12.04.2016
Übersetzt von Manuela Kleindienst

Was macht man, wenn man in den führenden Medien des eigenen Landes keinerlei Gehör findet? Wenn man verspottet und beschimpft wird, und einem manchmal sogar der Tod an den Hals gewünscht wird? Und das in einem Land, in dem über 90% der Bevölkerung glauben, dass Homosexualität moralisch anrüchig und gesetzlich anstößig ist? Man beginnt, seine eigene Geschichte zu erzählen – allen Widrigkeiten zum Trotz. Genau das hat die Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) in Uganda getan. Sie haben die alternative Multimedia-Plattform Kuchu Times gegründet. Our voices, our stories, our lives lautet der passende Titel.

Die Etablierung von Mainstream-Medien ist in Uganda generell sehr schwierig. So kann es vorkommen, dass Veröffentlichungen von Sicherheitskräften der Regierung einfach eingestellt werden, wenn ihnen die Geschichten missfallen. Schon seit 30 Jahren wird das ostafrikanische Land von Präsident Yoweri Museveni regiert. Um an seiner Macht festzuhalten, blockiert er in regelmäßigen Abständen den Zugriff auf die sozialen Medien unter dem Vorwand, die nationale Sicherheit zu wahren. Eine weitere Hinterlassenschaft Musevenis ist das harte Vorgehen seiner Regierung gegen Homosexuelle, die mithilfe der Medien die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern öffentlich billigt. 

Dennoch ist Uganda ein widerstandsfähiges Land. Kuchu Times und andere Medien-Plattformen sind der Beweis, dass Ugandas LGBT-Gemeinschaft diese Kunst gut beherrscht. Sie hatte auch keine große Wahl, wie Jacqueline Kasha, Gründerin des Magazins Bombastic, einer der Publikationen von Kuchu Times,  berichtet. Die Idee, ein Medium zu schaffen, welches sich ausschließlich den Interessen der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in Uganda widmet, sei aus der Not geboren worden. Wie viele andere aus der LGBT-Gemeinschaft Ugandas wurde auch Kasha Opfer der Medien, die ihr Privatleben ausspionierten und sie dadurch körperlicher Gefahr aussetzten. Wie viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender wurde sie gewaltsam von Zuhause vertrieben, nachdem ihr Name und die Bezeichnung 'homosexuell' in den Zeitungen erschienen war.

 

 

Vor dem Erscheinen von Kuchu Times hat man noch nie von Medien gehört, die sich ausschließlich an Homosexuelle und Transgender richten. Ugandas LGBT-Gemeinschaft war unsichtbar und zeigte sich nur gelegentlich in der Öffentlichkeit. Doch selbst dann versteckten sie ihre Gesichter hinter Masken. Heutzutage nutzen sie die unzähligen Möglichkeiten, die das Internet ihnen bietet, um sich Gehör zu verschaffen. Kuchu Times zum Beispiel ist ein reines Onlinemedium. Daneben gibt es Webseiten ugandischer LGBT-Blogger, -Künstler oder Social-Media-Aktivisten. Auf Kuchu Times erzählen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender Geschichten aus dem alltäglichen Leben, empfehlen die aktuellsten LGBT-Musikvideos, aber behandeln auch ernsthafte Themen wie Tod durch HIV, Fortpflanzungsmedizin und Gewalt.

We hope to build an active media stream for radio, television and message forums for the exchange of news and ideas and drawing on Africa’s hugely diverse cultures. Bring forward your debates, discussions, stories, movies, documentaries and art. Tell your family, friends, allies, researchers, students, activists and mostly the several governments that are sanctioning homophobia with their laws; this is a worldwide fight and sensitization for all is needed. (Kuchu Times)

Hassan Kamoga ist Produzent von 'Outed', einem ugandischen Film über einen schwulen Mann, der getötet wird, nachdem sein Name und sein Foto in einer lokalen Boulevardzeitung abgedruckt werden. Von den neuen Medienprojekten ist er überzeugt. "Kuchu Times ist ein mutiges neues Medium, das Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern eine Stimme gibt", meint Kamoga. Ähnlich wie die Filme 'God loves Uganda' und 'Call me Kuchu', so versucht auch 'Outed' dem Rest der Welt die Notlage der LGBT-Gemeinschaft in Uganda zu verdeutlichen. Kamoga zufolge ist es das erste Mal, dass die Welt etwas über dieses Thema durch Einheimische erfährt und nicht durch ausländische Medien oder Filme. Er sagt, dies sei besonders wichtig, um gegen die Erzählungen und den weit verbreiteten Glauben vorzugehen, dass Homosexualität ein vom Westen eingeschlepptes Phänomen sei.

Kamogas Film 'Outed' wurde von der Gründung der neuen LGBT-Medien inspiriert. Der Regisseur ist sich sicher, dass sich Menschen wie er auch weiterhin mit dem Thema beschäftigen, wenn mehr Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in alternativen Medien ihre Stimme erheben. Kamoga produzierte 'Outed' im Jahr 2011, traute sich jedoch erst 2015 den Film öffentlich zu zeigen.

 

 

Trotz des hoffnungsvollen Aufkommens alternativer Medien hat die LGBT-Gemeinschaft noch immer mit unzähligen Problemen zu kämpfen. Mainstream-Medien rufen mittlerweile vielleicht nicht mehr dazu auf 'Homosexuelle zu erhängen'. Gefährliche Vorurteile gegenüber Homosexuellen bestehen jedoch weiterhin. Dem Medienforscher Rachael Borlase zufolge verbreiten ugandische Journalisten bisweilen negative Vorurteile über Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, weil sie glauben, dass eine liberale Berichterstattung nicht dem Willen der Gesellschaft entspräche.

Obwohl das Verfassungsgericht das Anti-Homosexuellen-Gesetz 2014 für verfassungswidrig erklärte, hat die Gewalt gegen Homosexuelle zugenommen. Die Angst ist groß, dass erneut ein ähnliches Gesetz verabschiedet wird. Wie die Mainstream-Medien zeigen, hat sich die öffentliche Meinung zum Thema Homosexualität kaum verändert. Filmemacher Kamoga glaubt fest daran, dass die alternativen Medien die stärkste Waffe sind, um die Einstellung der Menschen zu ändern. "Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transgender sehen einen Film wie 'Outed' oder lesen die Kuchu Times und sehen dabei sich selbst, ihren Bruder, ihre Schwester oder einen Freund. Es hätte auch einen von ihnen treffen können", sagt er. "Niemand in Uganda hat die Geschichte der LGBT-Gemeinschaft jemals so erzählt wie dieser Film.“