26.10.2016

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Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung der Organisatoren der Fotoausstellung Saharawi Voices an der Philipps-Universität Marburg.

Journafrica berichtete zuletzt hier über den Konflikt in der Westsahara.

Als Selka al-Hussein Muhammad zweieinhalb Jahre alt ist, tötet eine Granate ihre Cousine. Die beiden Mädchen spielen am Strand nahe der Küstenstadt Dakhla, als die Granate explodiert. Es war das Ende des Jahres 1975, Marokko flog Luftangriffe auf die Westsahara, die spanischen Besatzer zogen sich allmählich aus der Region zurück.

Es ist eine der wenigen Erinnerungen, die al-Hussein Muhammad an ihre Heimat, die Westsahara, hat. Kurz nach dem Tod ihrer Cousine ist sie mit ihrer Familie geflohen. Die heute 39-jährige Sahraui lebt seitdem in einem Flüchtlingslager in Algerien, ganz im Westen des Landes, unweit der Wüstenstadt Tindoūf – seit inzwischen 37 Jahren.

Rund 100.000 Flüchtlinge aus der Westsahara leben in Lagern, inmitten einer kargen Wüstenlandschaft Südwestalgeriens und in weitgehender Abhängigkeit von Hilfslieferungen der internationalen Gemeinschaft. Von hier sind es nur rund 100 Kilometer bis in die Heimat der Bewohner, doch ein 2.700 Kilometer langer verminter Grenzwall trennt sie davon. Viele der jüngeren Sahrauis haben ihr gesamtes Leben in den Lagern verbracht, wie Selka kennen sie die Westsahara nur aus Erzählungen oder allmählich verblassenden Kindheitserinnerungen.

Der Westsahara-Konflikt spielt sich vor den Toren Europas ab - doch hierzulande bekommen viele kaum etwas davon mit.

Seit über 40 Jahren ist der Konflikt um die Westsahara ungelöst. Ein Konflikt, über den wenig berichtet wird in den deutschen Medien und von dem viele hierzulande kaum etwas mitbekommen, obwohl er sich vor den Toren Europas abspielt: Die Kanarischen Inseln liegen nicht weit von der Küste der Westsahara entfernt, der Küstenabschnitt rund um Dakhla ist mittlerweile ein beliebter Kitesurf-Spot für Besucher aus aller Welt.

„Spanisch-Sahara“ war eine der letzten Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent. 1976 zog sich die spanische Kolonialmacht nach langen Auseinandersetzungen aus dem Gebiet an der Westküste Afrikas zurück. Sowohl Mauretanien als auch Marokko wandten sich damals an den Internationalen Gerichtshof (IGH) und stellten Ansprüche auf das Gebiet, doch der IGH lehnte dies ab und forderte ein Unabhängigkeitsreferendum. Wenige Wochen später schaffte der damalige marokkanische König Hassan II. Fakten: Mit dem sogenannten Grünen Marsch schickte er 350.000 Marokkaner über die Grenze in das Gebiet der Westsahara, um durch deren mehrtägige Anwesenheit Druck auszuüben. Die Westsahara erklärte Hassan II. kurzerhand zu einem Teil Marokkos. Der Widerstand der bewaffneten sahrauischen Befreiungsbewegung „Frente Polisario“, die sich 1973 gründete, um mit Guerillakämpfern gewaltsam gegen die spanische Herrschaft vorzugehen, setzte sich gegen die neuen Besetzer fort. Der Konflikt sollte 16 Jahre andauern, bevor 1991 ein Waffenstillstand durch die Vereinten Nationen erreicht werden konnte.

Seitdem ist der Status der Westsahara ungeklärt: Marokko betrachtet das Territorium als Teil des eigenen Staatsgebiets und kontrolliert den westlichen Teil. Die Frente Polisario rief dagegen 1976 die „Demokratische Arabische Republik Sahara“ aus und kontrolliert den – deutlich kleineren – südlichen und östlichen Teil der Westsahara. Neben dem Waffenstillstand zwischen Marokko und Frente Polisario wurde 1991 mit Hilfe der UN ein Referendum vereinbart, in dem die Sahrauis selbst über die Zukunft der Westsahara entscheiden sollten.

Warten auf ein Referendum - seit 25 Jahren

Die bisherigen Versuche, ein Referendum durchzuführen, scheiterten. Ein strittiger Punkt ist die Frage, wer wahlberechtigt ist. Während die Frente Polisario diejenigen als wahlberechtigt ansieht, die bereits vor dem Abzug der Spanier in der Westsahara lebten, möchte Marokko, dass jeder wählen kann, der familiäre Beziehungen in die Region hat, was wegen der großen Bewegungen marokkanischer Siedler nach Westsahara eher im Sinne Marokkos wäre.

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Die Freude ist groß: Eine Familienzusammenführung wird gebührend von Tanz und Musik begleitet

Selka al-Hussein Muhammad hat schon oft Briefe an Ban Ki-Moon, den UN-Generalsekretär, geschrieben, um auf das Schicksal der Sahrauis aufmerksam zu machen. Sie weiß nicht, ob er diese Briefe jemals gelesen hat, doch im März 2016 besuchte Ban Ki-Moon eines der Flüchtlingslager. Er sprach anschließend von einer „Besetzung“ der Westsahara – für Marokko und seine Verbündeten war das ein Eklat. Insbesondere die frankofonen Staaten in der Afrikanischen Union haben sich in dieser Frage stets auf die Seite Marokkos gestellt, was innerhalb der Afrikanischen Union zu starken Spannungen zwischen dem anglofonen und frankofonen Teil führt. Die marokkanische Regierung reagierte empört auf Ban Ki-Moons Aussage und wies unverzüglich mehr als 80 Mitarbeiter der UN-Mission MINURSO aus. Selkas Hoffnung bleibt. Doch eine Lösung für den Konflikt scheint wieder in weite Ferne gerückt zu sein.

Derweil nutzt Marokko die natürlichen Ressourcen und touristischen Möglichkeiten des Gebietes, das unter seiner Kontrolle steht. An den Stränden der Westsahara werden Hotelanlagen gebaut, die Region wird immer attraktiver für Touristen. Die Küstenlinie gilt zudem als eine der weltweit fischreichsten Regionen. Auch die EU hatte sich durch ein Fischereiabkommen mit Marokko erhofft, von diesem Fischreichtum zu profitieren, aber überraschend kippte der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) dieses Abkommen im Dezember letzten Jahres mit der Begründung, eine Einbeziehung der Westsahara-Region sei völkerrechtswidrig. In der Region Dakhla werden weiterhin in großem Stil Tomaten für den europäischen Markt angebaut, während sahrauische Ärzte auf die dramatischen Folgen der mangelhaften Ernährung in den Flüchtlingslagern hinweisen.

Eine Entscheidung der Sahrauis für die Unabhängigkeit würde enorme wirtschaftliche Einbußen für Marokko bedeuten. Teile der Sahrauis sehen in den Infrastrukturmaßnahmen der Marokkaner allerdings auch einige Vorteile und fürchten einen wirtschaftlichen Rückschritt in der Unabhängigkeit. Die marokkanische Regierung warnt indessen davor, das Gebiet, das in geografischer Nähe zu vermeintlichen Terrorismusgebieten wie Nordmali liegt, dürfe nicht zu einem „Failed State“ werden. Damit trifft Marokko insbesondere in Teilen der EU auf offene Ohren.

Viele Sahauris kritisieren die enge Partnerschaft zwischen der EU und Marokko.

Viele Sahrauis und internationale Menschenrechtsorganisationen blicken mit Sorge auf die zunehmend enge Partnerschaft zwischen der EU und Marokko, etwa auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik. Das Land erklärte sich Anfang dieses Jahres nach einem Besuch von Bundesinnenminister Thomas de Maizière dazu bereit, seine ausreisepflichtigen Staatsbürger aus Deutschland zurückzunehmen. In Kürze soll im deutschen Bundesrat erneut darüber verhandelt werden, ob Marokko zu einem sicheren Herkunftsland erklärt werden kann, was die Zusammenarbeit in Flüchtlingsfragen weiter erleichtern würde.

Aus Sicht vieler Sahrauis ist es so, dass sie für diese Vereinbarungen wahrscheinlich einen hohen Preis zahlen müssen – mit ihren Menschenrechten in den von ihnen als besetzt angesehenen Gebieten: Die Erinnerung an die Räumung des Protestcamps „Gdeim Izik“ durch die marokkanische Polizei in der Nähe der Stadt El-Aaiún ist noch wach. Im November 2010 reagierte der marokkanische Staat mit aller Härte, als mehrere tausend mehrheitlich junge Sahrauis den Rückzug der Marokkaner gefordert hatten.

Das UN-Mandat konnte bislang nicht um ein Menschenrechtsmandat erweitert werden, wodurch die UN-Vertreter vor Ort lediglich zur Beobachtung und nicht zum aktiven Schutz der Menschenrechte befähigt sind. Frankreich unterstützt Marokkos Position für eine Autonomie der Westsahara innerhalb Marokkos. Die EU findet zu keiner einheitlichen Stimme in Fragen der Westsahara.

Mohamed Abdelaziz, Präsident der nur von etwa 50 afrikanischen und süd- und mittelamerikanischen Staaten anerkannten Demokratischen Arabischen Republik Sahara und Anführer der Frente Polisario, sprach kurz vor seinem Tod Ende Mai von den zunehmenden Schwierigkeiten, auch weiterhin an die Geduld der jungen Leute in den eigenen Reihen zu appellieren. Zu groß sei die Enttäuschung über das ausbleibende Referendum. Auch Menschenrechtsaktivistin Aminatou Haidar zeigt sich besorgt. In einer ARD-Dokumentation sagte sie über die jungen Sahrauis: „Sie verlieren zunehmend das Vertrauen in die UNO. Ihre Väter und Großväter haben 1991 ihre Waffen abgelegt in der Hoffnung auf das baldige Referendum.“

Erstveröffentlichung: Ein Volk wie eine Fata Morgana