06.08.2015
Übersetzt von Konstantin Meisel

„Es ist die Hölle. Wenn es so weitergeht, werden unsere Kinder bald verhungern. Wir werden schließen müssen, wenn die Politiker keine Einigung finden. Unsere Kunden haben Angst, auf den Markt zu kommen. Und auch wir, die Verkäufer, leben und arbeiten in ständiger Angst“ klagt Victoire Nkunzimana, mit ihrem Baby auf dem Rücken. Sie verkauft Nahrungsmittel auf dem Markt von Jabé, einem Viertel von Bujumbura. Dabei verdient sie nicht mehr als 30.000 Fbu (Burundi-Franc), also rund 14 € pro Woche. Das ist gerade einmal ein Fünftel dessen, was sie vor Pierre Nkurunzizas Ankündigung einer dritten Präsidentschaftskandidatur am 25. April verdiente.

Sein Leben bewege sich zwischen Furcht und Armut, sagt ein Kleiderhändler in der Innenstadt von Bujumbura. Die Leute fragen nicht mehr nach Kleidung, sondern nach Nahrung. „In den ersten zwei Krisen-Monaten habe ich gerade einmal 300.000 Fbu (140 €) verdient. Vor dem ,Schickalstag’ am 25. April verdiente ich in zwei Tagen genauso viel. Ich kann meine Miete nicht mehr zahlen, ich kann meine sieben Kinder nicht mehr ernähren. Wenn die Krise noch länger dauert, werde ich ins Hinterland ziehen müssen, um dort ein Stück Land zu bewirtschaften oder Kühe zu halten“, erklärt er mit erstickter Stimme.

„Vorräte, die vor der Krise angelegt wurden, sind mittlerweile aufgebraucht. Die Käufer haben Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. So sind zum Beispiel die Preise für Reis, Kartoffeln und rote Zwiebeln um fast 20 Prozent gestiegen“, erzählt Jovin Nyabenda, ein Verkäufer von Baustoffen.

Die Kommune Buyenzi ist bekannt für ihre Autowerkstätten.  Die Mechaniker beschäftigt jedoch nur noch das Kartenspiel, da die Kundschaft ausbleibt. Ein junger Mann aus der Gemeinde Musaga beweist Galgenhumor: „Sogar die Diebe verhungern. Sie wagen sich nicht mehr auf die Straße, aus Angst, von Demonstranten oder nächtlichen Patrouillen getötet zu werden.“

Die heftigen Proteste gegen die dritte Kandidatur Nkurunzizas und ihre gewaltsame Niederschlagung durch die Polizei haben bisher mehr als hundert Menschenleben gekostet. Zudem lähmen die Unruhen seit dem 26. April die wirtschaftliche Aktivität des Landes. Wirte, Schmuck- und Baustoffhändler, Obst- und Metallwarenhändler - niemand bleibt verschont. Ein Großteil privater Unternehmen ist bereits geschlossen. Ihre Verantwortlichen sind ins Ausland geflohen und haben die Angestellten ohne Arbeit zurückgelassen. „Wir haben unser Personal von über 400 auf 300 Bedienstete reduziert und deren Gehalt um 25 Prozent gekürzt“, gibt ein Hotelchef aus Bujumbura zu. Angestellte öffentlicher Einrichtungen kommen aus Angst nicht zur Arbeit. Andere fliehen sogar in die Nachbarländer.

Banken und Staatshaushalt sind betroffen

Nicht nur die Kunden, auch die Geldinstitute spüren die Auswirkungen der aktuellen Krise. „Die Kunden haben Angst vor der Zukunft. Daher zahlen sie das Geld nicht ein, sondern sie heben es ab. Es kursierten die wildesten Gerüchte, dass irgendwelche Übeltäter die Banken anzünden wollen. Die Devisen werden knapper, außerdem können wir immer weniger Kredite bewilligen. Ein Teil der Angestellten musste bereits entlassen werden, eine unserer Filialen musste sogar schließen“, erklärt ein Bankangestellter. Er befürchtet, dass weitere drastische Maßnahmen folgen, wenn die Krise andauert.

Die burundische Wirtschaft ist an einem toten Punkt, die Staatseinnahmen fallen ins Bodenlose. Von insgesamt 50 Milliarden Fbu (23,8 Mio. €) Staatseinnahmen pro Monat notierte die burundische Steuerbehörde OBR („Office Burundais des Recettes“) einen Einbruch um fast 10 Milliarden Fbu (4,8 Mio. €) für den Monat April, sowie jeweils 16 Milliarden Fbu (7,6 Mio. €) für die Monate Mai und Juni. Der Gesamtverlust beläuft sich also auf 42 Milliarden Fbu (20 Mio. €) für die drei Monate, was fast 3 Prozent des gesamten Staatshaushalts ausmacht. „Das ist nicht verwunderlich. Die Importeure sind entweder ins Ausland abgewandert, oder sie haben ihre Aktivitäten eingestellt. Die OBR erhält fast kein Geld mehr“, erklärt ein führender Angestellter im Finanzministerium.

Hinzu kommt, dass auch die Hilfe von außen versiegt, bei einer Wirtschaft, die zu 52 Prozent von der Unterstützung ihrer ausländischen Partner abhängt. Belgien, die USA und die Niederlande haben bereits ihre Zahlungen eingestellt und andere Partner drohen, das Gleiche zu tun. Inzwischen ist das Büro der Weltbank nach Nairobi umgezogen, das Büro des Internationalen Währungsfonds nach Kigali. Außerdem werden die Devisen auf dem Finanzmarkt knapp, der Burundi-Franc hat mehr als ein Drittel seines Werts verloren und die Preise steigen immer weiter.

Haushalten wird immer schwieriger

Mit dem Abzug der internationalen Wirtschaftspartner versiegte eine Geldquelle für den Staatshaushalt und für die Finanzierung der Wahlen. Die Regierung musste ihren Haushalt daher umstrukturieren. Durch einen Präsidentialerlass wurde am 21. Mai das Budget verschiedener Ministerien gekürzt (vor allem im Gesundheits-, Landwirtschafts- und Bildungsministerium). Damit konnten 44 Milliarden Fbu (fast 21 Mio. €) eingespart werden, die nun der Unabhängigen Nationalen Wahlkommission CENI („Commission Electorale Nationale Indépendante“) bereitgestellt werden sollen. Gleichzeitig wurden alle „guten Patrioten“ dazu aufgerufen, die Wahlen – darunter die äußerst umstrittene Präsidentschaftswahl am 21. Juli 2015 – durch Spenden finanziell zu unterstützen. Dafür wurde sogar ein Konto bei der burundischen Zentralbank eröffnet.

Doch nicht nur der Staat, auch zahlreiche Bürger mussten sich umstellen: Nur noch eine Mahlzeit pro Tag, kein Bier mehr, billigere Lebensmittel. Je nach Geldbörse und Gewohnheiten. Einige Burunder, die nach Ruanda geflohen waren, kommen dennoch in ihr Heimatland zurück: „Das Leben in Kigali ist doppelt so teuer wie das Leben in Bujumbura. Besser im Krieg als an Hunger sterben“, sagt einer von ihnen.

In einigen Vierteln wird die Versorgung mit Trinkwasser zum Problem. Bereits früh am Morgen stehen die Menschen mit Eimern und Kanistern in langen Warteschlangen vor den öffentlichen Wasserstellen. Strom wird selbst für die Stadtbevölkerung immer knapper, allerdings gehören kurzzeitige Ausfälle seit Jahren zum Alltag.

In diesem miserablen Klima ist der Zorn der politisch aktiven Zivilgesellschaft und der Oppositionspolitiker noch immer nicht verraucht. Hatte sie zuvor noch zu Demonstrationen aufgerufen, so kämpfen sie nun auf wirtschaftlicher Ebene weiter. Sie rufen dazu auf, in Zukunft möglichst auf Bier, Treibstoff und Mobiltelefone zu verzichten, da dies die wichtigsten Quellen für Steuereinnahmen sind. Vielleicht gelingt es ihnen auf diese Weise, eine Regierung in die Knie zwingen, die von außen ohnehin keine Unterstützung mehr erwarten kann.

 

Anmerkung der Redaktion: Allen Protesten und Einwänden gegen seine neuerliche Kandidatur zum Trotz hat Amtsinhaber Pierre Nkurunziza erwartungsgemäß die Präsidentschaftswahl am 21. Juli gewonnen. Wie die Wahlkommission (Céni) mitteilte, entfielen bereits in der ersten Wahlrunde 69,4 Prozent der Stimmen auf den 51-Jährigen. Der zweitplatzierte Agathon Rwasa kam lediglich auf knapp 20 Prozent der Stimmen. Zwar hatte dieser die Wahl im Vorfeld als illegitim bezeichnet, seine Kandidatur aber nicht formell zurückgezogen - anders als die meisten der insgesamt acht Präsidentschaftskandidaten, die auf dem Wahlzettel standen. Internationale Beobachter kritisierten die Präsidentschaftswahl als weder frei noch fair. Die USA, die Europäische Union und die ehemalige Kolonialmacht Belgien erklärten, der Wahl mangele es an Glaubwürdigkeit.