16.07.2015
Übersetzt von Uta Stareprawo

Kürzlich erklärte Präsident Jakaya Kikwete in seiner Monatsansprache an die Nation, dass bei dem anstehenden Verfassungsreferendum und den Wahlen, die alten Wahlausweise nicht mehr gültig sein werden. Oh, du liebliche Republik, nicht noch ein Stück unerhört teures Plastik!

Niemand steht gern in diesen langen Schlangen an, nur für die Chance sich mit verärgerten Beamten herumschlagen zu dürfen. Wir könnten die Felder unserer Vorfahren pflügen oder die neueste App programmieren - alles würden wir lieber tun als uns anzustellen, um jemandem, der jeden Lebenswillen verloren hat, unsere persönlichen Daten zu diktieren.

Es gibt Menschen, die derartige Dinge vermeiden können, da sie die Kosten für die Wahrnehmung dieser Möglichkeit ohnehin in Tagespauschalen, Aufwandsentschädigungen und Ernennungen abzurechnen pflegen. Für den Rest der Bevölkerung hingegen soll die Chance, den ganzen Tag in einer langen Schlange anzustehen, wohl Anreiz genug sein.

Und so schreitet die biometrische Wählerregistrierung voran wie ungeplant. Man denke nur an all die Dinge, die man hätte tun können und die genauso viel gekostet hätten wie das Fotografieren von Netzhäuten in der Hoffnung, so die Einzelpersonen einer durch und durch informell strukturierten Gesellschaft zu dokumentieren. Doch das ist offenbar ganz, ganz wichtig. Warum? Bedrohung durch Ausländer!

Wie der Bevölkerung einfühlsam vermittelt wurde, dient dieses teure Vorhaben unter anderem dazu, unsere zerbrechliche Demokratie vor der Zerstörungswut der Immigranten zu schützen, die nichts mehr lieben, als wählen zu gehen, obwohl sie keine Tansanier sind.

Sie sind unter uns! Wie willst du denn wissen, dass dein türkischer Klimaanlagenverkäufer, dein chinesischer Straßenhändler oder dein malawischer Teilzeit-Gärtner nicht plant, dir deine Recht auf demokratische Sicherheit einfach zu entreißen?

Durch dieses meisterhafte Ablenkungsmanöver wird die Tatsache geschickt verschleiert, dass die größte Bedrohung für die tansanische Staatsbürgerschaft seit jeher und bis heute ihre eigene Regierung ist. Indem sie unter den Menschen, die hier wohnen, Unsicherheiten bezüglich ihrer Aufenthaltstitel schürt, bietet unsere Regierung Fremdenfeindlichkeit als natürliches Ventil für die Wut an, die aus einer solchen Unsicherheit entstehen kann. Und alles beginnt und endet mit in Schlangen stehendem Fußvolk. Natürlich stellen wir uns an, wenn wir anderenfalls Gefahr laufen, entrechtet zu werden.

Technologie - Fluch oder Segen?

Bei jeder anstehenden Wahl muss es Theater geben, wer wählen darf und wer nicht. Technologie wird genutzt, um die Überarbeitung einiger wichtiger, gesetzlich vorgeschriebener Dokumente zu rechtfertigen: Fahrzeugzulassungen, ein neues Kennzeichensystem, Wählerregistrierung, erneute Wählerregistrierung, nochmalige Wählerregistrierung, nationale Ausweise, obligatorische Rektoskopie ohne Betäubung in einem staatlichen Krankenhaus Ihrer Wahl, und so weiter.

Das Ganze erinnert mich an die Sechziger bis Neunziger Jahre, die ich nur aus den Anekdoten der Generation Unabhängigkeit, über ihre Erfahrungen mit Demokratie kenne. Damals stand das Volk Schlange für Nahrungsmittel und andere Waren und für das Recht, an einer Wahl teilzunehmen, bei der es nur einen Kandidaten gab - heute geht es um Rechte und Stimmrecht und dergleichen mehr. Mithilfe eines teuren Stückes Plastik.

Fairerweise muss man sagen, dass es gute Gründe dafür gibt, die Wählerregistrierung in den Jahren vor einer Wahl fortlaufend durchzuführen. Bei unserer Fortpflanzungsgeschwindigkeit ist nur das sinnvoll. Aber Schlange stehen? Das ist einfach so… Das passiert, wenn der Altersdurchschnitt in der Regierung 50 Jahre oder noch höher ist.

Dabei schien hier alles so gut zu laufen. Die Abschaffung der Präsidentschaft auf Lebenszeit hat Raum geschaffen für diesen dritten oder vielleicht auch vierten Anlauf, eine Verfassung für das Volk zu schaffen.

Und ja, die Wahnvorstellungen politischer Unsterblichkeit eines Einzelnen durch die Langlebigkeit einer herrschenden Partei zu ersetzen, legt die Frage nahe, was politische Evolution eigentlich mit sich bringt.

Trotzdem. Es sind nicht die großen Dokumente, die zählen, sondern vielmehr die kleinen Schritte in jedem Jahrzehnt in Richtung eines Bürgertums mit stärkerer Beteiligung und immer mehr Rechten.

Hätten wir uns in all dieser Zeit nicht verlässlichere Systeme zu Eigen machen können, die einen zehn- oder sogar 20-jährigen Zyklus überdauern? Wenn schon Technologie, hätten wir uns besser an die Spitze der weltweiten Entwicklung setzen und das Eine verwerten können, das Ostafrika gut kann - Mobiltelefone.

Ich bin sicher, dass es da draußen ein zwölfjähriges kenianisches Mädchen gibt, das eine App entwickeln kann, die das möglich machen würde. Bis wir ihr jedoch ein Arbeitsvisum ausstellen können, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns anzustellen und zu hoffen, dass wir unsere selbst auferlegten Fristen wie durch ein Wunder einhalten werden.

Erstveröffentlichung: Standing in line waiting for yet another piece of plastic - fear and loathing in our hearts