19.01.2016
Übersetzt von Manuela Kleindienst

„Wir wollen Blade! Wir wollen Blade! Wir wollen Blade!“, skandierte eine Masse von Studierenden vor dem südafrikanischen Nationalparlament im Oktober 2015. Seit dem späten Morgen hatten sie vor dem Parlamentsgebäude ein Zeltlager errichtet. Ihre Forderung: mit dem Bildungsminister Blade Nzimande sprechen zu können.

Zuvor hatte die Polizei Blendgranaten in die Menge geworfen, um zu verhindern, dass sich die Studierenden Zugang zum Parlament verschafften. Einige der Demonstranten wurden während der Gefechte festgenommen. Doch das hielt die anderen nicht davon ab, mit Nachdruck ein Gespräch mit dem Minister zu fordern. Gegen 16 Uhr kam er dann endlich aus dem Gebäude. Durch sein winziges Megaphon und den Lärm der rastlosen, protestierenden Studierende war es nahezu unmöglich ihn zu verstehen.

Studentenproteste in Südafrika
Minister Blade Nzimande spricht zu den Studierenden vor dem Parlament.

Das war am dritten Tag des #NationalShutDown der Protestbewegung #FeesMustFall in Südafrika. Was an der Universität von Witwatersrand (genannt „Wits“) in Johannesburg als Protest gegen die geplante Erhöhung der Studiengebühren um 10,5 % begann, verbreitete sich bald auf das ganze Land. Alle Universitäten in Südafrika wurden geschlossen, und viele Studierende beteiligten sich an den Protesten.

„Es ist unmöglich sich auf sein Studium zu konzentrieren, wenn man noch nicht einmal weiß, ob man im nächsten Jahr überhaupt weiterstudieren kann“, sagte Bulelani Nkupane (22), Studentin im ersten Jahr an der Cape Peninsula University of Technology, auf die Frage, warum sie an den Protesten teilnehme. „Einige Studierende wurden für das nächste Semester abgelehnt, weil sie auf einmal Schulden aus ihrer bisherigen Studienunterstützung NSFAS (ähnlich BaföG, Anmerk. der Red.) zurückzahlen sollten. Man kann sich also auch auf die staatlichen Förderprogramme nicht verlassen. Einige von uns können sich ein Studium gar nicht leisten, weil wir aus armen Verhältnissen kommen. Ich habe mich der Bewegung angeschlossen, um für mein Recht auf Bildung zu kämpfen. Wir protestieren nicht, weil wir Raufbolde sind oder gern Unruhe stiften, sondern nur weil wir nicht mehr wissen, wovon wir leben sollen“.

Studentenproteste in Südafrika
Studenten campieren vor dem Parlamentsgebäude in Kapstadt.

Im November 2014 wurde berichtet, dass das staatliche Förderprogramm NSFAS Schwierigkeiten hätte, alle bedürftigen Studierenden finanziell zu unterstützten. Der Hälfte der Empfänger sollte die Unterstützung gestrichen werden. Seit Jahren hat das Förderprogramm damit zu kämpfen, dass viele Studierende ihre Schulden nicht wie vereinbart nach dem Abschluss begleichen. Viele schaffen es schlichtweg nicht, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden. Ende 2014 belief sich die Arbeitslosenrate unter jungen Menschen auf 25 Prozent.

 

 

Die Schulden, die jedem „armen“ Studenten nach dem Studium bleiben, sind ein wichtiger Grund dafür, warum sich einige Studierende den Protesten anschließen. „Mein Studium wird durch das NSFAS finanziert. Das heißt aber nicht, dass das Leben einfach ist“, sagt Bulelani Sidyani (23), Studentin der Politikwissenschaften im zweiten Jahr an der Universität Kapstadt (UCT). „Kurz gesagt: Ich stehe noch immer vor einem Berg Schulden. Wie soll ich es bloß  schaffen, das Geld zusammenzukratzen, das die UCT im Januar von mir zurückerwartet? Ich bin nicht die Einzige. Viele Studierende liegen nachts wach und finden keine Ruhe angesichts der hohen Schulden. Ich habe mich der Bewegung hauptsächlich angeschlossen, weil ich Angst vor den finanziellen Belastungen habe, die mir eines Tages bevorstehen, wenn ich einen Job habe.“

Studentenproteste in Südafrika
Die Studentenproteste in Pretoria kurz vor der Ansprache durch Präsident Jacob Zuma.

Doch die Gebühren sind nicht der einzige Grund, weshalb die Studierenden 2015 in Südafrika auf die Straße gegangen sind. Die Protestbewegung Rhodes Must Fall wurde an der Universität Kapstadt von Chumani Maxhwele, einem Studenten der Naturwissenschaften, initiiert. Er und andere Studierende bewarfen die Statue des britischen Kolonialisten Cecil John Rhodes, die seit vielen Jahren auf dem Universitätsgelände steht, mit Exkrementen. Die Studierende fragten sich, wie es möglich sei, dass über 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer die Statue eines Kolonisten unbeirrt auf dem Gelände einer staatlichen Universität stand.

Auch andere Fragen zur Veränderung der UCT und anderer Institutionen in Südafrika standen im Raum. Die Studierenden der Rhodes-Universität in der Provinz Ostkap schlugen vor, den Namen ihrer Universität zu ändern. Sie nutzten den Hashtag #RhodesSoWhite, um auszudrücken, dass Studierende und Mitarbeitende mit schwarzer Hautfarbe an der Universität noch immer nicht willkommen sind.

Studierende der Universität Stellenbosch begannen gegen die Sprachpolitik der Einrichtung zu protestieren. Afrikaans ist die Unterrichtsprache an der Universität Stellenbosch. Diese Sprache wird mehrheitlich von weißen Südafrikanern gesprochen und meist mit der Apartheid in Verbindung gebracht. Inmitten dieser Proteste entstand die Dokumentation Luister. Der Dokumentarfilm zeigt schwarze Studierende der Universität Stellenbosch, die über Rassismus an der Universität berichten, mit dem sie Tag für Tag konfrontiert werden. Zuvorderst die Tatsache, dass der Unterricht in der renommerten Universtität noch immer gänzlich in Afrikaans gehalten wird - in einer Sprache also, die von nur 13 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird und in enger Verbindung zu Kolonialismus und Apartheid steht. Offensichtlicher könnte Diskriminierung kaum sein.

 

 

Die Studierendenproteste an der UCT dauerten etwa einen Monat. Während die Verantwortlichen über die Angelegenheit berieten, schliefen die Studierende im Verwaltungsgebäude der Universität. Letztendlich entschied sich die Universitätsverwaltung der UCT, die umstrittene Statue des Kolonialisten Rhodes vom Campus zu entfernen. 

Studentenproteste in Südafrika
Der Sturz des Denkmals - ein Zwischenerfolg

Das heißt jedoch nicht, dass das Ziel der Protestbewegung Rhodes Must Fall damit erreicht wäre. Denn es ging ihr mehr als um eine Statue. Die Universität muss sich noch weiter verändern und deutlich machen, dass schwarze Studierende willkommen sind. Weitere Gebäude, die nach Kolonisten benannte waren, müssten beispielsweise umbenannt werden.

Der Höhepunkt der Protestbewegung Fees Must Fall war der Fußmarsch der Studierenden von der Provinz Gauteng (in der sich mit Johannesburg die größte Stadt des Landes befindet) zu den Union Buildings in Pretoria, um von Präsident Jacob Zuma eine Ansprache zu fordern. Der Präsident kündigte in seiner kurzen Rede an, dass keine Universität in Südafrika ihre Studiengebühren erhöhen würde. Mit keiner Silbe erwähnte er das Outsourcing der Belegschaft, das auch auf der schwarzen Liste der Studenten gestanden hatte. Universitätsmitarbeiter wie Sicherheitspersonal, Lebensmittelverkäufer oder Reinigungskräfte sollten aus Kostengründen nicht mehr direkt an der Universität angestellt werden. Nur wenige Wochen nach der Ansprache des Präsidenten stimmten die meisten Universitäten zu, das Outsourcing zu beenden.

2015 war in Südafrika das Jahr der Studierenden: In wenigen Wochen haben sie mehr erreicht als die Regierungen der letzten 20 Jahren zuvor. Junge Menschen bekommen die Folgen der Apartheid am meisten zu spüren. Selbst die Generation „Born Free“ (Junge Südafrikaner, die nach 1994 und damit nach Abschaffung der Apartheid geboren wurden) hat erkannt, dass sie nicht unbedingt frei geboren wurde. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht ist heutzutage größer als noch vor 20 Jahren, trotz des Aufstiegs der „schwarzen Mittelklasse“. Die normalen Bürger scheinen nicht von der Demokratie zu profitieren.  Die Studierendenbewegung war ein erster Schritt, das zu ändern.