30.04.2015
Übersetzt von Antje Heinrich

Übergangspräsident Michel Kafando und Premierminister Isaac Zida wälzen das Thema Sankara zu fast jeder ihrer wichtigen Stellungnahmen genüsslich aus. In seiner Neujahrsansprache schien der Übergangspräsident einen weiteren Schritt in Richtung Aufklärung der Affäre zu machen: "Im Rahmen der angekündigten Maßnahmen hat die Regierung beschlossen, der Familie des Präsidenten Thomas Sankara die Mittel zu dessen Exhumierung zur Verfügung zu stellen". Diese Ankündigung des Präsidenten passt zu seiner ersten wichtigen Äußerung in Bezug auf den Fall, anlässlich seines Amtsantrittes im Sportpalast in Ouagadougou. Dort erklärte er am 21. November 2014: „Ich habe außerdem entschieden, dass die Ermittlungen zur Identifizierung der Leiche Thomas Sankaras nicht mehr rechtlichen Entscheidungen unterliegen, sondern Aufgabe der Regierung sind und bereits jetzt, am heutigen Tag, in diesem Moment, die Genehmigung erteilt ist.“

Diese kurze, jedoch für die Erklärung eines Staatschefs von Burkina Faso historische Passage, hatte Michel Kafando einen halbminütigen tosenden Beifall eingebracht. Am 31. Dezember 2014 unterstrich er erneut seine Absichten in der Affäre Thomas Sankara. Damit unternimmt der Präsident der Übergangsregierung kleine Schritte. Aber gehen diese auch in die richtige Richtung? Glaubt man den Worten Kafandos, so könnte die Angelegenheit Sankara damit recht einfach gelöst werden. Der Familie würde das nötige Geld zur Verfügung gestellt, sodass diese selbst einen Experten zur Öffnung des Grabes und zur DNA-Analyse hinzuziehen könnte, um die Identität der Leiche endgültig festzustellen. 

Gedenkfeier in Burkina Faso für getöteten Journalisten
Eine Gedenkfeier für den 1998 ermordeten kritischen Journalisten Norbert Zongo. Auch sein Fall wird jetzt wieder aufgerollt.

Die Übergangsregierung macht es sich zu einfach

Eine derartige Vereinfachung der Sache Thomas Sankara zeigt, dass das Anliegen der Familie des verstorbenen Präsidenten falsch verstanden wurde. Die Aufklärung des Mordes an Thomas Sankara, der vom August 1983 bis Oktober 1987 Präsident des Landes war, ist ein Fall für die Justiz und somit an erster Stelle eine Staatsangelegenheit. Sankaras Familie war weder bei seiner Erschießung noch bei seiner Beisetzung anwesend. Wie alle Burkinabé (abgesehen von den Befehlsgebern und ihren Komplizen) wurde auch die Familie vor vollendete Tatsachen gestellt, als sie ein Grab auffand, welches als das des ehemaligen Präsidenten Sankara ausgewiesen war. Der Hintergrund der Klage der Familie Sankaras ist also, die Schuldigen des Mordes ausfindig zu machen. Als Präsident Kafando am 31. Dezember die Bereitstellung finanzieller Mittel ankündigte, kam er zu dem Schluss: „Wie warten also nur noch auf die Reaktion der Familie des Verstorbenen“.

Das ist schon fast eine Banalisierung der Affäre Thomas Sankara, denn an finanziellen Mitteln zur Hinzuziehung von Experten fehlte es der Familie nie. Zumindest führte sie fehlendes Geld nie als Hindernis an. Und selbst wenn, so wären „Tausende von Sankaras“ - wie es der Verstorbene selbst prophezeite - verteilt in der ganzen Welt, bereit, die nötigen Gelder aufzubringen. Die Exhumierung der sterblichen Überreste des Präsidenten Sankara erfordert nicht nur die Genehmigung der Justizbehörden und politischen Stellen Burkina Fasos, sondern auch die volle Verantwortung des burkinischen Staates bei der Durchführung des Prozesses und zwar vom Anfang bis zum Ende. Die Begutachtung des Grabes ist kein Selbstzweck und kann nicht getrennt von der rechtlichen Behandlung des Falles betrachtet werden, die Justiz agiert unabhängig von Anordnungen der Regierung.

Keine Aufklärung zu Zeiten Compaorés

Anstatt lediglich die Untersuchung des Grabes zu betrachten, sollte diese zu einem Teil einer viel wichtigeren gerichtlichen Voruntersuchung gemacht werden. Und genau dort spielt der kommissarische Regierungschef Isaac Zida als Verteidigungsminister und Minister für Kriegsveteranen eine entscheidende Rolle. Der Fall Sankara muss als in höchstem Maße militärische Angelegenheit vor einem Militärgericht verhandelt werden. Unter dem gestürzten Regime von Blaise Compaoré gab es nie Ermittlungen, da das Verteidigungsministerium die Bearbeitung des Falls blockierte. Es untersteht dem Verteidigungsminister diese Sperre aufzuheben und Ermittlungen voranzutreiben. Und da wir „auf der Höhe der Zeit“ sind, wie es Präsident Kafando gern unterstreicht, ist das ganz einfach, glaubt man den Worten des Verteidigungsministers höchstpersönlich. Regierungschef Isaac Zida erklärte in einem Interview Ende November 2014: "Wir werden den Fall wieder vollkommen neu aufrollen und Gerechtigkeit walten lassen". Genau diesem Optimismus müssen nun konkrete Taten folgen. Und das ist nicht Aufgabe der Familie Sankara und ihrer Anwälte, die schon alles gegeben haben, ohne je etwas zurückzubekommen. Die Familie sollte hinsichtlich der Begutachtung des Grabes lediglich als Beteiligte (oder vertreten durch Repräsentanten) erscheinen, um die Glaubwürdigkeit der Testergebnisse zu gewährleisten. Anstatt also die Reaktion der Familie des Verstorbenen abzuwarten, sollten Präsident Kafando und Regierungschef Zida im Namen des Staates die vollkommene Verantwortung übernehmen. Der Staat ist noch immer am Zug.

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Aktualisierung durch den Autor von Anfang April 2015:

Seit der Neujahrsansprache des Präsidenten Kafando hat der Fall Thomas Sankara mehrere Wendungen genommen – und das trotz des mangelnden Verständnisses zwischen der Familie und den Anwälten auf der einen Seite und den Behörden der Übergangsregierung auf der anderen. Im März wurden mehrere Schritte in Richtung Wiederaufnahme des Falles unternommen. Zunächst verabschiedete der Ministerrat am 4. März einen Berichte zur „Aktenlage anhängiger Verfahren zu Gewalt- und Wirtschaftsverbrechen“. Darin wird klargestellt: „Die wichtigsten aktuell im Landgericht von Ouagadougou verhandelten Gewaltverbrechen betreffen die Fälle Thomas Sankara, Norbert Zongo, Boukary Dabo, Flavien Nebié, Salif Nebié, die grausigen Entdeckungen im Wohnsitz von François Compaoré [dem Bruder des Ex-Präsidenten Blaise Compaoré, Anm.d.R.] und die Verbrechen und Vergehen gegen Menschen und Eigentum, die beim Volksaufstand Ende Oktober 2014 begangen worden waren.“ Der Rat beauftragte die verantwortlichen Minister damit, „geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Aufklärung dieser großen Fälle am Landgericht von Ouagadougou zu beschleunigen“. Derselbe Ministerrat erließ am 5. März 2015 ein Dekret zur Exhumierung und Begutachtung der sterblichen Überreste des Präsidenten Thomas Sankara. Diese Genehmigung ermöglicht es den Nachkommen Sankaras, dessen mutmaßliches Grab zu öffnen, um alle zur Identifizierung der Leiche notwendigen Gutachten durchzuführen.

Am 13. März 2015 wurde der Fall Sankara von den Anwälten der Familie rekonstruiert und den Behörden übergeben. Am 20. März traf sich die Justizministerin Joséphine Ouédraogo mit dem Anwalt der Familie und bestätigte, dass der Fall dem Verteidigungsministerium übergeben wurde. Daraufhin befahl Regierungschef Zida dem Generalkommissar die Weiterverfolgung des Falles durch die Militärjustiz. Es wurde folglich ein Strafantrag gestellt und dem Untersuchungsrichteramt übergeben. Am 24. März empfing Präsident Kafando persönlich die Anwälte der Familie Sankara im Rahmen einer Audienz zum Fall. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich also klar sagen, dass der Fall Thomas Sankara nach 18 Jahren Blockierung nun endlich wieder aufgenommen wird.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Nr. 68 des Journals Mutations vom 1. Januar 2015.

Erstveröffentlichung: Affaire Thomas Sankara. Le Président Kafando est sur une mauvaise piste.