21.04.2016
Übersetzt von Manuela Kleindienst

Die Geschichte des Albino-Models Refilwe Modiselle könnte eine jener Erfolgsgeschichten sein, wie man sie schon so oft gehört hat: von einer jungen Frau, die die Hürden gesellschaftlicher Diskriminierung überwindet. Falsch ist das nicht, schließlich lebt Refilwe als erfolgreiches Model den Traum vieler junger Mädchen. Doch sie selbst erzählt ihre Geschichte ganz anders: nämlich als Lebensweg einer Frau, der viele Möglichkeiten geschenkt wurden. Nicht die Hindernisse stehen im Mittelpunkt, die sie als schwarze Frau mit weißer Haut in einer voreingenommenen Gesellschaft zu überwinden hatte. Sondern die Chancen, die ihr halfen, sich in einer Welt voller Unterschiede durchzusetzen.

„Man weiß nie, wann ein bestimmter Look gewünscht ist. Ich hatte einfach Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein“, sagt Refilwe. Die junge Südafrikanerin ist eine einzigartige Erscheinung. Seit ihrer Jugend findet die Modewelt gefallen an ihr. Dabei kam das völlig unerwartet. Denn als Refilwe während der Apartheid zur Welt kam, war die Bevölkerung strikt nach Rassen getrennt. Ihre Eltern waren beide schwarz, sie hingegen war weiß. Also ging man davon aus, ihre Mutter sei mit einem weißen Mann zusammen gewesen. Wie sonst hätte sie ein weißes Kind zur Welt zu bringen sollen? „Ich lebte als weißes Kind in einem Township“, erzählt sie. „Den Leuten fehlte die Bildung, um das zu verstehen“.

Refilwe ist ihren Eltern und ihrer Familie sehr dankbar dafür, dass sie ihr ein so liebevolles Zuhause gegeben haben. Ihr Vater starb, als sie erst elf Jahre alt war. Ihre Mutter hat nie aufgehört, sie zu unterstützen.

Das Model Refilwe Modiselle.
Das Model Refilwe Modiselle.

Immer wieder spricht Refilwe über den positiven Einfluss, den ihre Mutter bis heute auf ihr Leben hat. Sie erinnert sich daran, dass sie als Kind genauso behandelt wurde wie alle anderen Kinder in ihrer Umgebung. Was ein geringes Selbstwertgefühl ist, wusste sie damals gar nicht. Erst als Jugendliche merkte sie, dass sie 'anders' war. Plötzlich begannen andere Kinder sie zu verspotteten und zu beschimpfen. Ihre Mutter ermutigte sie durchzuhalten. Und Ihre Klassenkameraden liebten Refilwes herzerfrischende Art. „Eine Sonderbehandlung hatte ich nur in der Schule. Die Lehrer wussten Bescheid, dass ich eine sehr sensible Haut und eine Sehschwäche hatte.“

Eines Tages lief Refilwe, damals ein ganz normales Mädchen von nicht einmal 13 Jahren, an einem ganz normalen Tag mit einer guten Freundin in der Mittagspause über den Schulhof. Sie war frech und fröhlich wie immer. Ihre Freundin flüsterte ihr gerade etwas zu, beide lachten, wie Teenager es tun. Plötzlich kam auf die beiden ein Erwachsener zu und stellte sich ungefragt vor. Refilwe sah den seltsamen Mann überrascht an, als er ihr sagte, dass ein regionales Jugendmagazin einen Beitrag über sie bringen wollte. „Über mich?“ „Ja, über dich.“ Es war die allererste Doppelseite über ein Mädchen mit Albinismus in einem südafrikanischen Magazin. Refilwes Mutter war zunächst beunruhigt, doch nach einem Gespräch mit dem Modeveteranen Sheldon Kopman stimmte sie dem Fotoshooting zu. Nach ihrem Willen sollte es bei einer einmaligen Sache bleiben.

Doch dabei blieb das nicht. Refilwe startete ein Werbemanagement-Studium am Varsity College und landete – wieder durch Zufall – bei einem Fotoshooting der VEGA School of Brand Leadership. Schon damals war sie in ihrem Element, wie sie heute zugibt. „Wenn ich ehrlich bin: Ich liebe es, wenn Bilder von mir in Magazinen zu sehen sind. Dann fühle ich mich schön und bestätigt.“

Dennoch vergaß Refilwe nie ihre Arbeitsmoral. Sie schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab und begann in einer Werbeagentur zu arbeiten. Das Modeln betrieb sie nur nebenbei. "In der südafrikanischen Kultur lernt man, dass es wichtig ist, sich einen Job zu suchen. Modeln fühlte sich nicht wie ein richtiger Job an." Dennoch ist Refilwe seit dieser Zeit auf Plakaten, in Katalogen, auf dem Laufsteg und in Magazinen zu sehen. 2005 trat sie zum ersten Mal bei einer Haarshow von L’Oreal auf, danach modelte sie auch bei einer Show des berühmten David Hlale.

Refilwe Modiselle
Refilwe Modiselle

„Bis 2012 habe ich den Spagat gemacht zwischen meiner Modelkarriere und meiner anderen beruflichen Karriere. Doch irgendwann fühlte ich mich eingeschränkt und habe gemerkt, dass man nicht immer alles vorausplanen kann. Manchmal muss man sich einfach treiben lassen.“ Folgerichtig suchte sie sich einen Agenten. 2014 dann war sie in einer CNN-Dokumentation zu sehen und wurde auch international bekannt.

Die junge Frau blüht auf, wenn sie über ihre Karriere spricht, einen aufregenden, unvorhersehbaren Weg mit vielen Belohnungen. Derzeit ist sie als Co-Moderatorin in einer Celebrity-Show zu sehen und hat eine Rolle in einer internationalen Fernsehserie. Die Resonanz des Publikums und im Alltag verblüfft sie. „Leute, egal ob homo- oder heterosexuell, klein, groß, schwarz, weiß sind nach der Show zu mir gekommen und haben mich für meine inspirierende Stärke und Entschlossenheit bewundert.“

Refilwe scheint dadurch ihre Bestimmung gefunden zu haben: „Durch meine Arbeit definiere ich mich immer wieder neu. Ich habe nie den konventionellen Vorstellungen entsprochen und dennoch habe ich es geschafft. Und so habe ich erkannt, dass es meine Aufgabe ist, Toleranz und Akzeptanz zu vermitteln. Wir müssen den Menschen beibringen, sich selbst zu lieben und sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Ich möchte zeigen, dass man es schaffen kann."

Es braucht mehr starke und temperamentvolle Vorbilder wie Refilwe Modiselle.