20.03.2015
Übersetzt von Tobias Koch

Mit einer kruden Mischung aus Vergnügen und Fassungslosigkeit beobachte ich die derzeitigen Anti-Islam-Märsche in Deutschland. Überraschen tun sie mich jedoch nicht im Geringsten. Wir in Afrika sollten uns nicht den Kopf zerbrechen wegen der zahlreichen Deutschen, die in Dresden gegen den vermeintlich erstarkenden militanten Islam in Europa auf die Straße gehen; vielmehr sollten wir uns Sorgen über die damit einhergehende Symbolik machen.

Es ist zum Beispiel äußerst aufschlussreich, dass die Bewegung Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) ungefähr zeitgleich mit dem sinkenden Lebensstandard in den europäischen Nationen Fahrt aufnimmt.

Europa schwächelt

Die Sparmaßnahmen der EU sorgen in den südeuropäischen Nationen wie Griechenland, Spanien und Portugal für wachsende Armut und Verzweiflung. In Italien findet die längst vergangene „Dolce Vita“ nur noch im Kino und in Kursen über Neuere Geschichte statt. Einmal berühmt für die Ikonen Sophia Loren und Gianni Agnelli, sind es heute Silvio Berlusconi (und sein berühmt-berüchtigtes „bunga-bunga“) und instabile Regierungen, die ein zweifelhaftes Licht auf das Land werfen. Belgien hatte im Jahr 2010 für volle 18 Monate keine Regierung, da sich regionale Parteien aneinander aufrieben. Und Großbritannien? Das Königreich tut alles dafür, aus der Europäischen Union auszutreten, um es letztlich dann doch nicht zu tun. Mit anderen Worten, Europa hat mit vielen systemischen Problemen zu kämpfen, die gelöst werden müssen.

Doch Europas politische Elite packt all diese Probleme nicht an. Anstatt sich den Gründen der eigenen Malaise zu widmen, rotten sich nun Bürger zusammen, um öffentlich ihrer Wut und ihrem Frust Ausdruck zu verleihen. Früher waren "Juden", "Zigeuner", "Immigranten", "Iren" oder "Polen" die Sündenböcke - heute ist es "der Islam".

Zugegebenermaßen hat "der Islam" in der letzten Zeit keine gute PR bekommen. Attacken wie auf Charlie Hebdo in Paris sind aber auch Anlässe, einen Fremdenhass zu kultivieren, den es in Europa schon immer gegeben hat. Der überall zur Schau gestellten Offenheit zum Trotz hat sich daran nicht viel geändert.

Wie "europäisch" dürfen Zuwanderer sich fühlen?

In Europa gibt es inzwischen eine Vielzahl zugewanderter Gemeinschaften. Allerdings müssen wir uns fragen, ob ihre Integration wirklich gelungen ist. Wie „europäisch“ sind sie? Wie sehr fühlen sie sich als Europäer? Wichtiger noch, ist es überhaupt erwünscht, dass sie sich als Europäer fühlen? Mir scheint heute, insbesondere mit Blick auf Pegida und den zunehmenden Rechtspopulismus, dass sich Europa gegen jene wendet, die anders, sprich nicht weiß und keine Christen sind.

Die Anti-Islam-Bewegung (meiner Meinung nach eher eine Anti-Einwanderungs-Bewegung) ähnelt einigen Vorkommnissen in dem berühmten Vorort Soweto von Johannesburg in Südafrika. Soweto wird immer als Hort des Kampfes gegen die Apartheid in Erinnerung bleiben. Für mich verkörpert es heute jedoch etwas weniger Ermutigendes: Tödlichen Fremdenhass.

Wegen der hohen Frustration und Armut in der Gemeinde eskalierte im vergangenen Monat ein kleiner Streit zwischen einem von der Droge „Nyaope“ berauschten 18-jährigen Südafrikaner und einem somalischen Ladenbesitzer. Eine südafrikanische Lokalzeitung zitierte ein Mitglied der Gemeinde mit dem Satz: „Ich hasse sie [ausländische Ladenbesitzer], weil sie die hiesigen Geschäfte ruinieren, keine Steuern zahlen und keine Leute von hier einstellen.“

Für eine randalierende Meute ansässiger Südafrikaner spielte es letztlich keine Rolle, ob solch eine Aussage auf Fakten oder Vorurteilen basiert. Sie plünderten "ausländisch"-geführte Läden und Geschäfte, wobei sie zu allem Unglück sogar noch von der örtlichen Polizei unterstützt wurden, die sich ebenfalls für Gewalt und Plünderung statt für Schutz von Eigentum entschied.

Parallelen zwischen Dresden und Soweto

Es gibt einige Parallelen zwischen der Gewalt in Soweto und der Popularität von Pegida. Erstens liegen beiden Gruppen missverstandene Überzeugungen zugrunde, die nicht einmal der einfachsten Überprüfung standhalten würden: die Islamisierung des Westens à la Pegida und die Annahme, dass Ausländer die lokalen Geschäfte ruinieren à la Soweto. Zweitens finde ich es bemerkenswert, dass sich beide Themen in ökonomisch schwachen Regionen etablieren konnten. Wenn man sich genau vor Augen führt, was beide Gruppen wirklich wollen, dann erkennt man ein gemeinsames Ziel: weniger Einwanderung. Denn es gilt den vermeintlich schrumpfenden Wohlstand zu verteidigen.

Trotz der sehr erfolgreichen Anti-Pegida-Bewegung und vieler entsprechender Gegendemonstrationen kippt die politische und soziale Agenda in Europa immer weiter nach rechts, weil die Europäische Union hinter den an sie gestellten Erwartungen zurückbleibt. Pegida mag vielleicht ein bisschen zu weit rechts für viele Menschen sein, aber ihre grundsätzliche Forderung nach radikal eingeschränkter Einwanderung wird zum politischen Mainstream werden.

Natürlich nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem Europas Wirtschaft wieder zum Leben erwacht und Arbeitskraft benötigt wird, die nur von Immigranten geleistet werden kann.