04.04.2016
Übersetzt von Cathérine Bahr

Kenia beherbergt mehr als 500.000 Flüchtlinge und ist damit nach Äthiopien das zweitgrößte Aufnahmeland in Afrika. Besonders viele Menschen kommen aus Eritrea. Bis zu seiner Unabhängigkeit 1991 kämpfte das kleine Land am Horn von Afrika einen drei Jahrzehnte andauernden Krieg gegen seinen Nachbarstaat Äthiopien. Bereits in den 1970er Jahren verließen viele Bewohner die Heimat und suchten in Kenia Zuflucht. Eine Rückkehr ist bis heute unmöglich.

Die Flüchtlinge von damals haben inzwischen längst eigene Familien gegründet und sich dauerhaft in Kenia angesiedelt. Doch auch nach drei Jahrzehnten wird ihnen bis heute keine Staatsbürgerschaft gewährt. Nicht einmal ihre Kinder, die in Kenia geboren und aufgewachsen sind, können kenianische Staatsbürger werden.

Zwei solcher Flüchtlinge in zweiter Generation sind Mesel Petros (30) und Daniel Salomon (31). Die Cousins wuchsen zusammen auf, gingen auf die gleiche Schule und stehen in ihrem Alltag vor denselben Herausforderungen.

 

Es gibt sehr strenge Auflagen für Flüchtlinge in Kenia. Vielen gelingt es gar nicht erst, die großen Flüchtlingslager wie Kakuma zu verlassen. Wie kamen eure Eltern nach Nairobi?

Daniel: Damals waren die Vorschriften noch nicht so streng wie heute. Zuerst blieben sie im Flüchtlingslager und arbeiteten dort sieben Jahre lang. Unsere Väter hatten Aushilfsjobs. Irgendwann haben unsere Eltern einen Pass von der UN bekommen, der sie unter Schutz stelle. Anschließend kamen sie über Moyale und Marsabit nach Nairobi.

Hat ihnen dieser Pass dabei geholfen, ein neues Leben zu beginnen?

Daniel: Unseren Eltern schon, ja. Doch dann wurde relativ schnell die sogenannte Identitätsbescheinigung für Ausländer eingeführt. Wenn man die hat, erhält man keinen kenianischen Pass oder etwas Vergleichbares. Nicht mal meine Eltern haben Dokumente bekommen. Sie haben die Staatsbürgerschaft beantragt, schließlich leben sie seit 1978 in Kenia – vergeblich. Und wir sind hier geboren, aber das macht keinen Unterschied. Auch unsere Anträge hat die Regierung abgelehnt. Das macht unser tägliches Leben ziemlich beschwerlich: Man bekommt nur schwer einen Job, kann kaum reisen, alles ist kompliziert. Kurioserweise müssen wir Steuern zahlen, wenn wir arbeiten. Aber an der Gesellschaft teilhaben wie Kenianer, das dürfen wir nicht.

Wohnblock in Eastleigh, Nairobi.
Wohnblock in Eastleigh, Nairobi.

Wie war euer persönlicher Werdegang?

Mesel: Die UN hat uns bis zu einem gewissen Punkt die Schule finanziert, ich glaube bis zur 7. Klasse. Danach ging ich auf eine weiterführende Schule und dann zur Uni. Da habe ich Informatik studiert.

Daniel: Ich habe Hotelmanagement studiert, aber arbeite jetzt freiberuflich als Schlosser. Das ist ziemlich schwierig: Wenn du du keine Papiere hast, bekommst du kein Führungszeugnis, und niemand kann dich einstellen.

Wurden euch keine kenianischen Geburtsurkunden ausgestellt?

Daniel: Doch, wir haben tatsächlich Geburtsurkunden. Wir haben alle notwendigen Unterlagen, um kenianische Staatsbürger zu werden. Das Problem liegt, glaube ich, einzig und allein bei der Regierung. Die wollen einfach nicht, dass wir kenianische Staatsbürger werden. Wir wissen ja noch nicht mal, wer überhaupt für uns zuständig ist. Unterstehen wir nun der UN? Oder doch der kenianischen Regierung? Wir wissen es nicht.

Gemüsemarkt in Eastleigh
Gemüsemarkt in Eastleigh. Hier arbeiten auch viele Eritreer.

Nach hiesigem Recht darf jeder kenianischer Staatsbürger werden, der auf kenianischem Boden geboren wurden. Das erscheint schon ein wenig seltsam.

Mesel: Wir verstehen das auch nicht. Es ist, als wäre da irgendwo eine unsichtbare Linie. Als ginge da etwas vor sich, von dem wir nichts wissen. Ich bin persönlich zur Einwanderungsbehörde gegangen, habe in den Akten meiner Eltern geblättert. Doch die Leute dort geben dir einfach kein Antwort, egal wie oft du nachfragst. Mittlerweile haben wir es aufgegeben. Einmal wurde ich von der Polizei kontrolliert. Ich gab ihnen meine Ausländerbescheinigung - und anschließend meine Geburtsurkunde. Die waren ziemlich verwirrt. Wenn man eine Geburtsurkunde hat, wie kann man dann noch Ausländer sein?

Daniel: Wir haben alles versucht. Im Moment ist es so, dass wir alle zwei Jahre zur Einwanderungsbehörde müssen, um unsere Bescheinigung erneuern zu lassen. Was ist, wenn sie sie einmal nicht erneuern? Wenn du eigenen Grund und Boden hast, vielleicht etwas Land oder ein Haus, was machst du dann? Solche Fragen stellen wir uns dauernd.

Mesel: Wir sind hier geboren und aufgewachsen, es gibt keinen Unterschied zwischen Kenianern und uns. Im Gegenteil: Es gibt Leute hier, die verstehen nicht ein Wort Swahili und haben trotzdem einen kenianischen Pass.

Ihr sprecht oft vom Reisen. Würdet ihr Kenia gerne verlassen?

Mesel: Nein, so ist es nicht. Ich möchte mich nur nicht so bewegungsunfähig fühlen, als wäre man im Gefängnis. Das zieht dich mental runter. Ich würde sehr gerne mal nach Europa, aber nur um zu reisen. Ich liebe dieses Land – es ist schließlich das einzige, das ich kenne. Ich begreife nicht, wie jemand so sein Leben aufs Spiel setzen kann für die Flucht übers Mittelmeer. So viele Leute sterben auf dieser Route, vor allem Eritreer!

Ist es schwierig, durch Kenia zu reisen?

Mesel: Durch Kenia zu reisen ist nicht so schwierig. Aber man kann nicht mal in benachbarte Länder wie Uganda oder Tansania. Da hilft es dir auch nicht weiter, wenn du hart arbeitest und dir alles mögliche leisten kannst. Aber auch innerhalb Kenias gibt es manchmal Probleme. Ich hatte einen Job in der Tasche und war auf dem Weg nach Nordost-Kenia. Aber es gab eine Menge Polizeikontrollen auf dem Weg. Als ich ihnen meine Ausländerbescheinigung vorzeigte, hielten sich mich zwei Stunden lang fest und schickten mich dann zurück. Der Bus ist ohne mich weitergefahren.

Gibt es zwischen den Eritreern eine große Solidarität? Helft ihr euch gegenseitig, wenn ihr alle mit den gleichen Problemen kämpft?

Mesel: Es gibt Klassen in einer Gemeinschaft: die Leute an der Spitze, die Mittelschicht und die an unterster Stelle. Das ist hier nicht anders als sonstwo. Unter dieser Voraussetzung können nicht alle dasselbe erreichen. Wenn du reich bist, ist es natürlich einfacher an Dokumente heranzukommen. Einfach nur, weil du viel besitzt.

Ihr seid in Shauri Moyo aufgewachsen, einer Wohngegend der oberen Mittelklasse. So schlecht kann es euch also doch gar nicht gegangen sein?

Daniel & Mesel: Nein, nein, nein!

Daniel: Wir sind in Stadtteil Eastleigh aufgewachsen, das ist etwas ganz anderes. Die Einwohner dort sind zu großen Teilen Einwanderer aus Somalia, Äthiopien und Eritrea. Meine Mutter und mein Vater hatten beide einen Job dort. Aber nach den ersten Terroranschlägen wurde es zu gefährlich, weiterhin in Eastleigh zu wohnen. Es wurde ständig nach Leuten gefahndet die keine kenianischen Papiere hatten. Die Polizei hatte die Einwanderer im Visier. Sie nannten uns Ausländer und behaupteten, wir hätten viel Geld. Die waren dauernd auf der Jagd nach Bestechungsgeld und sperrten dafür immer wieder Leute ein.

Es stimmt doch aber, dass die Leute in Eastleigh, und da vor allem die Somalis, viel Geld haben? Es gibt dort Hochhäuser und Einkaufszentren, das heißt sie sind doch sicher wohlhabend?

Daniel & Mesel lachen wohlwissend.

Mesel: Ihr Kenianer seht bloß all diese Gebäude in Eastleigh, die großen Hotels und Geschäftshäuser. Und dann glaubt ihr, ein Somali, der als Flüchtling nach Kenia kam, hätte es geschafft. Nein, so läuft das nicht! Das Geld für all das hier kam nicht aus Kenia, sondern von außerhalb. Wir sind nicht ganz sicher, wer dieses Geld schickt oder wo es herkommt, aber viele hier bekommen große finanzielle Unterstützung von außen.

Daniel: Und sie haben kenianische Papiere. Sie können also fast alles tun, was sie möchten – dazu gehört eben auch Geld zu investieren.

Schuhmacher in Eastleigh, Nairobi
Stand eines Schuhmachers auf dem Markt des Stadtviertels Eastleigh

Somalis erhalten also leichter kenianische Papiere als Eritreer oder Äthiopier?

Daniel & Mesel: Na klar!

Daniel: Sie haben die besseren Beziehungen. Die Somalis in Nordost-Kenia haben Verwandte in Somalia und anders herum genauso. Durch solche Verbindungen ist es für sie viel einfacher, an Papiere zu kommen.

Es geht euch also einfach nur um die Papiere?

Mesel: Ja! Ich habe so viel in dieses Land investiert. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, ich zahle hier Steuern. Und trotzdem sagt man mir, ich sei kein Kenianer. Manchmal wüsste ich einfach gerne, was sie mit uns vorhaben. Wir sind ja auch keine richtigen Flüchtlinge. Flüchtlinge erhalten Spenden, ihnen wird geholfen. Aber wir bekommen gar nichts.

Daniel: Wir könnten es uns auch leicht machen. Wir könnten nach Nordost-Kenia fahren, den richtigen Leuten Geld bezahlen, und schon hätten wir unsere Pässe. Aber wieso sollten wir das tun? Warum soll so etwas notwendig sein?

Mesel: Einmal fragte ich einen Angestellten in der Einwanderungsbehörde nach meinem Status. Er sagte, selbst wenn ich einmal ein Kind haben würde, es wäre ein Flüchtling. Und die Kinder meiner Kinder wären Flüchtlinge. Und so weiter. 

Geht es vielen anderen Menschen so wie euch?

Daniel: Ja, das passiert vielen von uns. Vor allem in Eastleigh findest du viele Familien finden, denen es so ähnlich geht.

Eine Hochzeitsfeier von Eritreern in Kenia
Eine Hochzeitsfeier von Eritreern in Kenia

Gibt es eine Organisation, die Flüchtlinge in zweiter Generation unterstützt?

Mesel: Nein, von so etwas haben wir noch nie gehört, ich glaube so 'was gibt es nicht.

Würdet ihr gern nach Eritrea zurückkehren?

Mesel: Wir kennen Eritrea ja gar nicht. Wir wissen gar nicht, was in dem Land vor sich geht. Hätten wir einen kenianischen Pass, könnten wir schauen, wie es da so ist, was da so passiert. Aber bisher wissen wir gar nichts über das Land.

Eure Eltern wurden vom Krieg zur Flucht aus ihrem Heimatland gezwungen. Glaubt ihr sie wären gern zurückgegangen?

Daniel: Na klar! Sie haben lange darauf gewartet, dass dort wieder Frieden einkehrt. Aber sie konnten nie zurückkehren.

Wenn Kenia beschlösse euch nach Eritrea zurückzuschicken – würdet ihr zustimmen?

Mesel: Da würde ich zuerst einmal gern wissen, warum.

Daniel: Mich hat doch keiner hergebracht, ich bin doch hier geboren! Warum sollten sie mich zurückschicken?