05.10.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Über Tsoku Maela

Tsoku Maela wurde in der südafrikanischen Provinz Limpopo geboren und lebt derzeit in Kapstadt, wo er als Autor für die populäre TV-Sendung Hectic Nine-9 arbeitet. 2013 schloss er sein Bachelorstudium (Motion Picture Medium) an der AFDA (The South African School of Motion Picture Medium and Live Performance) ab. In seiner künstlerischen Tätigkeit konzentriert sich Maela hauptsächlich auf die Bereiche Fotografie und Film, das Schreiben bildet jedoch die Grundlage all seiner Konzepte. Seine Werke waren bereits in der 99 Loop Gallery sowie auf dem Grid Photography Festival zu sehen und erschienen in Magazinen wie Marie Claire, Grazia, Between 10 and 5 sowie Trending (Kunst-/Kulturbeilage der Sonntagszeitung City Press).

Werte Weiße mit euren Magazinen, Kunstmessen und Ladengeschäften: Afrika (mit all seinen Diasporas, die Ihr entweder negiert oder in einen Topf schmeißt) ist in puncto „Kunst“ kein aufstrebender Kontinent mit unzähligen Nachwuchstalenten. Hier geht schon verdammt lang die Post ab.

Liebe afrikanische Künstler: Der Westen ist nicht das Gelobte Land und ihr solltet für ein wenig Aufmerksamkeit niemals die Seele eurer Produkte oder gar eure eigene verkaufen.

Südafrika wurde sozioökonomisch und geopolitisch stark von der Kolonialisierung geprägt. Ganz genau wie jedes andere Land, das jemals unter fremder Herrschaft stand. Kapstadt, von einigen seiner Bürgern treffend als „die Kolonie“ bezeichnet, ist ein deutliches und zugleich erschreckendes Beispiel für die ungleiche Wohlstandsverteilung sowie die Überbleibsel der Apartheid im post-kolonialen Südafrika.

Während gute Lebensbedingungen, Bildung und die Aussicht auf einen Job für Schwarze beschränkt sind – sowohl in Bezug auf die angebotene Qualität als auch die Bezahlbarkeit –, haben viele unserer Künstler einen Weg gefunden, um den Geldhahn anzuzapfen, der sich aus dem europäischen Blick auf die afrikanische Kultur ergibt.

Man muss gar nicht weit schauen, um diese Dynamik in Aktion zu erleben. Ein Spaziergang durch das belebte Shopping-Areal V&A Waterfront oder den Green Market Square in Kapstadt zeigt diese unnatürliche Normalität nur all zu deutlich. Touristen hantieren mit ihren Smartphones und Videokameras herum, um „das wahre Afrika“ in Ton und Bild festzuhalten – traditionelle Tänzer, gekleidet in Lendenschutz und Tierhäuten, bewegen sich zu hämmernden Rhythmen. Alles sehr unterhaltsam. Aber wer sind die Leute, die dort angestarrt, gefilmt und fotografiert werden? Es sind Väter und Mütter, Söhne und Töchter, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Mit einem Handwerk, welches seine Inspiration – sowohl stilistisch als auch ästhetisch – aus ihren heiligen afrikanischen Traditionen zieht.

Am Tag bevor das CCN-Team von African Voices zu mir kam, um meine Arbeit zu dokumentieren, lief ich genau durch diese Ecken Kapstadts und in meinem Kopf fing es an zu rumoren. Ihr wisst schon, in genau dem Teil des Hirns, der für gewöhnlich Stirnrunzeln auslöst, wenn mir jemand Afrikaner und ihre Kultur als pure Form der Unterhaltung unterjubeln will.

Ein kleiner weißer Junge fragte seine Mutter, was die Tänzer dort tun. „Das macht man hier eben so in Afrika. Ganz egal, wo“, antwortete sie ihm. Zu ihrer Verteidigung sei gesagt: An diesem Tag sah das Szenario auch für mich relativ normal aus. Hatte ich mich so an diesen Anblick gewöhnt, dass ich ihm und all seiner Abstrusität gegenüber völlig abgestumpft und folgsam geworden war? Hatte ich mich aus denselben Gründen unterhalten gefühlt wie die Europäer? Applaudieren wir alle einfach aus den falschen Gründen?

Der Grat zwischen Anerkennung und Ausbeutung ist enorm schmal.

Gehen wir einmal zurück an den Tag, als ich Anfang dieses Jahres in Kapstadt ankam. Ich war gerade erst gelandet, als plötzlich mein Telefon klingelte und am anderen Ende der Leitung eine intelligente schwarze Frau in den Hörer sprach. Nennen wir sie Mahlako. Mahlako hatte gute Neuigkeiten für mich: „Hi Tsoku. Du wurdest als einer von nur fünf handverlesenen Künstlern für eine Privataudienz mit einer Marketing-Agentur aus London ausgewählt!“, sagte sie mir aufgeregt. „London?!“ schrie ich fast ins Telefon (natürlich nur, weil genau in diesem Moment neben mir eine krachend-laute Flugzeugturbine aufheulte). Ja, London! Fish’n’Chips, schwarzer Tee mit Milch, miserable Küche, schlechtes Wetter, Mary fucking Poppins. Du weißt schon – London!!

Meine erste Reaktion: „Oh mein Gott! Ich habe mein Exemplar Die Psychopathen sind unter uns von Jon Ronson auf meinem Sitz liegen gelassen.“ Ich bat Mahlako, mir die genauen Infos aufs Handy zu schicken und legte auf. Auf dem Weg zurück zu meinem Sitz musste ich dauernd daran denken, was diese Unterhaltung eigentlich bedeutete. Und lächelte mich die Stewardess an, weil sie mich süß fand oder weil mein Hosenstall offenstand? Was auch immer der Grund gewesen sein mag, Ich hätte besser zuhause pinkeln sollen.

Einige Wochen später versammelten wir – die Handverlesenen – uns alle in einem Raum, ein bisschen wie bei den Illuminaten. Wir stellten uns vor und erzählten, was wir mit unseren magischen afrikanischen Kräften zu leisten im Stande sind. Ich war froh, endlich Mahlako zu sehen, doch sie war nicht allein, sondern hatte ihre beiden Befehlshaber im Schlepptau – und die waren weiß. Als einzige im Raum. Es stellte sich heraus, dass Mahlako kaum etwas über das Treffen wusste. Sie sollte es lediglich anleiern und stand nun da und schaute zu, wie uns ein Traum verkauft wurde. Ein Traum, der es vorsah, dass wir ihnen unsere Werke für deren neue Website geben würden, um damit Sponsoren anzulocken. Die wiederum sollten uns beim Geldverdienen und einer Präsentation unserer Kunst außerhalb Afrikas helfen. Vielleicht. Leuten, die so weit reisen mit nichts weiter als Versprechungen im Handgepäck, vertraue ich grundsätzlich nie. Und als frischgebackener Profi im Durchschauen von Psychopathen – Jon Ronson sei Dank – stand ich auf und ging.

Appropriation II
Appropriation II

Zurück zum Tag des CNN-Shootings. Ich entschied, eine Bilderserie namens Appropriate I & II zu schießen, welche die Monetarisierung (oder Verhöhnung?) der afrikanischen Ästhetik und Kultur durch die europäische Brille zeigt. Ich weiß, so einfach ist das nicht und wie immer im Leben hat jede Medaille zwei Seiten. Letztendlich geht es mir hier nicht um die beteiligten Protagonisten, sondern die Tatsache an sich: Was für den durchschnittlichen Mittelklasse-Südafrikaner erniedrigend sein mag, kann für andere den Lebensunterhalt oder gar eine eigene Kunstform bedeuten.

Hier geht es um mehr als Straßenkünstler, mediale Vereinnahmung und die Ehrabschneidung der afrikanischen Kultur. Es geht auch um afrikanische Künstler, die ihre Geschichten beinahe für lau verkaufen – entweder, um wiedererkannt zu werden, um im Geschäft zu bleiben oder erstmal einen Fuß in die Tür zur Industrie zu bekommen. Weiße kaufen unsere Kultur in rauen Mengen und machen sie sich sofort zu eigen. Wer durch irgendeine Kunstmesse der vergangenen Jahre schlendert, wird sehen, was ich meine. Die meisten Galerien werden von Weißen geführt, behaupten aber trotzdem, afrikanische Geschichten zu erzählen. Schon wieder wundert sich dieser eine Teil in meinem Hirn. Aber hey, immerhin hat der Künstler so die Möglichkeit, seine Arbeiten einem größeren Publikum zu präsentieren und eventuell ein wenig Geld zu verdienen.

Etwa 80 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung sind schwarz. Die Werbeindustrie ist ein weiteres gieriges, plünderndes Monster, das seine Zähne tief in die afrikanische Kultur geschlagen hat – mit uns als Projektionsfläche für die stets wiederkehrende Neubelebung ihrer geldgetriebenen Fantasien. Meist erdacht von Leuten, die niemals Teil der schwarzen Gemeinschaft waren oder es jemals sein könnten. (Ich war bei solchen Brain-Storming-Sessions dabei. Völliges Chaos, sage ich euch.) Afrikanische Kultur, oder afrikanische Ästhetik, ist der neue Sex. Überall fetischisiert und romantisiert, nur nicht dort, wo er ursprünglich herkommt. Und auch in diesem Falle stimmt das Sprichwort: Sex sells.

Aufrichtige Zusammenarbeit - geht das überhaupt?

Ich frage mich immer noch, ob es tatsächlich eine aufrichtige Zusammenarbeit geben kann, bei der sich niemand ausgenutzt fühlt, sondern stattdessen Teil von etwas ist. Andererseits ist es für Afrika vielleicht an der Zeit, auf seine Mittelsmänner zu verzichten und endlich selbstständig zu sein. Ihr habt das Produkt, ihr wisst, wie man es herstellt. Wie bringt ihr es nun also unter die Leute ohne euch dabei selbst zu kompromittieren?

Kreative Nachwuchskünstler haben fantastische Ideen und scheuen keine Mühen, sie umzusetzen. Oft haben sie jedoch Schwierigkeiten, diese Ideen zu vermarkten. Wie sieht hier die Lösung aus? Leider gibt es keine todsichere Methode. Die sozialen Medien sind ein fantastisches Werkzeug, doch die meisten von uns zahlen viel Lehrgeld für die Erkenntnis, dass dort alles ziemlich schnell übersättigt wird und große Zahlen nicht immer Profit oder tatsächliches Engagement bedeuten.

Ich persönlich bin nie auf ein Magazin oder eine Galerie zugegangen, um dort meine Arbeiten zu präsentieren; es lief immer andersrum. Das gab mir die Freiheit, selbst die Rahmenbedingungen festlegen zu können. Vielleicht liegt das an der ganz besonderen Art meiner Arbeit und Überzeugung. Womit wir schon beim nächsten Punkt wären: Authentizität. Nachahmung bringt einem vielleicht kurzfristige Aufmerksamkeit, doch auf lange Sicht wird sie verkümmern. Spätestens dann, wenn die Menschen diesen Schwachsinn durchschaut haben. Eure Stimme und eure Arbeit braucht Authentizität. Erzählt eure Geschichte, doch stellt sicher, dass sie so erzählt wird, wie ihr es für richtig haltet. Genau das bedeutet es nämlich, wirklich sein eigenes Produkt zu haben.

Ist es also die Schuld von uns Afrikanern, die wir Zugang zum Internet und zu Online-Plattformen haben, dass die Welt noch immer denkt, wir würden auf unsere Heilsbringer warten? Oder ist der Rest der Welt einfach unverständig und dumm? Wir warten nicht darauf, gerettet zu werden. Jeder von uns kann dem anderen etwas beibringen und wenn wir zusammenarbeiten, sorgen wir dafür, dass unser Kontinent, unsere Geschichte adäquat und richtig dargestellt werden. Das Licht, in dem wir uns präsentieren, die Botschaft die wir nach außen senden, sind von enormer Bedeutung. Bei manch einem hängt gar das Leben davon ab. Und das ist schließlich unbezahlbar.

Erstveröffentlichung: Dear African artists, take off your rose-tinted European glasses