10.05.2016
Übersetzt von Konstantin Meisel

Ende 2015 gab Burundis Präsident Pierre Nkurunziza bekannt, für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen, obwohl diese im Friedensvertrag von Arusha aus dem Jahr 2000 nicht vorgesehen ist. In der Folgezeit kam es in der Hauptstadt Bujumbura zu Protestaktionen gegen die Regierung, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Nach einem vereitelten Putschversuch im Mai wurde Nkurunziza schließlich im Juli 2015 im Amt bestätigt. Seitdem kommt es immer wieder zu Unruhen in dem Land. 260.000 Menschen sind geflohen, mehrere Hundert kamen ums Leben.

JournAfrica! widmet sich regelmäßig der Lage in Burundi. Unser Autor ist dabei einer der wenigen Journalisten, die noch von vor Ort berichten können.

Lesen Sie auch:

Journalismus in Zeiten der Krise - Meinungs- und Pressefreiheit in Burundi

Leben in der Krise - auf der Suche nach Auswegen

Eine interessante Publikation zur Rolle der Internationalen Gemeinschaft in der Burundi-Krise liefert die Heinrich-Böll-Stiftung: Burundi und das Phlegma der internationalen Politik.

Sie können unsere Berichterstattung aus Burundi auch finanziell unterstützen.

Alleine konnten die drei burundischen Familien nicht länger gegen die Armut ankämpfen. Zwei der drei Ehemänner hatten bereits ihre Arbeit verloren. Ende Juli 2015 schlossen sich die Familien deshalb zusammen und wohnen seitdem gemeinsam in einem Haus in Bujumbura, der Hauptstadt des Landes. „Durch den Zusammenschluss sind unsere monatlichen Ausgaben fast um die Hälfte zurückgegangen“, sagt eine der Frauen des Hauses, die ihren Namen nicht öffentlich nennen möchte. Sie ist froh über die Entscheidung. Rund 600.000 Burundi-Franc, umgerechnet etwa 340 Euro, würde jede der Familien monatlich sparen, sagt sie: „Vor allem für Miete, Verpflegung und die Hausbediensteten sind die Kosten gesunken“.

So wie der Familie ergeht es vielen Menschen in dem ostafrikanischen Land. Überall sparen die Menschen. Sie lassen das Auto zu Hause, nehmen stattdessen den Bus oder gehen zu Fuß. Sie trinken weniger Bier und telefonieren so wenig wie möglich. Die Menschen in Burundi müssen ihren Lebensstil ändern, um mit einer Verarmung zurechtzukommen, die seit einem Jahr um sich greift.

Im April 2015 löste der Präsident Pierre Nkurunziza eine politische Krise aus, als er für eine dritte Amtszeit kandidierte. Die Opposition wirft ihm vor, die Verfassung gebrochen zu haben, die nur eine Wiederwahl zulassen würde. Bei Protesten gegen den Präsidenten kamen bisher mehr als 450 Menschen ums Leben. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Rebellen und staatlichen Ordnungskräften und zu schweren Menschenrechtsverletzungen, darunter gezielten Morden. Etwa 260.000 Menschen sind bisher aus dem Land geflohen. Doch die Regierung weigert sich trotz der Empfehlungen der internationalen Gemeinschaft beharrlich, Friedensgespräche mit der Opposition im Exil zu führen.

Von der politischen zur wirtschaftlichen Krise

Die EU, die USA, Belgien und die Niederlande haben daraufhin ihre Unterstützung für Burundi aufgehoben. Heute liegen fast alle Entwicklungsprojekte auf Eis. Das ist ein schwerer Schlag für ein Land, dessen Staatshaushalt zu fast 52 Prozent von ausländischen Partnern getragen wird. Die Wirtschaft ist stark eingebrochen. Durchschnittlich entgehen der burundischen Steuerbehörde umgerechnet fast neun Millionen Euro pro Quartal. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Staatsetat im Jahr 2016 um beinahe 22 Prozent verringert.

„Die wirtschaftliche Lage ist instabil“, räumt der Regierungssprecher Philippe Nzobonariba ein. „Da braucht es eine behutsame Sparpolitik“. So rechtfertigt die Regierung, dass sie beispielsweise Sonderzulagen streicht, keine Neueinstellungen mehr vornimmt und die Uni-Stipendien einiger Studienanfänger aussetzt. „Diese Maßnahmen sind der schwachen Konjunktur im Land geschuldet“, erklärt Tabu Abdallah Manirakiza, Burundis Finanzminister. „Wir müssen unseren Vorrat an Devisen gut verwalten“. Trotz der niedrigen Produktion besteuert die Regierung Nahrungsmittel zusätzlich, damit Geld in den Haushalt fließt. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Reis und Kartoffeln sind teilweise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Gleichzeitig können sich die Menschen wegen der Inflation immer weniger von ihrem Geld leisten.

Jede Familie hat andere Lösungen gefunden, mit der Not umzugehen. „Man muss streng haushalten, um über den Monat zu kommen“, erklärt eine Frau in Bujumbura, die als leitende Angestellte im Ministerium für Landwirtschaft arbeitet. „Es gibt nicht mehr drei, sondern zwei Mahlzeiten pro Tag, Haferbrei statt Kuhmilch, und Zucker sollte man nicht kiloweise, sondern löffelweise kaufen“. Sie muss mit einem Monatslohn von umgerechnet 95 Euro auskommen. „Es gibt keine Arbeitsaufträge im Landesinneren und Beratungstätigkeiten mehr“, bedauert sie.

Überall in Bujumbura schließen Geschäfte, Hotels und Bars, weil die Kundschaft ausbleibt. Häuser finden keine Mieter mehr. In den als Protestvierteln bekannten Stadtteilen steht ein großer Teil der Häuser leer. „Einige Menschen haben das Land verlassen“, erklärt der Ökonom Venant Nijebariko, weshalb sie ihre Wohnungen aufgegeben hätten. „Andere fürchten um ihr Leben oder ihr Hab und Gut“.

Es kaufen immer weniger Kunden auf den Märkten und in den Geschäften ein. Melchiade Bukuru ist einer der Geschäftsinhaber in der Hauptstadt, der seinen Laden nun schließen muss. „Die Kunden wollen ihre Waren auf Kredit kaufen oder verlangen Bargelddarlehen“, ärgert er sich. Das habe er sich nicht leisten können.

Das Geschäftsleben muss weitergehen

Andere Menschen schlagen sich irgendwie durch. Viele Verkäufer sind mittlerweile zu fahrenden Händlern geworden. Zwischen 12 und 14 Uhr mittags ziehen sie durch die Innenstadt von Bujumbura, um dort ihre billigen, vorgekochten Gerichte zu verkaufen. So ergeben sich auch neue Geschäftsfelder über die sich Kunden freuen, die nun Zeit sparen.

Kommissionäre wie Jean Paul Hakizimana machen ebenfalls gute Profite. „Viele Leute verkaufen ihre Häuser oder Autos gegen Bargeld“, erklärt er seine Tätigkeit. „Ich suche Menschen, die noch Geld haben, und kaufe für sie billig ein“. Verkäufer gibt es zuhauf. Viele wollen um jeden Preis zu Bargeld kommen, um für ihre Familien aufzukommen oder das Land verlassen zu können, wenn die Situation unerträglich werden sollte.

Einer der politischen Oppositionellen des Landes beklagt, dass es dem ohnehin armen Land nun noch schlechter gehe. Er fordert die Regierung dazu auf, ehrliche Verhandlungen über die politischen Probleme aufzunehmen, „damit die schweren Menschenrechtsverletzungen aufhören und die eingefrorenen Finanzierungen wieder aktiviert werden“.