25.05.2016
Übersetzt von Anne Fleischmann

Afrika und Satire – passt das zusammen? In den landläufigen Darstellungen des Kontinents fehlt es zumeist an vergnügten Menschen, an humorvollen Pointen oder spitzfindiger Ironie. Dabei gibt es in vielen Ländern Afrikas eine lange satirische Tradition. Und auch aktuelle Beispiele zeigen: es gibt spritzige und witzige Satire zuhauf.

Der Kenianer Godfrey Mwampembwa, besser bekannt als Gado, ist sicherlich einer der bekanntesten unter ihnen. Seine treffenden Karikaturen haben weltweit Erfolg – und führen für den Künstler selbst mitunter zu Problemen. Das zeigt einmal mehr: Satire und Meinungsfreiheit sind untrennbar miteinander verknüpft.

Auch die Zambezi News aus Simbabwe kennen Einschränkungen in der Presselandschaft nur zu gut. Sie nutzen die sozialen Medien, um ihr hauptsächlich junges Publikum zu erreichen – mit riesigem Erfolg.

Mit der neuen Ausgabe ihres Magazins „Perspectives“ hat auch die Heinrich-Böll-Stiftung eine empfehlenswerte und differenzierte Publikation zum Thema:

„Durch Satire ändert sich zwar vielleicht nicht die große Politik, aber – und das belegen die meisten Beiträge in dieser Ausgabe – sie ist ein mächtiges Mittel, um Propaganda und Machtmissbrauch bloßzustellen und kulturelle wie gesellschaftliche Tabus zu verhöhnen.“ (Perspectives 02/2016)

 

Über Gado

Godfrey Mwampembwa (Gado) wurde 1969 in Daressalam, Tansania, geboren. Er gilt als einer der anerkanntesten Karikaturisten in Afrika. Gados Arbeiten wurden schon in vielen namhaften Zeitungen veröffentlicht, darunter: die Daily Nation (Kenia), The New African (UK), The Courier International und Le Monde (Frankreich), The Sunday Tribune (Südafrika), die Washington Times, Der Standard (Österreich) und die Japan Times. In den Jahren 2005 und 2007 gewann er den Kenya National Human Rights Commission Award in Journalism. Im Mai 2016 wurde er zudem für seine Arbeit mit dem 'Cartooning for Peace Prize ' ausgezeichnet. Seine Werke wurden zudem in Tansania, Kenia, Frankreich, Norwegen, Finnland und Italien ausgestellt. Die von ihm co-produzierte XYZ Show erreicht monatlich Millionen von Zuschauern. Seit den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2013 kam es zwischen Regierung und Cartoonist jedoch vermehrt zu Meinungsverschiedenheiten. Im Zuge dessen wurde nach über zwanzig Jahren seine Zusammenarbeit mit der kenianischen Nation Media Group gekündigt.

Gado ist einer der be- und anerkanntesten Karikaturisten in Afrika. Seine Zeichnungen drehen sich um das aktuelle politische Geschehen in verschiedenen Ländern des Kontinents. Anfang Mai wurde er für seine Arbeit mit dem 'Cartooning for Peace Prize' ausgezeichnet. Allerdings werden seine Werke im eigenen Land von der Regierung nicht mehr gerne gesehen: Nach über zwanzig Jahren wurde seine Zusammenarbeit mit der kenianischen Nation Media Group gekündigt. JournAfrica! hat den Künstler zum Interview getroffen. 

 

JournAfrica!: In Deutschland hatten wir eine große Diskussion darüber, was Satire darf und was nicht. Was denkst du persönlich, gibt es Tabus?

Gado: Das ist eine schwierige Frage. Ich vermeide keine Themen und finde immer einen Weg, bis an die Grenze zu gehen. Auch ich stimme manchmal nicht mit bestimmten Dingen überein. Aber ganz sicher beschütze ich entschieden die Redefreiheit - auch wenn sie beleidigt. Wie wichtig das ist, haben wir alle letztes Jahr gesehen bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Frankreich. Wir können anderer Meinung sein, untereinander oder als unsere Gegner. Aber dass das Recht auf freie Meinungsäußerung beschützt wird, ist unerlässlich. Ich stimme oft mit meinem Gegenüber nicht überein. Aber sein Recht das zu sagen, was er möchte, werde ich bis aufs Äußerste verteidigen.  

Gibt es Dinge oder Menschen, über die du keine Witze machst?

Nein, nicht wirklich. Wir haben in Afrika Themen, die sehr empfindlich sind. Religiöse Themen zum Beispiel oder Homosexualität. Aber ich habe immer einen Weg gefunden sie trotzdem zu kommentieren. Mit einer Karikatur bezieht man auch immer Stellung, man nimmt eine bestimmte Position ein, die reflektiert, was man selbst denkt.

Was bedeutet Satire für dich?

Eine ganze Menge. Satire befähigt mich zu kommunizieren, sie ermöglicht es mir, zu sagen was ich sagen möchte, und das Leben und die Gesellschaft aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Interessanterweise gibt es auch eine persönliche Ebene. Ich bin ein Mensch, der es wirklich mag, sich selbst zu betrachten und über sich selbst zu lachen. Ich kritisiere mich und sehe, was ich hätte besser machen können. Satire ist also ein Werkzeug, dass individuell und auch als Künstler gebraucht werden kann. Außerdem finde ich es gut, dass man mit Satire bei vielem einfach davonkommt. Das ist die Schönheit an Satire. Man kann klug über Dinge reden und Sachen sagen ohne sich entschuldigen zu müssen. (lacht)

Wie sind die Reaktionen auf deine Arbeit im Allgemeinen – eher positiv oder eher negativ?

Eigentlich beides. Manchmal bekomme ich sogar sehr viel negatives Feedback. Leute beschweren sich oder drohen damit, vor Gericht zu ziehen, oder beschuldigen mich diverser Dinge. Ich sage immer, dass ich zwar die Urheberrechte an meiner Arbeit besitze, aber nicht das Urheberrecht an der Interpretation meiner Arbeit. Cartoons provozieren nun einmal. Und wer Menschen provoziert, muss ihnen dann auch zuhören.

Ich sage immer, dass ich zwar die Urheberrechte an meiner Arbeit besitze, aber nicht das Urheberrecht an der Interpretation meiner Arbeit.

Wie schätzt du die Situation der Pressefreiheit in Ostafrika ein, speziell in Kenia und Tansania?

Wir haben über die Jahre hinweg große Fortschritte gemacht haben. Das muss auch mal so gesagt werden. Zur Zeit aber laufen wir Gefahr, dass diese Gewinne wieder zunichte gemacht werden. Wir haben gesehen, wie die Regierung versucht in die Medien einzugreifen und sie mittels der Gesetzgebung einzuschüchtern. Das ist sowohl hier als auch in anderen ostafrikanischen Staaten passiert. Davor müssen wir uns hüten. Es ist ein besorgniserregender Trend. Ich glaube nicht, dass er Erfolg hat, aber wir müssen uns in Acht nehmen.

Gado bei der Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin
Gado bei der Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin

Würdest du sagen, dass du mit deiner Arbeit für die Pressefreiheit kämpfst?

Ich bin selbst ein Nutznießer der Menschen, die in der Vergangenheit für Pressefreiheit gekämpft haben. Und so hoffe ich, dass auch andere in Zukunft davon profitieren - Journalisten, Künstler, die Bevölkerung im Allgemeinen. Und wenn ich einen kleinen Teil zur Pressefreiheit in Ostafrika beitragen kann, dann bin ich mehr als glücklich,.

Satire ist ein Werkzeug, mit dem viele Themen diskutiert werden können, die eigentlich nicht diskutiert werden sollen.

Was ist das große Ziel deiner Arbeit?

Als Satiriker hast du eine Botschaft: Du hältst der Gesellschaft einen Spiegel vor, so dass sie sich selbst sehen kann. Du regst zum Nachdenken an, trittst Debatten los und tust all diese Dinge in der Hoffnung, die gegenwärtige Situation zu beeinflussen. Satire ist in vielen afrikanischen Ländern wichtig, weil sie Stimmen verstärkt. Sie ist eine Art Plattform für Meinungen, ein Werkzeug, mit dem viele Themen diskutiert werden können, die eigentlich nicht diskutiert werden sollen. Satire kann Fragen aufwerfen. Und genau das versuche ich zu tun.

Dein Vertrag mit der Nation Media Group wurde kürzlich nach 23 Jahren nicht verlängert. Was ist geschehen?

Die Medienhäuser waren schon immer unter dem Druck der Regierung. Das ist normal. Ich bin daran gewohnt, mit meinen Herausgebern zu sprechen, auch über Beschwerden. All die Jahre wurde ich immer beschützt. Meine Herausgeber und meine Zeitung standen hinter mir. Es gab schon Gerichtsverhandlungen und so, aber ich hatte immer ihren Schutz. Und das ist sehr wichtig.

Mit der neuen Regierung hat der Druck noch einmal deutlich zugenommen. Jetzt hat die Regierung Leute in den Medienreihen gefunden, die mit ihr zusammenarbeiten. Diese Komplizenschaft ist sehr beunruhigend. Diese Menschen sind im Grunde Welpen, die benutzt werden von der Regierung. In meinem Fall hatten wir eigentlich eine Abmachung, dass ich für ein Jahr freigestellt werde, weil der Druck zu hoch wurde. Aber die Abmachung war auch, dass ich danach zurück in meinen Job kann. Jetzt zeigt es sich, dass diese Entscheidung hinter meinem Rücken längst getroffen wurde.

Gab es eine bestimmte Karikatur, wegen der dir das „Sabbatjahr“ ans Herz gelegt wurde?

Über die Jahre hinweg gab es eine Reihe von Zeichnungen, die dazu geführt haben. Aber ein Cartoon, den ich gemacht habe, zeigt Jakaya Kikwete, den tansanischen Präsidenten, in einem römischen Reich umgeben von den Frauen Inkompetenz, Vetternwirtschaft und Korruption. Und diese Zeichnung wurde im Grunde als Ausrede benutzt.

Gados Karikatur, die angeblich zu seiner einjährigen Pause bei der Nation Media Group führte
Gados Karikatur, die angeblich zu seiner einjährigen Pause bei der Nation Media Group führte. Sie erschien ursprünglich Anfang 2015 in der tansanischen Zeitung "East African". 

Millionen von Menschen sehen deine XYZ-Show. Das Erste, was die Menschen in der Zeitung suchten, waren deine Cartoons. Du bist weltweit bekannt und geschätzt. Wie fühlt es sich an, dass so viele Menschen lieben, was du tust - aber für die eigene Regierung bist du unerwünscht?

Keine Regierung liebt ihre Kritiker, das ist nicht nur in Afrika so. Regierungen mögen es nicht, wenn man über sie lacht, sie mögen keine Satire. Ich bin mir bewusst, dass Satire nicht gerade dabei hilft, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass ich bei einer anderen Zeitung anfangen werde. Ich arbeite schon jetzt mit verschiedenen Online-Plattformen zusammen. Und dass ich weiter in Kenia arbeiten kann, auch da bin ich optimistisch. Aber am Ende des Tages kommt es darauf an, dass ich die Freiheit habe, meine Arbeit so zu machen, wie ich sie eben mache.

Vor kurzem hast du den 2016 Cartooning for Peace Prize gewonnen. Wie hast du dich da gefühlt?

Ich weiß nicht, ob ich zum Frieden beitrage (lacht). Aber es war wirklich eine besondere Auszeichnung. Ich teile diese Ehre mit einem sehr ehrwürdigen Cartoonisten, Zunar aus Malaysia. Er ist vermutlich durch weit mehr Schwierigkeiten gegangen als ich selbst. Die Auszeichnung ist etwas wirklich Besonderes.

Siehst du dich als jemand, der Frieden bringen möchte?

Naja, ich bin sicherlich niemand, der Krieg bringen möchte. Und ich bin eine sehr friedvolle Person. Das Ziel von Cartooning for Peace ist es, Brücken zu schlagen, sich mit Menschen unterschiedlichster Nationen austauschen zu können. All das kann man mit Satire tun, mit Cartoons - sogar, wenn man sich damit manchmal beleidigt. Man versteht sich trotzdem gegenseitig!

 

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin.