12.05.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Mit dem Siegeszug des kenianischen Bezahlsystems Mpesa fing alles an: Bargeldlose Bezahlsysteme über Mobilfunk sind in zahlreichen Regionen Afrikas auf dem Vormarsch. Ob im Taxi oder beim Bäcker - was in Europa noch undenkbar ist, nämlich gänzlich ohne Bargeld und nur mit dem Handy zu bezahlen, gehört in Ländern wie Kenia oder Malawi mittlerweile zum Alltag. Bereits 656 Millionen US-Dollar wurden im Jahr 2014 auf diesem Weg umgesetzt. Innerhalb der nächsten vier Jahre soll sich diese Zahl sogar verdoppeln.

Aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive handelt es sich bei diesem Phänomen um ein sogenanntes Leapfrogging: Anstatt mit großen Volkswirtschaften gleichzuziehen und ein stationäres Bankensystem wie beispielsweise in Deutschland zu etablieren, wird ein gesamter Entwicklungsschritt übersprungen und durch Innovationen ersetzt.

Große Unternehmen haben die Größe des Absatzesmarktes bereits erkannt und investieren verstärkt in die E-Payment-Systeme.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war jeder Geldtransfer vom und ins ländliche Malawi mit gehörigem Aufwand verbunden. Jede Transaktion bereitete Kopfzerbrechen, denn im Malawi fernab der Städte gibt es keine Banken, die einen schnellen, sicheren und verlässlichen Austausch bereitstellen könnten.

Lediglich 15 Prozent der malawischen Bevölkerung haben Zugang zu Bankdienstleistungen. Da diese hauptsächlich in größeren Städten angeboten werden, wird der Geldtransfer mit Verwandten oder Geschäftspartnern in ländlichen Regionen durch viele Hindernisse erschwert. Die sicherste Variante war lange Zeit der Postdienst. Eine mehrtägige Wartezeit war da die Regel, ehe das Geld überwiesen war.

In den vergangenen drei Jahren hat sich die Situation jedoch deutlich verbessert. Inzwischen haben sich diverse Mobile-Payment-Plattformen auf dem malawischen Markt etabliert. Sie bieten eine schnelle, einfache, bequeme und sichere Möglichkeit, Geld zwischen zwei Parteien zu transferieren. So kann beispielsweise ein Produkt mit dem Mobiltelefon bezahlt werden. Das Handy wird zur elektronischen Brieftasche.

Die Zahl der Kunden steigt rapide an

Vorreiter dieser Zahlmethode in Malawi war das Unternehmen Airtel (damals Zain). 2010 stellte es die Software „Khusa Mjanja“ (etwa: Brieftasche in deiner Hand) vor. Drei Jahre später präsentierte die Konkurrenz der Telekom Networks Malawi (TNM) ihren eigenen Service: „Mpamba“ (etwa: „Start-Up-Kapital“). Einer Untersuchung zufolge, welche die Zentralbank Malawis im Dezember 2015 veröffentlichte, gibt es im gesamten Land aktuell etwa 2,2 Millionen Mobile-Payment-Konten.

Auch andere Zahlen verdeutlichen, dass die malawische Bevölkerung – über Milieugrenzen hinweg – immer seltener in traditionelle Bankfilialen geht und stattdessen lieber zum Handy greift: Lediglich 170 Bankfilialen sehen sich insgesamt 11.000 Handelspartnern im Mobile-Payment-Markt gegenüber. Im vergangenen Jahr verzeichnete die neue Zahlungsmethode vier Millionen Transaktionen im Wert von 16 Milliarden Malawi-Kwacha (20,3 Millionen Euro).

Mercy Mulinga wohnt außerhalb des Handelszentrums von Blantyre, dem wirtschaftlichen Herzen Malawis. Auch die junge Frau ist in ihrer ländlichen Heimat auf das E-Geld angewiesen. Sie lobt die neue Methode in höchsten Tönen. Endlich kann sie Überweisungen von ihrem Mann empfangen, der 300 Kilometer entfernt in Malawis Hauptstadt Lilongwe arbeitet. Da sie nicht über ein Bankkonto verfügt, schickte ihr Ehemann das Geld bisher mit der Post. Doch es dauerte stets etliche Tage, ehe die Sendung bei ihr eintraf. Dank Mobile-Payment verkürzt sich die Wartezeit dramatisch.

„Jetzt dauert es nur wenige Minuten, bis ich das Geld für meine drei Kinder und mich erhalten habe. Außerdem muss ich nun nicht mehr so weit fahren wie bisher, um mir die Schecks auszahlen zu lassen. Denn auszahlende E-Geld-Vertreter gibt es auch in meinem Viertel“, berichtet Mulinga.

Auch Sautso Ngalande vertraut auf die elektronische Brieftasche. Ngalande ist ein kleiner Gemüsebauer, der seine Produkte an Restaurants und Imbisse in Blantyre verkauft. Seine Kunden kommen zu ihm, nehmen ihre Ware mit und zahlen 30 Tage später. Bisher taten sie dies per Scheck, was Ngalande wiederum Zeit und Geld kostete, da er die Schecks in der Stadt einlösen musste.

Mittlerweile können ihm seine Kunden das Geld via Mobile-Payment schicken. Und einlösen kann er die elektronische Zahlung fast überall.

„Durch das Mobile-Payment habe ich weniger Ausgaben, da ich nicht mehr nach Blantyre reisen muss, um meine Schecks einzulösen. Jetzt gehe ich einfach zu einem Anbieter in meiner Nähe und lasse mir so viel auszahlen, wie ich brauche. Der Rest bleibt in meinem E-Portemonnaie“, erläutert Ngalande.

Von Zeit zu Zeit kommt es zu Auszahlungsschwierigkeiten

Nichtsdestotrotz sieht der Gemüsebauer noch Verbesserungspotenzial. So konnte ihm einige Male nicht der gewünschte Betrag ausgezahlt werden, da der örtliche Mpamba-Vertreter kein Bargeld mehr hatte. Größere Auszahlungen dauern also auch via Mobile Payment mitunter mehrere Tage.

„Manchmal bin ich schon enttäuscht, wenn mir der Händler sagt, er hätte nicht genug Bargeld, um mir den gewünschten Betrag zu geben. Stattdessen bittet er mich dann, in zwei Tagen wiederzukommen. So kommt es auch jetzt noch bei manchen Projekten zu Verspätungen, oder sie scheitern gänzlich“, beklagt Ngalande.

Mary Mathewe ist einer dieser Anbieter in Blantyre. Sie gibt zu, dass es manchmal zu Schwierigkeiten bei der Auszahlung kommt, insbesondere bei größeren Summen. Sie selbst betreibt nur einen kleinen Lebensmittelladen. Deshalb kann Mathewe den Service nur so lange anbieten, wie ihr Geschäft mehr Geld in die Kasse spült, als durch das Mobile-Payment abgehoben wird. Und das sei eben nicht immer der Fall. Doch Mathewe gibt sich zuversichtlich: „Je mehr Leute auf das E-Geld setzen und den Dienst auch in ländlichen Regionen nutzen, um ihr Geld zu verwahren, desto seltener werden die Probleme.“

Für Rechnungen nicht mehr anstehen müssen

Während die meisten Transaktionen noch im Sinne der klassischen Überweisung zwischen zwei Leuten ablaufen, entwickelt sich inzwischen ein weiteres Einsatzgebiet: Immer mehr Leute nutzen den Dienst, um damit ihre regelmäßigen Rechnungen und andere Dienstleistungen zu bezahlen. Insbesondere die Mittelschicht, die häufiger solche Überweisungen machen muss, greift auf das Mobile-Payment zurück.

Überweisungen werden dadurch weniger aufwändig. Schließlich entfällt das lange Warten am Schalter einer Bankfiliale. Stattdessen zückt der Nutzer einfach sein Handy, überweist wann und wo es ihm passt und spart somit Zeit und Geld – zwei kostbare Ressourcen, die sich nun anderswo einsetzen lassen.

„Unabhängig von der Möglichkeit des Finanztransfers sehe ich das 'Mobile Money' als eine Revolution in der Art und Weise, wie wir Rechnungen bezahlen. Es ist viel einfacher geworden“, sagt James Duncan, Mitarbeiter einer Versicherungsfirma. „Bisher musste ich in meiner ohnehin schon knappen Zeit jedes Mal zur Bank gehen, nur um die Betriebskosten zu begleichen. Jetzt läuft das alles ganz entspannt über mein E-Portmonnaie.“

Schlechte Zeiten für Taschendiebe

Außerdem könne er in Malawi mittlerweile in vielen Geschäften mit dem Handy bezahlen, da sich das Mobile-Payment bei immer mehr Händlern als alternative Zahlungsmöglichkeit etabliert hat, berichtet Duncan. Seitdem ist es nicht mehr nötig, größere Summen Bargeld mit sich zu führen. Er fühlt sich sicherer, wenn er unterwegs ist, denn ein Überfall ist bei ihm nicht mehr sonderlich lohnenswert.

„Letzten Monat habe ich etwas Baumaterial in der Stadt gekauft und war positiv überrascht, als der Händler sagte, er würde auch die Zahlung per Mobile-Payment akzeptieren. Also zückte ich mein Handy und die Sache war erledigt. Einfacher geht es wirklich nicht“, schwärmt Duncan.

Seit kurzem ist der Dienst zudem nicht mehr nur auf Malawi beschränkt, sondern wurde über die Landesgrenzen hinaus erweitert. Mithilfe von Airtel Money können Malawier, die in Südafrika leben und arbeiten, ihre Familien in der Heimat nun finanziell unterstützen. Insgesamt folgten über eine Million Wanderarbeiter aus dem kleinen Staat dem Ruf nach wirtschaftlich besseren Chancen an der Südspitze des Kontinents. Internationales Mobile-Payment wird diesen Menschen helfen, Geld schnell und einfach in die Heimat zu überweisen.

Finanzexperten äußern Bedenken

Finanzexperten sehen die aktuelle Situation jedoch teilweise kritisch. Sie bemängeln vor allem fehlende gesetzliche Rahmenbedingungen, die die Dienstleistung regeln, und fürchten das Risiko der Geldwäsche. Einzige Voraussetzung, um das Mobile-Payment anzubieten, ist bislang eine offizielle Unbedenklichkeitserklärung („Letter of No Objection“) von Malawis Zentralbank. Jeder Mobilfunkbetreiber mit diesem Schreiben kann den Geldtransfer anbieten. Gleichzeitig bleibt er offiziell jedoch ein Mobilfunkbetreiber – und kein Finanzdienstleister. Somit greifen auch keine Regularien des Finanzsektors.

„Wir müssen diese mobilen Zahlungsmöglichkeiten unbedingt vollständig den Währungsgesetzen des Landes unterstellen. Ansonsten ist dies eine Einladung zur Geldwäsche“, erklärt der Finanzrechtsexperte Sunduzwayo Madise von der Universität von Malawi.

Zweifellos steckt bargeldloses Banking in Malawi noch in den Kinderschuhen. Weitere Verbesserungen sind notwendig. Doch eines steht schon jetzt fest: Diese neue Zahlungsart hat den Geldtransfermarkt schon jetzt revolutioniert. Sie macht ländliche Regionen für die malawische Wirtschaft erreichbar und beseitigt damit alten Hürden für die Landbevölkerung. In den Städten wiederum senkt sie die Transaktionskosten für Geschäfte und trägt damit zur wirtschaftlichen Dynamik im südlichen Afrika bei.