03.11.2016
Übersetzt von Andreas Boneberg

Samstagnachmittag in einer gehobenen Wohngegend in Nairobi: zwölf Mitglieder der Mulika Mamas haben sich im Haus einer der Teilnehmerinnen versammelt. Die Frauen nippen an ihrem Tee, dazu werden Beignets und Samosas gereicht; kleine dreieckige Teigtaschen, die mit Gemüse oder Fleisch gefüllt sind. Die Schriftführerin der Gruppe eröffnet das Treffen, indem sie das Protokoll der letzten Sitzung verliest und auf die Zustimmung der anderen wartet. Niemand hat etwas einzuwenden, und so kann schnell zum nächsten und wichtigsten Punkt der Tagesordnung übergegangen werden – dem Einsammeln des Monatsbeitrages.

Die Mulika Mamas sind eher ein loser Zusammenschluss als eine offizielle Organisation. Sie bilden eine so genannten Chama und sind damit Teil eines Phänomens, das sich auf ganz Kenia ausgeweitet hat. Chamas sind informelle Gruppierungen von Einzelpersonen, deren gemeinsames Ziel es ist, Geld oder andere Ressourcen zu Investitionszwecken aufzubringen. Aber es steckt noch mehr dahinter, denn die Gruppen bieten ihren Mitgliedern eine Gemeinschaft, Freundschaft und soziale Absicherung.

Ein Teil der kenianischen DNA

Mulika Mamas wurde 2007 von einigen Freundinnen gegründet, die damals in Immobilien investieren wollten und schnell merkten, dass sie gemeinsam weitaus mehr erreichen konnten als alleine. „Wir alle kannten uns bereits von anderen Treffen. Immer wieder haben wir darüber gesprochen, eine chama zu gründen. Irgendwann haben wir es dann einfach gemacht“, erklärt die Vorsitzende Catherine Butaki. Die Mitglieder unterscheiden sich sehr in ihren täglichen Aktivitäten und ihrem Einkommen. Einige arbeiten in der Kommunikationsbranche, andere sind Bankangestellte, zudem gehören auch Lehrer, Berater, Unternehmer, Beamte und eine Landwirtin zur Gruppe. Jedes Mitglied zahlt 5.500 kenianische Schilling (etwa 55 Dollar) im Monat. Damit konnten sie bereits ein Stück Land erwerben, das sie dann mit Gewinn weiterkauften. „Eines unserer größten Ziele ist es, eine Wohnsiedlung zu kaufen“, führt Catherine aus.

Nahezu jeder Erwachsene in Kenia gehört mittlerweile solch einer Investitionsgruppe an. Viele beteiligen sich sogar in mehreren Chamas – zum Beispiel um gemeinsam ein Stück Land zu kaufen oder um Geld für gegenseitige Besuche zu sparen. In einigen Fällen wird sogar die Bezahlung des Feierabendbiers mit Hilfe von Chamas geregelt. Chamas gehören so sehr zur kenianischen DNA, dass manch einer zum Mitglied wird, ohne es überhaupt zu realisieren – zuweilen genügt dafür schon ein kurzer WhatsApp-Chat.

300.000 Gruppen mit einem Vermögen von 3,4 Milliarden Dollar

Es ist schwer herauszufinden, wann das Phänomen seinen Lauf genommen hat. Klar ist jedoch, dass Kenianer schon immer gemeinsame Wege zum Geldsparen gefunden haben. „Im Moment gibt es etwa 300.000 Gruppen mit einem Vermögen von mindestens 3,4 Milliarden Dollar. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl unregistrierter Unternehmungen“, erklärt Alex Mwangi, Sekretariatsleiter der kenianischen Vereinigung für Investitionsgruppen (KAIG), einer Dachorganisation für Chamas. Er ergänzt: „Durch die gemeinsam aufgebrachten Geldmittel können Individuen einer großen Gruppe viel mehr Möglichkeiten nutzen als alleine.“

Die meisten der Chamas funktionieren nach einem Karussellsystem. Die Mitglieder sammeln dabei eine gewisse Summe pro Tag, Woche oder Monat und geben den Gesamtbetrag an ein Mitglied der Gruppe. So geht es im Rotationsverfahren weiter, bis alle einmal ihren Betrag erhalten haben. Mit diesem System werden entweder die Schulgebühren bezahlt oder man spart es für Urlaub, Hausbau oder die Wohnungseinrichtung.

Die Bankangestellte Mary Wambui ist auch Teil einer solchen Gruppe. Obwohl sie nur zwei der anderen Mitglieder persönlich kennt, funktioniert das System. Jeder gibt rund 200 Dollar pro Monat, womit einem der Mitglieder am Monatsende rund 1.000 Dollar zur Verfügung stehen. „Mit dieser Summe kann man wunderbar ins eigene Zuhause oder andere Geschäfte investieren“, führt sie aus. Alleine wäre es sehr schwer, solch eine große Summe anzusparen, da man ja jederzeit auf das eigene Bankkonto zugreifen könne.

Schulfreunde und Arbeitskollegen schließen sich zusammen

Chamas  können zwischen zwei oder auch zwischen hundert Personen geschlossen werden. Alte Schulfreunde können sich genauso zusammenschließen wie Familienmitglieder, Arbeitskollegen oder Menschen, die in dieselbe Kirche gehen. Um Teil einer Gruppe zu werden, muss man von einem bestehenden Mitglied vorgeschlagen und von den anderen überprüft werden.

Ephrata nennt sich eine andere Investitionsgruppe, die von einer zehnköpfigen Gruppe ehemaliger Studenten und deren Ehepartnern 2011 gegründet wurde. Inzwischen wurde die Chama in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umformiert. Als die Gruppe gegründet wurde, stellte jedes Mitglied ein Startkapital von rund 2.500 Dollar zur Verfügung und zahlt seitdem einen monatlichen Beitrag von 70 Dollar. So hat es die Gruppe geschafft, knapp einen Hektar Land für 20.000 Dollar am Stadtrand von Nairobi zu erwerben, welches sie mit Profit weiterverkaufen möchte. Weitere Teile des Geldes wurden in Staatsanleihen investiert oder zu Zinsen an Mitglieder verliehen.

In fünf Jahren möchte die Gruppe jedoch ihr endgültiges Ziel erreichen und Häuser mit dem angesparten Geld bauen. „Es hat lange gedauert, bis wir das passende Stück Land gefunden hatten. Einige Mitglieder haben sich in der Zeit selber etwas gekauft und ihre Verpflichtung gegenüber der Gruppe etwas vernachlässigt“, erzählt das Mitglied Kennedy Omami, der in der Versicherungsbranche beschäftigt ist. „Mit der Zeit haben viele Leute einfach damit aufgehört, ihren monatlichen Beitrag zu zahlen“, fügt er hinzu und weist damit auf eine der größten Herausforderungen hin, mit denen die meisten Investitionsgruppen zu kämpfen haben.

Die Lethargie als größter Feind

Alex Mwangi von der Dachorganisation KAIG bestätigt, dass viele Gruppen am mangelnden Engagement scheitern. „Zu Beginn sind die meisten von der Idee hellauf begeistert. Viele machen sich dann aber zu wenige Gedanken darüber, was sie eigentlich mit dem Geld erreichen wollen. Ohne einen Strategieplan mit spezifischen Zielen, wird das Interesse dann stückweise weniger und die Mitgliedschaft wird aufgekündigt.“ Um das zu vermeiden, werden die Initiativen von der KAIG unterstützt. Dazu gibt die Organisation ein Handbuch heraus, das auf die Wichtigkeit klar gesteckter Ziele bei der Gründung hinweist und vor der Gefahr warnt, dass die Gruppen zu reinen Instrumenten der Kontaktpflege verkommen. „Andererseits sind es genau diese sozialen Aktivitäten, die die Gruppe zusammenschweißen“, relativiert Mwangi. So treffen sich die Gruppen in ihrer Freizeit gerne zu gemeinsamen Grillabenden und besuchen Hochzeiten der Mitglieder. Teilweise wird das gesammelte Geld auch für Straßenkinder oder Buchspenden für Schulen ausgegeben.

Was die meisten Mitglieder einer Chama jedoch zusammenhält ist die Hoffnung, Teil einer kollektiven Erfolgsgeschichte zu werden. Die Critical Mass Growth Group (CMG) ist ein Beispiel dafür. Entstanden ist die Gruppe 1996 bei einer Abschiedsfeier in einer Kirche; heute ist sie über 20 Millionen Dollar wert. Die Chama mit ursprünglich 30 Mitgliedern wurde mittlerweile um drei Gesellschaften erweitert. Ihr gehören verschiedene Immobilienobjekte, darunter das Norwich Union House, ein zehnstöckiges Gebäude im Herzen von Nairobis Geschäftsviertel.

„Innerhalb von zwei Jahren wurde unser Startkapital von den 30 Mitgliedern mit je 100 Dollar pro Woche erwirtschaftet“, führt der CMG-Vorsitzende Bob Karina aus. „Sobald wir neues Geld benötigen, fordern wir etwas Bargeld von unseren Anteilseignern ein.“ Neben Immobilien zählen Investitionen in den Börsen- und Kapitalmarkt zum Portfolio. Die Gruppe hat sich die Vorteile der Chamas zunutze gemacht: sie erlaubt den Mitgliedern, die Ressourcen gemeinsam zu nutzen, verteilt das Risiko auf mehrere Parteien und bietet günstigere Kredite als Banken. Die Gruppe fordert von ihren Mitgliedern zudem eine Disziplin des Sparens ein.

„Eine gute Chama gibt ihren Mitgliedern die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten, um die umsetzbarste Möglichkeit herauszufinden und zu analysieren. Mit vielen Augen und Ohren innerhalb der Gruppe findet sich dann eine informierte und rationale Entscheidung“, erklärt Mwangi von KAIG.

Mittlerweile hat sogar die Regierung die Vorteile der Chamas erkannt. Gewisse Gelder für Jugendliche, Frauen oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen können sogar nur über solche Gruppen bezogen werden. Geschäftsbanken, das einlagenbasierte Kleinstkreditgeschäft oder Kreditgenossenschaften entwickeln zusehends maßgeschneiderte Produkte, um damit Investitionsgruppen anzulocken. Auch wenn es die Chamas bereits im ganzen Land gibt, so ist es trotzdem erst der Anfang.

 

Erschienen in Zusammenarbeit mit unserem Partner Digital Development Debates.