26.03.2015
Übersetzt von Tobias Koch

Ein kürzlich präsentierter Bericht der Mo-Ibrahim-Stiftung resümiert, dass in den nächsten drei Generationen über 40 Prozent der weltweiten Jugend in Afrika leben werden. Aufgrund der andauernden Marginalisierung der Jugend in politischen Entscheidungsprozessen scheint die Zukunft des Kontinents jedoch alles andere als vielversprechend. Die soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Teilhabe von Jugendlichen wird in Afrika schmerzlich vermisst. Entwicklungsstrategien orientieren sich in unzureichendem Maße an der Jugend, da oftmals keine geeigneten Kommunikationskanäle zu diesem wachsenden Teil der Bevölkerung existieren.

Die andauernde Ausgrenzung bei politischen Entscheidungsprozessen nimmt den Jugendlichen die Möglichkeit sich mit jenen Prozessen zu identifizieren. Die hohen Arbeitslosenzahlen gepaart mit Perspektivlosigkeit sind häufig Auslöser für den Stress vieler Jugendlicher. An dieser kritischen Stelle treffen organisierte Kriminalität, Radikalisierung und jugendliche Überlebensstrategien aufeinander.

Die Mehrheit der Kämpfer sind Jugendliche

Die wachsende junge Bevölkerung Ostafrikas beeinflusst beispielsweise zunehmend die Sicherheitsstruktur der Region. Die Region ist inzwischen eine der jüngsten weltweit; eine Entwicklung, die auch weiter anhalten wird. Zugleich sind extremistische Gruppen wie die al-Shabaab nach wie vor aktiv und weiten ihre Rekrutierungsmaßnahmen und ihren Einflussbereich auf Länder wie Kenia, Uganda und Tansania aus. Insbesondere Kenia ist in der Vergangenheit schwer getroffen worden. Die jüngsten Terrorangriffe verbreiten Angst in der Bevölkerung. Und die Ermordung von Politikern, wie die des Parlamentsabgeordneten George Muchai, streuen Salz in die offene Wunde.

Im Sudan und Südsudan hingegen sind es Bürgerkrieg und ethnische Milizen, die für Destabilisierung sorgen. In Uganda haben organisiertes Verbrechen und Rebellengruppen wie die Lord Resistance Army (LRA) Angst und Schrecken verbreitet, während Somalia seit Jahren der Willkür der Terrormilizen von al-Shabaab ausgeliefert ist. Nigeria kämpft ebenfalls gegen den durch Boko Haram verkörperten Terror. Da es sich bei der Mehrheit der Kämpfer jener Gruppen um junge Menschen handelt, stellt sich unweigerlich die Frage, ob die afrikanischen Regierungen ihre Jugend unter Kontrolle haben.

Regierungen kümmern sich nur um Symptome

Die Zunahme terroristischer Angriffe wird oft damit begründet, wie afrikanische Regierungen auf Kriminalität und Unsicherheit reagieren. Anstatt den Dialog zu fördern, um die Auslöser von Kriminalität und Radikalisierung zu ergründen, bringen die meisten afrikanischen Regierungen alle Gegenstimmen zum Schweigen und stempeln sie als Kriminelle ab. So werden gewisse Teile der Bevölkerung systematisch ausgegrenzt und als ungewünscht aussortiert. Mehrheitlich sind dies junge Menschen.

Es mangelt außerdem an sachkundigen Strategien, die empirische Erkenntnisse über die Beweggründe für die Radikalisierung und Kriminalisierung junger Menschen berücksichtigen. Die Regierungen haben die Ursachenbehandlung jugendlicher Radikalisierung vernachlässigt und sich stattdessen nur mit den Symptomen befasst.

Jugendliche suchen Anerkennung und Mitbestimmung

Die Gründe für den Anschluss an radikale Gruppen sind vielfältig. Insbesondere zählen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und der Kampf ums Überleben dazu. Wenn Jugendliche bei Partizipation und Verantwortung ausgeschlossen werden, fühlen sie sich entfremdet und suchen stattdessen Anerkennung in kriminellen und terroristischen Verbänden. Arbeitslosigkeit und Armut verstärken die Problematik. Jene ungünstigen politischen und wirtschaftlichen Umstände gepaart mit religiöser und ethnischer Diskriminierung und unbeholfenen Anti-Terror-Maßnahmen bilden die „push-Faktoren“, die die Radikalisierung in der Gesellschaft befördern.

Die Umstände in Ostafrika ermöglichten erst die Etablierung der al-Shabaab Milizen in der Region. Die Terrorangriffe des vergangenen Jahres in der Stadt Madera in Kenia, bei der 28 Buspassagiere und 36 Arbeiter ums Leben kamen, haben das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung durch Terror spürbar verstärkt. Die Reaktion der Regierung hingegen wird nicht als sonderlich wirksam erachtet. Einige Stimmen fordern einen Führungswechsel im Bereich der nationalen Sicherheit.

Junge Menschen (15-34 Jahre) machen in Kenia mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus. Dennoch finden sie kaum Beachtung in den Entscheidungsprozessen ihres Landes. Weder ihre Bedürfnisse und Hoffnungen finden ausreichend Berücksichtung, noch werden ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und ihre Energie effektiv genutzt.

Die Herausforderung der afrikanischen Staaten in Bezug auf die weitverbreitete Unsicherheit ist eindeutig und sollte nicht unterschätzt werden. Die junge Bevölkerung wächst weiter und birgt große Potentiale für die Entwicklung des Kontinents. Die Jugend Afrikas stellt eine wertvolle Ressource dar, die für eine gerechtere Zukunft eingebracht werden sollte. Es ist höchste Zeit, dass die Regierungen Entwicklungsstrategien entwerfen, die sich an den Bedürfnissen der Jugend orientieren und von der Jugend mitgestaltet werden. Offener Dialog, Verhandlungsbereitschaft und der Einbezug der Jugend sind die einzigen Optionen, die Afrika noch bleiben, wenn es nachhaltigen Frieden und Entwicklung schaffen möchte.

Dieser Artikel wurde vom Institut for Security Studies veröffentlicht und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Sebastian Gatimu ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Regierung, Kriminalität und Gerechtigkeit am ISS Nairobi.

Erstveröffentlichung: To solve rising crime and radicalisation, start with the youth