02.02.2016
Übersetzt von Uta Stareprawo

Es ist 11 Uhr, als Berthe Ngo Bahanack voller Zuversicht und Ehrgeiz ihren Arbeitstag beginnt. Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns, auch Stadt der sieben Hügel genannt, liegt längst unter der sengenden Hitze der Trockenzeit. Berthes Arbeitskleidung wirkt im Vergleich fast winterlich. Eine Kappe bedeckt ihre langen Dreadlocks, dazu ein Schal um den Hals und ein Pullover unter einem grün-gelben Polohemd – und das bei tropischen Temperaturen. „Ich bin den ganzen Tag draußen unterwegs. Ob pralle Sonne wie heute oder Regen, ich bin gut gerüstet.“

Ihr Geld verdient Berthe mit fremden Sparbüchern in der Hand. Denn sie ist Sammlerin - wobei dieser Begriff leicht in die Irre führt, denn eine entsprechende Berufsbezeichnung gibt es im Deutschen nicht. Tagtäglich klappert sie die Märkte, Boutiquen, Werkstätten, und Wohnhäuser der Metropole ab, sammelt das Ersparte ihrer Kunden und bringt es zur Bank. Für Rodrigue Ekani Ekani, Leiter einer Bankfiliale in Yaoundé, ist der Sammler praktisch ein Handelsvertreter. „Er wird im Allgemeinen als Sammler bezeichnet, weil das Einsammeln der Spareinlagen sein Hauptprodukt ist. Er verschafft Menschen mit geringem oder unregelmäßigem Einkommen Zugang zu den Banken. Der Sammler ist das Bindeglied.“

Eigentlich hat das Kleinsparwesen, auch Mikrofinanz genannt, eine lange Geschichte. In Kamerun wurde es bereits 1963 unter dem Einfluss niederländischer Missionare erstmals eingeführt. Doch so richtig kam das Konzept erst Anfang der 1990er Jahre in Schwung. Eine schwere Wirtschaftskrise hatte kurz zuvor zum Zusammenbruch vieler Großbanken geführt. Und so wurde Platz für neue Geschäftsmodelle. Heute ist der Erfolg der Mikrofinanz enorm. Während es 2001 noch 44 zugelassene Mikrofinanz-Institutionen in Kamerun gab, waren es 2015 bereits 418. Die Zahl der Sammler im Land geht in die Tausende. „Die Sparte wächst und wächst. Ohne die Sammler wäre das gar nicht möglich“, fügt Ekani Ekani hinzu.

Die Geschäfte laufen ausgezeichnet

Seit einigen Jahren ist der Anblick von Sammlern, die auf der Suche nach potentiellen Sparern durch die Hauptstadt streifen, keine Seltenheit mehr. Ein Zeichen dafür, dass die Geschäfte gut laufen. „Es ist ein Beruf, der einen Menschen ernährt. Ich habe drei Kinder zu versorgen. Sie gehen alle in die Schule. Ich bezahle meine Miete selbst. Ich bin wirtschaftlich nicht mehr von meiner Familie abhängig“, sagt Berthe stolz.

Doch die Geschäfte liefen nicht immer so gut. Nach ihrem Abitur hatte Berthe noch davon geträumt, an der Universität Jura zu studieren und später Anwältin zu werden. Aber das Schicksal entschied anders. Mit nur 17 Jahren wurde sie zum ersten Mal Mutter. Die meisten ihrer Mitmenschen ließen sie im Stich. Sie musste kämpfen, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Eine Zeitlang leitete sie eine Cafeteria im Quartier Ngousso, bis sie im November 2013 von ihrem jetzigen Kollegen Charles angesprochen wurde – eigentlich nur als potentielle Kundin. Doch Berthe kam auf den Geschmack und wechselte den Beruf.

Hobby-Psychologe und Vertrauensperson

Seit gut zwei Jahren ist die heute 30-Jährige nun im Geschäft. Seitdem hat sie sich ein Netz mit mehr als 1.000 Kunden aus verschiedenen Branchen aufgebaut. Eine Höchstleistung, die sie unbestreitbar zu einer der besten Sammlerinnen von Yaoundé, vielleicht sogar des ganzen Landes macht. „Man muss unermüdlich Präsenz zeigen. Und eigentlich muss man ein guter Psychologe sein. Ich begleite viele meiner Kunden jeden Tag. Vielen muss man erst einmal verständlich machen, warum es nützlich sein kann zu sparen - und das natürlich immer freundlich und höflich. Das geht nur, wenn man seinen Beruf auch gerne macht“, erklärt sie ohne Zögern den Schlüssel zu ihrem Erfolg.

 

Berthe Ngo, Kamerun
Berthe bei der Arbeit

Berthes Leidenschaft lässt sich spätestens dann erkennen, wenn man mit ihren Kunden spricht. „Berthe ist die Bank in meiner Nähe. Dank ihr kann ich sparen und meine Werkstatt ausstatten. Ich bin vollkommen zufrieden!“ sagt der Tischler Etienne Fonkou Fosso vertrauensvoll. Auch die sechzigjährige „Mama Miel“, eine Verkäuferin mit dem wohl besten Honig der Stadt, empfindet das so. „Ich muss für Einzahlungen nicht mehr zur Bank gehen. Und so spare ich Zeit und Geld“, erklärt sie.

Ein faszinierender und anstrengender Beruf

Die Beziehung zwischen Berthe und ihren Kunden ist heute längst nicht mehr rein geschäftlich. „Meine Kunden sind meine zweite Familie. Wir unterstützen uns gegenseitig, und meine Kunden vertrauen sich mir an wie einem Arzt oder einem Pastor“, erzählt sie. Das erklärt auch die Sorge ihrer „Freunde“, wie sie ihre Kunden liebevoll nennt, wenn sie einmal unangekündigt bei der Arbeit fehlt. Sofort kommen zahlreiche SMS und Anrufe. „Sie erkundigen sich nach mir. Das ist ein Trost, wenn ich krank bin oder es mir schlecht geht“, fügt sie hinzu.

Als Sammler zu arbeiten heißt aber auch, die mit dem Beruf verbundenen Herausforderungen zu akzeptieren – Tag für Tag. Die größte ist natürlich das viele Laufen. Mindestens sieben Stunden am Tag sind die Handelsvertreter auf den Beinen. Diesen Preis muss jeder Sammler bezahlen, egal ob Amateur oder Profi. „Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich körperlich erschöpft. Ich würde mich am liebsten sofort in mein Bett legen und mich erholen. Aber als Mutter muss man nun einmal zuerst den Kindern etwas zu essen machen und ihnen bei den Hausaufgaben helfen“, sagt sie.

Und es bleibt eine ständige Unsicherheit: Denn die Sammler werden auf Provision bezahlt. Der Beruf geht also mit der Pflicht einher, auch wirklich Erfolg zu haben. Berthe sieht das allerdings sportlich: „Ein gewisser Druck muss schon sein. Er verleiht einem doch erst die nötige Motivation“, versichert sie. „Aber erleichtert bin ich schon, wenn die Zahlen stimmen. Dann kann ich ruhig schlafen und den nächsten Tag gelassen angehen.“ Mit fünf neu geworbenen Kunden und einem ziemlich guten Umsatz war heute ein sehr erfolgreicher Tag. Die Freude steht der jungen Frau ins Gesicht geschrieben.