17.05.2016
Übersetzt von Konstantin Meisel

Zwischen 1200 und 2000 Sprachen werden in Subsahara-Afrika gesprochen. Genauer kann die Vielfalt nicht beziffert werden. Denn einerseits gibt es viele Überschneidungen zwischen einzelnen Sprachen und Dialekten, andererseits ist die Sprachenvielfalt Afrikas bisher auch nur marginal erforscht.

Im Zuge von Nationbuilding-Prozessen nach der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt die Vielfalt der Sprachen lange als Hindernis für eine gemeinsame Identität. Dementsprechend entschieden sich viele Staaten für die europäischen Kolonialsprachen als offizielle Amtssprachen. Heute ändert sich diese Sichtweise zunehmend hin zu mehr Pluralismus. (Bundeszentrale für politische Bildung)

Zahlreiche afrikanische Wissenschaftler und Vordenker fordern zudem, dass afrikanischen Sprachen in Bildung, Philosophie und Publizistik mehr Platz eingeräumt werden sollte.

Wenn in Kamerun eine Lehrkraft den Klassenraum betritt, lautet die übliche Begrüßung „Bonjour!“, „Good morning, class!“, „Guten Tag!“ oder „Buenos días“. Wenn Séraphine Ntolo Essama den Klassenraum betritt, ertönt hingegen die zentralkamerunische Sprache Ewondo: „mbƏmbƏ kidi!“. Die Lehrerin für Nationalsprachen unterrichtet im zweisprachigen Gymnasium Essos mitten im Stadtzentrum von Yaoundé: „Seit zwei Jahren unterrichte ich an dieser Schule nationale Sprachen und Kulturen. Ich bin stolz, unsere Sprachen zu erhalten und aufzuwerten, indem ich sie an die jungen Menschen weitergebe. Das ist das einzige, was ich als Lehrerin tun will. Denn unsere Sprachen und Kulturen sind vom Aussterben bedroht.“

Nationalhymne von Kamerun auf Ewondo in dem Heft eines Gymnasiasten
Die Nationalhymne Kameruns auf Ewondo

Nationalsprachen, nationale Kultur, Kunst- und Kulturerziehung: Mit diesen neuen Fächern soll im kamerunischen Bildungssystem die kulturelle Identität gestärkt werden. Erst 2014 hat die junge Lehrerin ihren eigenen Abschluss an der Hochschule „École Normale Supérieure“ in Yaoundé gemacht, heute unterrichtet sie bereits elf Klassen mit insgesamt rund 900 Schülern. Das sind im Schnitt etwa 80 Schüler pro Klasse. Doch das ist nicht das eigentliche Problem: „Ich bin die einzige Lehrerin für nationale Sprachen und Kultur an diesem Gymnasium. Ich unterrichte 22 Stunden pro Woche, das liegt deutlich über dem Durchschnitt von 18 Stunden pro Woche. Außerdem gibt es viel zu wenig Lehrkräfte und keine Lehrbücher für nationale Sprachen.“ Hinzu komme, dass das Bewusstsein für das Unterrichten von Nationalsprachen in der Bevölkerung noch nicht vorhanden sei.

Mit 239 Sprachen hat Kamerun eine außergewöhnlich reiche Sprachenvielfalt. Es stellt sich daher die Frage, welche Sprachen unterrichtet werden sollen. Séraphine Ntolo Essama erklärt das Auswahlverfahren: „Wir unterrichten Sprachen, die bereits eingehend wissenschaftlich untersucht wurden. Außerdem müssen die Sprachen verschriftlicht werden können, über eine große Anzahl von Sprechern verfügen und, vor allem, zum gegenseitigen Verständnis dienen können.“ Bis jetzt wurden in den zehn Regionen Kameruns rund 30 solcher Sprachen verzeichnet.

Das Erbe der Kolonialzeit

Der Unterricht von Nationalsprachen in Kamerun lässt sich bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen. 1884 hatte die deutsche Kolonialverwaltung den Sprachunterricht an Schulen institutionalisiert, um die Kommunikation mit der einheimischen Bevölkerung zu erleichtern. „Die Deutschen haben sich auf Sitten und Bräuche in Kamerun eingelassen“, so Ntolo Essama.

Der Schüler Styve Pokam Taabo mit seinem Hausaufgabenheft
Der Schüler Styve Pokam Taabo mit seinem Hausaufgabenheft

Doch mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs kam die französische Kolonialverwaltung. Das Schulsystem änderte sich grundlegend: Nationalsprachen wurden verboten und nur noch als primitive Dialekte abgetan. Sie galten als Sprachen der Wilden und der Tiere. Die Spezialistin für Nationalsprachen kennt die Bestrafung der Schüler, die beim Sprechen ihrer Muttersprache erwischt wurden: „Wer es wagte, seinen Dialekt in der Schule zu sprechen, der wurde schwer bestraft, bisweilen öffentlich verprügelt.“

Erst Anfang der 1980er Jahre änderte sich der Diskurs um Nationalsprachen wieder. Kamerunische Anthropologen und Linguisten stießen die Diskussion über die Bewahrung von Nationalsprachen und damit über ihre Einführung in den Lehrplan an. Hochrangige Wissenschaftler des Landes waren an dieser Bewegung beteiligt und trugen dazu bei, den Nationalsprachen zu neuer Wertschätzung  zu verhelfen. Ihr Engagement wurde schließlich belohnt: Am 14. April 1998 erließ Präsident Paul Biya, der bis heute im Amt ist, das Gesetz zur Bildungsreform in Kamerun. Das wichtigste Ziel darin ist die Erziehung junger Kameruner zu Bürgern, die fest in ihrer Kultur verwurzelt und dennoch weltoffen sind. „Dieses Gesetz ist die Legitimation des Nationalsprachen-Unterrichts an den Schulen“, sagt die Lehrerin Ntolo Essama.

Seit nunmehr fünf Jahren werden Nationalsprachen in zahlreichen Bildungsinstitutionen  unterschiedlicher Art wieder unterrichtet. An Universitäten und Hochschulen wurden zudem Fakultäten für Nationale Sprachen und Kulturen eröffnet. „Für mich ist das eine wahre Bildungs- und Kulturrevolution. Wir werden Experten für unsere eigenen Sprachen heranbilden“, freut sich die Pädagogin.

Schüler und Studenten sind begeistert

Sowohl Lernende als auch fachfremde Lehrer interessieren sich für den Unterricht der Nationalsprachen. „Im ersten Kurs des Jahres sind die Gesichter der Schüler noch voller Ehrfurcht. Doch sobald sie einmal mit der Sprache in Berührung gekommen sind, weicht ihre Angst, und an ihre Stelle treten Begeisterung und Spaß. So wird die Sprache zu einem kulturellen Faktor, der ganz einfach die Disziplin unter den Schülern fördert“, berichtet Ntolo Essama von ihren Erfahrungen als Lehrerin.

Die Lehrerin und ihre Klasse
Lehrerin Seraphine Ntolo Essama und ihre Klasse im zweisprachigen Essos-Gymnasium von Yaoundé.

Der Inhalt des Sprachunterrichts ist so vielfältig wie die Kultur Kameruns in all ihren Facetten - von Architektur über Medizin bis hin zu Kulinarischem. „Ich mag den Kurs, weil wir außer meiner Muttersprache noch andere Nationalsprachen lernen. So kann ich einfacher mit anderen Kamerunern kommunizieren. Das fördert meine kulturelle Identität und unterstützt meiner Meinung nach Frieden und nationale Einheit“, bekräftigt Marie Danielle Mbang, eine Schülerin von Séraphine Ntolo Essamas. Ihre Klassenkameradin Christine Assomo Bessika ist ähnlicher Meinung: „Unsere Nationalsprachen sind die Sprachen unserer Herzen. Sie helfen mir, meine Wurzeln zu verstehen. Ich bin stolz, eine Kamerunerin mit einer eigenen Muttersprache zu sein. Ich fühle mich tiefer mit meiner Kultur verbunden, wenn ich die Nationalhymne oder andere Lieder auf Ewondo singe oder ein Gedicht auf Ewondo aufsage.“