24.11.2015
Übersetzt von Elisabeth Simonson

Onsephore Ndayirorere runzelt die Stirn beim Gedanken an die Aggressivität, die in seinem Viertel herrscht. „Vor diesem schicksalhaften Tag war das Leben besser“, erzählt der 40Jährige. „Doch ein Unglück kommt selten allein.“

Gemeint ist jener Tag Ende April, als Präsident Pierre Nkurunziza ankündigte, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Hunderttausende Burundier gingen auf die Straße. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen. Seither haben mehr als 200.000 Menschen das Land verlassen. Ndayirorere blieb. „Mein Geschäft geht schlecht, seit die Krise begonnen hat. Mir fehlen die Mittel, um mich mit meiner Frau und unseren drei Kindern woanders niederzulassen.“ Er lebt mit seiner Familie in Mutakura, der „Rebellenhochburg“. Einst war das Viertel im Norden der Hauptstadt Bujumbura eine beliebte Gegend. Heute steht es beinahe leer und man zählt mindestens zwei Tote pro Tag. Meist treffen jugendliche Oppositionelle auf eine bis an die Zähne bewaffnete Polizei, die hier nach Aufständischen sucht.

Auch nach den Wahlen im Juli, die Amtsinhaber Nkurunziza deutlich gewann, hat sich die Lage nicht stabilisiert. Absoluter Tiefpunkt war der Wahlmonat selbst: Eine noch nie dagewesene Gewalt richtete sich vor allem gegen die Einwohner der „oppositionellen Viertel“ Bujumburas (Cibitoke, Jabe, Musaga und Nyakabiga). Bis heute sind mehrere hundert Menschen im Zuge der Krawalle umgekommen. Allein diesen Monat haben 65.000 Menschen das Land verlassen. Laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) gehören Tansania, Ruanda, Uganda und die Demokratische Republik Kongo zu den wichtigsten Aufnahmeländern.

Wer bleibt, versucht mit allen Mitteln ein Versteck zu finden. „Ich habe eines unserer beiden Häuser verkauft, um meine Frau und unsere vier Kinder in Ruanda unterzubringen. Ich bleibe lieber allein in diesem Land. Aber sollte die Krise anhalten, werde ich auch unser zweites Haus verkaufen“, sagt ein 58-jähriger Kaufmann, der seiner Familie das Leben im teuren Kigali ermöglichen will und seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. Wie er bleiben die meisten Eltern in Burundi, um das Leben und den Schulbesuch ihrer Kinder in Ruanda finanzieren zu können. Die Ärmeren begeben sich in Flüchtlingslager an den Grenzen.

Ein Flüchtlingslager an der Grenze
Ein Flüchtlingslager im Norden an der Grenze zu Ruanda.

Bleiben oder auswandern?

Die Einwohner der Grenzregionen fliehen in die Nachbarländer - auch ohne die nötigen Dokumente. Das betrifft vor allem die Bewohner der Provinzen Makamba im Süden und Kirundo im Norden Burundis. „Ich habe meine Kommune in Makamba verlassen, um zu meiner Familie in Tansania zu kommen. Uns wurde unsere oppositionelle Haltung zum Verhängnis, es kam zu Morddrohungen“, erzählt ein junger Mann. Er war gezwungen, sein Studium aufzugeben, um seine Haut zu retten.

Andere verlassen die Hauptstadt, um im Landesinneren nach einer Zuflucht zu suchen. „Im Oktober habe ich beschlossen, mit meiner Familie nach Mwaro ins Zentrum des Landes zu ziehen. Meine Kinder halten die ständigen Schusswechsel und nächtlichen Explosionen nicht mehr aus“, sagt Familienvater Claude Hamenyimana. Wer es sich leisten kann, zieht in sicherere, aber auch teurere Viertel wie Kinindo, Rohero, Gihosha oder Kigobe. „Ich muss jetzt eine Miete von 500.000 Fbu (ca. 300 Euro) zahlen. Vorher waren es nur 300.000 Fbu (ca. 180 Euro). Ich konnte nicht ins Landesinnere gehen, da ich sonst meinen Arbeitsplatz verloren hätte“, berichtet ein UN-Beamter. Ledige Männer und Frauen ziehen mitunter sogar in Hotels.

Viele Stadtviertel, vor allem die „oppositionellen Gegenden“, leeren sich derweil zusehends. Besonders abends herrscht gespenstische Ruhe. Dann durchqueren nur Polizeifahrzeuge die Straßen - bewaffnet mit Maschinengewehren und Panzerfäusten. Wer bleibt, lebt in Angst.

Dennoch sei die Sicherheit des Landes zu 98 Prozent gewährleistet - zumindest nach Einschätzung der Regierung. Laut Alain Guillaume Bunyoni, dem Minister für öffentliche Sicherheit, gibt es nur in Teilen der Viertel Ngagara und Cibitoke eine Sicherheitslücke. Deshalb ruft die Regierung ihre Bürger auf, nach Hause zurückzukehren. Einige folgten dieser Aufforderung - nur um nach weiteren Eskalationen wieder fliehen zu müssen.

Das Leben in Ungewissheit

Wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) berichtet, sind unter den Geflüchteten mehr Minderjährige als Erwachsene. Insgesamt schätzt die Organisation die Zahl der Flüchtlinge bis Jahresende auf 320.000. Um diese große Zahl an Menschen versorgen zu können, hat das UNHCR die internationale Gemeinschaft um eine Unterstützung in Höhe von fast 300 Millionen Euro gebeten. Doch bislang konnte nur weniger als ein Viertel der erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Die Lage in den Flüchtlingslagern ist angespannt. In Tansania beispielsweise arbeiten viele Flüchtlinge auf den Feldern der Einheimischen mit. Nur so kommen sie zu zwei bis drei Kilogramm Mais pro Tag. Doch auch die Binnenflüchtlinge, die in Burundi bleiben, haben Schwierigkeiten mit Unterkunft und Selbstversorgung. Oftmals sind sie auf Hilfe aus der Familie angewiesen. „Die anderen, die in Bujumbura geblieben sind, legen zusammen und kaufen uns Essen“, berichtet der 50-jährige Numérien Bavimbere, Vater von sechs Kindern. Er und seine Familie fanden Zuflucht in Gitega im Zentrum des Landes. Aber auch er fragt sich, wie lange er noch durchhalten kann.