10.08.2016

Ihre Gewehre fest in der Hand, stürmen eine handvoll Polizisten vorbei an der Bar, trampeln durch den Sand, der davor aufgeschüttet ist. Menschen springen von ihren Stühlen auf, wollen weglaufen. Doch sie haben keine Chance. Der einzige Weg nach draußen – ein schmaler Gang, auf dessen Boden rote Rosenblätter liegen und Kerzen flackern – ist blockiert. Eine Frau mit kurzen braunen Haaren rennt in Richtung Bühne, zwei Polizisten eilen ihr nach, greifen nach ihr, packen sie an der Schulter und halten sie fest. Es ist laut. Angstschreie dringen durch den Raum. Ein Mann versucht zu fliehen, stolpert über einen Liegestuhl, er fällt hin.

Früher am Abend: Die Stimmung im Club Venom in Ugandas Hauptstadt Kampala ist gut, ausgelassen, die Atmosphäre sehr familiär. Es ist Donnerstagabend, der 4. August, und eigentlich sollten heute Mister und Miss Pride gekürt werden. Zum fünften Mal jähren sich die Pride-Feierlichkeiten. Die Menschen feiern. Sie sind stolz darauf, wer sind sind. Schwul. Lesbisch. Bi. Transgender. Intersexuell. Queer. Und das obwohl Uganda weltweit zu den Ländern zählt, in dem es Homosexuelle am schwersten haben. Anfang 2014 unterschrieb Präsident Yoweri Museveni ein Gesetz, das die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen vorsah. Im August desselben Jahres wurde das Gesetz nach großem internationalen Druck für ungültig erklärt. Die Abneigung gegen die LGBTIQ-Community und die Verfolgung ihrer Mitglieder bleibt.

Ihr habt fünf Minuten, um den Raum zu verlassen, rief die Polizei.

All das können die Besucher der Miss-Wahl für einige Momente vergessen. Es ist eine seltene Freiheit. Paare halten Händchen, küssen sich – egal welches Geschlecht sie haben. Von Stühlen aus jubeln sie den Teilnehmern der Miss-Wahl zu, die sich erst in ihren jeweiligen Trachten und dann in selbst designten Kleidern präsentieren. Da ist Sasha, eine Transfrau, die aus dem Kongo nach Uganda geflohen ist, oder Poison Ivy, die ihr regenbogenfarbiges Outfit in Gedenken an die Opfer von Orlando gewählt hat. Sie schreiten über den Laufsteg, an dessen Anfang meterlange Stoffbahnen in den Farben der Regenbogenflagge hängen und einen Bereich für die Teilnehmer der Miss-Wahl abtrennen. Ihre Augen richten sie gerade nach vorne, die Köpfe hoch. Sie sind stolz. Stolz, dabei zu sein. Stolz, sie selbst zu sein. Auch Transfrau Princess Rihana. Sie genießt die Aufmerksamkeit, läuft im Takt der Musik mit weiß bemaltem Gesicht, kurzem Leopardenrock und Indianerfeder auf dem Kopf über den Laufsteg.

Um kurz vor elf Uhr kommt die Polizei. Die Blicke sind nicht mehr auf Princess Rihana und ihre Konkurrenten gerichtet, sondern auf den Ausgang. „Ihr habt fünf Minuten, um den Raum zu verlassen“, rief die Polizei. Unruhe schwappt wie eine Welle durch den Club. Alle versuchen, schnell zum Ausgang zu gelangen, schnappen sich ihre Taschen und Jacken, klettern über die kleine Mauer, die den künstlichen Strand vom Rest des Clubs abtrennt, stolpern vorwärts. Immer wieder knallt es in kurzen Abständen. Die bereits herrschende Panik verstärkt sich. Von hinten treiben die Polizisten. Ein Zurück gibt es hier nicht. Aber dann am Ausgang die Erleichterung: Es sind Ballons, die zerplatzen, keine Gewehrsalven. Die Rosenblätter zerstreuen sich, rieseln langsam vom Geländer und tanzen die vier Stockwerke hinunter. Die Kerzen am Boden sind aus.

Die rund 200 Clubbesucher müssen sich in einer Ecke in dem offenen Gebäude sammeln. Vorne aufgereiht stehen die Soldaten und Polizisten, die Hände an den Gewehren. „Alle hinsetzen, sofort, runter. Und raus aus der Ecke!“ Ein Polizist drängelt sich nach hinten durch, sein Name prangt auf seiner Uniform. In der Hand hält er einen Schlagstock, verfolgt und schlägt damit die nach vorn stolpernden Körper. Die schluchzen, Tränen rinnen über Gesichter, verwischen Mascara und Rouge. Einer ist gesprungen, raunt es durch die Menge. Die Angst hat ihn getrieben.

Eine Frau in schwarzer Hose und weißem T-Shirt darf tatsächlich gehen, sie springt auf aus der Menge. Warum, weiß keiner. Ob das gut ist für sie, auch nicht. Oder ob auf der anderen Seite der Tür Schlimmeres wartet als die Ungewissheit.

Stunden der Ungewissheit

Zwei Soldaten mit Gewehren bahnen sich den Weg nach hinten zum Geländer. „Langsam bin ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich Polizisten sind oder Terroristen“, sagt eine Frau im blauen Kleid und erntet erschrockene Blicke. Herzen schlagen hoch bis zum Hals, Finger tippen verstohlen auf Handydisplays, ein Mann versteckt eine junge Frau unter seinem schwarzen Hut, sie telefoniert. Die Polizei darf das nicht sehen. „Aber man muss sich sichtbar machen, Fotos posten und tweeten. Je mehr Leute wissen, wo wir sind, desto besser“, erklärt eine Frau. Ihre cremefarbenen High Heels stehen vor ihr auf dem feuchten Boden. Daneben, darunte und darüber Bier, Schweiß, Scherben. „Die können uns hier nicht die ganze Nacht festhalten. Irgendwann müssen sie uns gehen lassen.“ Die Menschen haben Angst. Man hört sie klagen, weinen, unterdrückt schreien. Aber das Reden lassen sie sich nicht verbieten. Sie beruhigen sich gegenseitig oder versuchen es zumindest. Auch wer sich nicht kennt, tauscht Gefühle, Namen und Kontaktdaten aus. Man fühlt sich verbunden. Als Gemeinschaft. Als Widerstand gegen die Ungerechtigkeit, die hier passiert. Das Venom ist ein offizieller Nachtclub, für jeden zugänglich. Niemand tut etwas Verbotenes, wenn er hier ein Bier trinkt. Und doch behandelt die Polizei die Besucher wie Kriminelle.

Einzelne Clubbesucher werden nach vorn geholt. Sie müssen ihre Handys zeigen und Fotos löschen. Die Polizisten konfiszieren Kameras. Etwa 25 Menschen werden festgenommen. Viele davon sind Aktivisten, darunter Frank Mugisha, der Leiter von Sexual Minorities Uganda (SMUG), sein Stellvertreter Pepe Onziema sowie Kasha Jaqueline Nabagesera und internationale Journalisten. Transfrauen müssen ihre Kleider ablegen und ihre Extensions lösen.

Es ist halb eins. Und immer noch werden die Clubbesucher festgehalten. Die Polizisten richten weiterhin ihre Gewehre auf sie. Der Polizist mit dem Schlagstock redet vor sich hin, sucht Bestätigung bei seinen Gefangenen. „Warum wundert ihr euch denn, dass so etwas passiert, wenn Männer Frauenkleider anhaben?“ Er blickt auf eine Frau vor sich, ihre Augen sind verheult und rot, „Und jetzt weint sie deswegen und muss hier warten, das ist doch ungerecht. Nur weil ihr euch abnormal verhaltet.“ Dass sie freiwillig hier ist, Teil des Prides, das scheint der Polizist in dem Moment vergessen zu haben. Schließlich trägt sie ein Kleid und ist eine Frau, in seinen Augen also normal. Die Frau selbst sagt gar nichts, starrt vor sich hin.

Wir machen das hier nur zu eurer Sicherheit.

Dann werden die Festgehaltenen zurück gescheucht in den Club. Dort gibt es Mikrofone, die die Polizei nutzt. Einer ergreift das Wort. „Wir machen das hier nur zu eurer Sicherheit. Laut dem Public Managment Order Act müssen Versammlungen von mehr als drei Personen angemeldet sein. Erinnert ihr euch nicht an andere Vorfälle, bei denen wir unsere Landsleute verloren haben? Wir wollen nur euer Bestes.“ Das Murmeln unter den Besuchern wächst zur Empörung. „Also darf man jetzt nicht mehr in eine öffentliche Bar gehen?“, ruft eine Frau. Ihre geflochtenen Haare sind zu einem Knoten zusammen gebunden, eine Strähne hat sich gelöst. 

Die offizielle Erklärung der Polizei bleibt unklar. Anfangs hatte ein Polizist erklärt, es gäbe Verdacht auf einen geplanten Terrorakt. Nun sei die Veranstaltung nicht genehmigt und später wird einer behaupten, man hätte Hinweise auf unerlaubte, gleichgeschlechtliche Eheschließungen erhalten. Doch die meisten vermuten, es sind wohl Homophobie und Angst, die die Polizei gerufen haben.

Der Polizist betont, dass ihr Eingreifen nichts mit der Veranstaltung an sich zu tun hat, nichts mit der LGBTIQ-Community. Alle könnten jetzt gehen – aber er möchte keine Veranstaltung dieser Art mehr in seiner Gegend sehen. Und das obwohl die Razzia angeblich nichts damit zu tun hat? Geordnet und langsam sollen alle die vier Stockwerke hinuntergehen. Eskortiert von der Polizei laufen die Besucher etwas verhalten los. Der Schock sitzt noch tief, viele können nicht glauben, dass sie endlich gehen können. Die Angst vor einer erneuten Überraschung ist groß.

Größer ist die Erleichterung, als sie endlich unten ankommen und das Gebäude kurz nach ein Uhr verlassen können. Ohne dass die Polizei sie daran hindert. Schnell verschwinden die meisten in der Nacht, eilen in die schützende Dunkelheit.

Der Event, der den Stolz der LGBTIQ-Community feiern sollte, endet traurig. Der Mann, der vom Dach gesprungen ist, verstirbt später im Mulago-Krankenhaus. Die Bilanz am Ende der Nacht: Ein Toter, zahlreiche Festnahmen, sexuelle Übergriffe von der Polizei auf Teilnehmer der Miss-Wahl. Zur Miss Pride 2016 wurde weder Princess Rihana noch eine ihrer Konkurrentinnen gekürt. Zurück bleiben nur ihre schwarzen Zöpfe am Boden des Clubs.