und den Politikern hierzulande gibt, bedeutet dies keineswegs, dass beide Parteien ein gutes Verhältnis hätten. Dafür fehlt dem Amerikaner schlichtweg das nötige Maß an Taktgefühl und diplomatischer Finesse. Schließlich sind Algerier sehr stolze und empfindliche Menschen. Was sie wiederum auch nicht gerade zu pflegeleichten Verhandlungspartnern macht.

 

Trump & Algerien
Trump & Algerien

In den letzten Jahren haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern stetig verbessert, insbesondere mit Blick auf die militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit (Stichwort: Global Counterterrorism Forum und bilaterales Trade & Investment Framework Agreement). Während sich im Nachgang von 9/11 vor allem die nationalen Interessen (der Kampf gegen den Terror) des Bush-Regimes und der algerischen Führung stark ähnelten, bedeutete die Obama-Administration hingegen einen Fortschritt der gegenseitigen Zusammenarbeit.

Trotzdem: Die USA haben Stillschweigen über Präsident Bouteflikas allseits bekannte gesundheitliche Probleme sowie sein zweifelhaftes politisches System bewahrt. Vor zwei Jahren besuchte John Kerry das Land während des Präsidentschaftswahlkampfes – und sah sich dafür herber Kritik von Politikern und Journalisten ausgesetzt. Dieser Besuch, hieß es, sei versteckte Unterstützung für den damaligen Amtsinhaber Bouteflika – und somit ein Plädoyer, dass sich politisch nichts im Land ändern müsse.

Es sieht so aus, als würde Algerien seine Rolle als stabilisierende Macht in Nordafrika genießen. Da stört es kaum, dass man in puncto Wirtschaft und Nachrichtendienste einige Zugeständnisse an die USA machen muss. Schließlich hat der Bündnispartner den algerischen Präsidenten – der 2014 seine vierte Amtszeit antrat, ohne einen wirklichen Wahlkampf zugelassen zu haben – im Gegenzug nie öffentlich getadelt.

Ist die algerische Bevölkerung besorgt, dass Trump es tatsächlich ins Weiße Haus schaffen kann? Nein. Aber sie sollten, denn seine Präsidentschaft könnte die mühevoll aufgebauten Beziehungen beider Länder im Handumdrehen zerstören. Statt eines soliden Bündnispartners wäre Algerien aus US-Perspektive plötzlich eine muslimische Gefahr. Doch selbst wenn Trump die Seile zu unserer Regierung nicht kappt, wie könnte eine zukünftige Zusammenarbeit aussehen? Sehr wahrscheinlich würde sie sich vorrangig auf Antiterrormaßnahmen beschränken. Wichtige Aspekte wie Bildung und Kultur sowie die Förderung von Toleranz und Demokratie blieben auf der Strecke. Trump ist in seinen politischen Ansichten so auf die nationale Sicherheit fixiert, dass er jedes Regime unterstützt, welches ihm und seinen Interessen auch nur im Entferntesten in die Karten spielt.