23.05.2016
Übersetzt von Elisabeth Simonson

Geflügelwirtschaft in Ghana

Zehn Prozent. Die Zahl klingt ernüchternd. So hoch ist der Marktanteil der ghanaischen Bauern am Geflügelmarkt – und zwar in Ghana, im eigenen Land. Verantwortlich sind Billig-Importe aus dem Ausland, hauptsächlich aus der Europäischen Union. Im vergangenen Jahr hat die EU landwirtschaftliche Produkte im Wert von insgesamt 341 Millionen Euro in Ghana verkauft. Das geht aus der Handelsübersicht der Europäischen Kommission hervor. Ghana importiert pro Jahr etwa 165 000 Tonnen Fleisch – 90.000 davon sind Geflügelteile. Das Problem für lokale Bauern: Weil das Fleisch aus Europa billiger ist, bleiben sie auf ihrem sitzen.

"Mit dem Import von Geflügel ging es hier in Ghana nach der großen Dürre von 1983 los“, sagte der Agrarwissenschaftler Amin-Somuah der ARD. „Erst waren es nur Hühnerbeine und -füße, dann kamen bald die ersten verarbeiteten und tiefgefrorenen Produkte auf den Markt.“ Als Notprogramm gestartet, entwickelte sich der Verkauf von Hähnchenschenkeln und Co. zu einem profitablen Geschäft für westliche Agrarkonzerne. Allein in den vergangenen sechs Jahren hat sich der Umsatz ihrer Geflügel-Verkäufe in Ghana verdreifacht. Besonders Hälse, Flügel und Innereien werden verschifft. In Europa will sie niemand auf dem Teller haben, in Ghana aber sind sie begehrt.

Umso beachtlicher erscheint da die Geschichte von Emmanuel Adams: Er hat es trotz der denkbar schweren Rahmenbedingungen geschafft, eine profitable Geflügelzucht aufzubauen. 

Lesen Sie dazu auch einen Kommentar von Femi Akomolafe.

Es ist laut auf dem Hof. Hühner gackern und Schweine quieken. Die Tiere scheinen hungrig zu sein. Ihr Besitzer, Emmanuel Adams, bereitet den Tieren das Futter vor. Der 35-Jährige ist studierter Landwirt und lebt im Norden von Ghana. Nach seiner Ausbildung arbeitete er einige Jahre für das Ministerium für Landwirtschaft. Dann kündigte Adams den Bürojob und ging nach Gumo.

In der ländlichen Gegend dort, nordöstlich von Tamale, machte er eine Entdeckung. Sie sollte die Weichen für seine berufliche Zukunft stellen. “Jeden Morgen sah ich mit Eiern beladene LKWs aus Sunyani und anderen Orten im Süden des Landes herfahren", erzählt Adams. Doch mit den importierten Eiern konnte die große Nachfrage in der Region nicht bewältigt werden. Die Händlerinnen auf den Märkten berichteten Adams, dass die Eier immer innerhalb von nur drei Tagen vergriffen waren. "Ich habe mich deshalb gefragt: Warum produzieren wir unsere Eier nicht selbst? Wir haben doch hier im Norden eigentlich alle dafür nötigen Ressourcen!“ 

Die Schweinegrippe überstanden

Adams wollte die Sache damals selbst angehen, er wurde zum Agrarunternehmer. Sein Geschäft nannte er „Devine Providence Farms“ oder kurz: „DEPRO Farms“. Im Jahr 2007 nahm die Farm mit 1000 Hühnern und fünf Schweinen die Arbeit auf. Doch schon kurz darauf stand der Neuunternehmer vor der ersten harten Prüfung. Sein Hof wurde  von der Schweinegrippe befallen. Fast alle Schweine fielen der Krankheit zum Opfer, die Zucht brach zusammen. Und auch bei den ersten Hühnern musste der Farmer Verluste hinnehmen: „Fünfzehnhundert Tiere habe ich am Anfang verloren, aber ich habe nicht aufgegeben“, sagt Adams.

Emmanuel Adams am Schweinestall
Zehn Schweine hat Emmanuel Adams im vergangenen Jahr gekauft. Heute sind es 200.

Er war fest entschlossen, die Farm aufzubauen, also kaufte Adams neue Hühner und begann von vorn. Der Wagemut hat sich ausgezahlt: Heute hat der Bauer 11.000 Legehennen und 3000 Eintagsküken. Dadurch kann er zwischen 240 und 260 Eierkisten am Tag verkaufen – genug, um an einem guten Tag 2400 Cedi einzunehmen. Gemeinsam mit seiner Frau, seinem Vater und seinen Geschwistern betreibt er den Hof.  Und mit seinen Eiern versorgt er viele Haushalte, Lebensmittelverkäufer und Restaurants rund um Tamale. Doch noch immer können die einheimischen Eier den Bedarf der Bewohner der Region nicht decken: „Eier sind nach wie vor eine echte Mangelware auf den Märkten.“

Eine einmalige Chance für Ghanas Farmer

Emanuel will dazu beitragen, dieses Problem zu lösen. Weil die Geflügelzucht in Nordghana noch nicht sonderlich verbreitet ist und den unerfahrenen Bauern häufig Probleme bereitet, bietet er kostenlose Beratungen im Umgang mit den Vögeln an: „Heute betreue ich 26 Landwirte als Mentor – manche von ihnen haben 1000 Vögel, manche haben 2000.“ Jedes Jahr fangen  mehr Menschen mit dem Geflügelhandel an, und Adams will ihnen helfen, auf eigenen Beinen zu stehen. Ganz fremd ist ihm die Weitergabe von Wissen nicht: Der junge Mann ist eins von acht Kindern eines Lehrers im Ruhestand.  „Das Programm könnte helfen, langfristig die Nachfrage zu decken und die Wirtschaft des Landes anzukurbeln“, sagt er.

Emmanuel Adams vor einem Hühnerstall
Emmanuel Adams ist stolz auf seine Hühnerfarm: Sie umfasst 11.000 Legehennen.

Im Jahr 2014 musste die junge Hühnerzucht in Ghana noch einmal einen herben Dämpfer einstecken: Die Vogelgrippe raffte tausende Zuchtvögel dahin. Auch Adams blieb von der Krankheit nicht verschont. 6000 Hühner hat der Bauer damals verloren. Mittlerweile hat sich der Betrieb jedoch wieder erholt.  Um seine Eier auszuliefern, hat Immanuel sogar einen eigenen Kleinlaster gekauft, mit dem er Kunden in ganz Nordghana versorgt. Und auch mit den Schweinen hat er es ein zweites Mal versucht: „Im letzten Jahr habe  ich zehn Ferkel gekauft – heute habe ich mehr als 200 Schweine“, erzählt er mit einem Lächeln.