05.05.2016
Übersetzt von Elisabeth Simonson

Im Zuge der Kolonialisierung Nigerias wurde die traditionelle egalitäre Gemeinschaft der Igbo mit Geschlechterhierarchien durchsetzt. Dem europäischen Rollenverständnis entsprechend wurden bedeutende Positionen durch die Kolonialherren mit Männern besetzt, die Frauen ihnen unterstehend. Im heutigen Nigeria gehören die Frauenorganisationen zu den am besten organisierten Gruppierungen der nigerianischen Zivilgesellschaft. Bekannte feministische Schriftstellerinnen aus Nigeria sind u.a. Buchi Emecheta und Flora Nwapa. Quelle: Heinrich Böll Stiftung 

Es sollte ein schwieriges Unterfangen werden: Meinen Verlegern schwebte eine Fotoreihe zum Thema „Liebe“ vor. Viel Zeit hatte ich nicht, also legte ich sofort los. Zunächst hatte ich die Idee, Paare ausführlich zu ihren Beziehungserfahrungen zu befragen und sie dabei zu fotografieren. Das gestaltete sich schwerer als ich zunächst dachte – bald wurde mir klar, dass nigerianische Paare ihr Privatleben sehr ungern mit der Öffentlichkeit teilen.

Persönlich kannte ich auch niemanden, der für eine solche Fotoreihe posieren wollte, also ging ich an öffentliche Plätze und fragte verschiedene Ladenbesitzer. Vielleicht würden sie ja Paare kennen, die mich zu sich einladen und für Fotos posieren würden. Falsch gedacht. Liebespaare meiden offensichtlich lieber den Kontakt zur Presse.

Der Abgabetermin rückte aber immer näher. Als ich auf einer Veranstaltung für angehende Dichter war, nutzte ich die Bühne kurzerhand für mein Anliegen. Leider wieder ohne Erfolg. Auch Singles wollten sich von mir nicht zu ihren persönlichen Liebesgeschichten befragen lassen. Als ich die Veranstaltung gerade verlassen wollte, kam plötzlich ein junger Mann auf mich zu. Er war bereit mir seine Geschichte zu erzählen und sich für die Bilderreihe fotografieren zu lassen – endlich ein Erfolg! Er stellte mich seinen Freunden vor und einige willigten sogar ein, auch mit mir zu sprechen und sich fotografieren zu lassen.

Fragen über Fragen

Warum war es so schwer gewesen, Freiwillige zu finden? Warum schwiegen besonders Frauen zum Thema Liebe? Eigentlich hatte ich erwartet, dass gerade sie am ehesten bereit wären, mir ihre Liebesgeschichten zu erzählen. Einfach, weil sie Frauen sind. Ich dachte, sie wären mitteilungsfreudiger bei diesem Thema. Habe ich vielleicht zu festgefahrene Vorstellungen von den Geschlechtern? Ist Liebe noch immer so ein Tabuthema? Offensichtlich habe ich das alles falsch eingeschätzt. Schaut man sich im Internet um, teilen nigerianische Frauen doch überall ihre Gedanken und Gefühle mit, sie sprechen über die Liebe oder den Valentinstag – sie erzählten sogar ihre tiefsten Beziehungsgeheimnisse. Aber in der realen Welt ziehen sie es offensichtlich vor zu schweigen.

Ich sprach noch einmal mit meinen Verlegern und erzählte ihnen von meiner Idee männliche Singles zu porträtieren. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass Männer tatsächlich eher bereit sind, ihre Liebesgeschichten zu teilen. „Ich bin überrascht, dass ein Igbo-Mann über die Liebe redet“, sagte mein Verleger. Ich verschob dennoch kurzerhand den Fokus meiner Geschichte – „Nigerianische Männer und die Liebe“ sollte sie von nun an heißen. Ich wollte Liebesgeschichten von Männern erzählen und sie dabei in ihrer Lebensumwelt präsentieren. Ein Umfeld, in welchem Geschlechterrollen normalerweise ziemlich fest eingefahren sind. Schließlich wird in Nigeria weitläufig geglaubt, dass Männer eben „männlich“ sein sollen. Also sprechen sie nicht über ihre Gefühle und vor allem sollen sie niemals weinen. Meine Verleger lehnten die neue Geschichte deshalb auch ab. Es sei völlig unangebracht, zwei Seiten voller männlicher Emotionen zu schreiben. Was befürchten sie denn? Was ist so schlimm daran, wenn eine Gruppe Männer über die Liebe reden möchte? Für meine Verleger war das eben völlig ungewohnt.

Kultur macht Geschlecht

Ich begann meine eigenen Rollenbilder immer mehr  in Frage zu stellen. Warum nahm ich an, dass Frauen eher über ihre Gefühle sprechen würden? Was wollte ich eigentlich erfahren, über Männer und Frauen in Nigeria? Und was erfuhr ich tatsächlich durch diese Arbeit über meine Erwartungen an Frauen und Männer?

Es ist nahezu unmöglich, Bilder oder Erzählungen zu finden, die den sozialen Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit widersprechen. Dagegen möchte ich mit dieser Fotoserie ankämpfen. Denn wer in Nigeria aufwächst wird mit festen Geschlechterrollen konfrontiert, mal subtil, mal weniger subtil. Frauen und Mädchen sollen sich sehr feminin verhalten und Männer eben maskulin.

Persönlich glaube ich: Je mehr Autoren, Fotografen und Geschichtenerzähler die Männerwelt menschlich darstellen, umso mehr können wir auch von ihrer emotionalen und verletzlichen Seite erfahren. So entstand dieses Essay über Männer und ihre Liebe.

Uche Chukwu Ezeogu, 35, Buchhalter
Uche Chukwu Ezeogu, 35, Buchhalter:
"Zum ersten Mal habe ich mich mit neun Jahren verliebt. Es war in der fünften Klasse – ein Mädchen namens Juliet. Meinen ersten Liebeskummer hatte ich im ersten Jahr an der Universität – ich war um die 20 und hatte recht idealistische Vorstellungen von der Liebe. Ich dachte, jede ernsthafte Beziehung würde zu einer Ehe führen und es war meine erste richtige Beziehung, also ging ich davon aus, dass es die Richtige war. Ich war mit drei Frauen befreundet und suchte mir eine von ihnen aus, aber scheinbar hatte ich die falsche Wahl getroffen. Die Beziehung dauerte ein Jahr lang und im zweiten Semester fielen mir Veränderungen an meiner Freundin auf, mit denen ich nicht leben konnte, also trennten wir uns. Vielleicht lag es daran, dass ich zunehmend mit der Universitätspolitik beschäftigt war und bei meiner Beziehung nicht aufgepasst habe – ich fand heraus, dass sie mich mit einem Kommilitonen betrogen hat. Ich war schockiert und mein Herz war gebrochen. Der Liebeskummer verwandelte mich in einen Schürzenjäger und ich drehte völlig durch, denn bis zu diesem Zeitpunkt war ich monogam. Nach sechs Jahren sagte ich zu mir selbst, es ist an der Zeit, wieder ein Mann zu werden. Ein richtiger Mann hat keinen Harem, wie der biblische König Salomo – ein richtiger Mann hält Treue zu sich selbst und zu einer Frau. So habe ich meinen Glauben an die Liebe wiedergefunden und heutzutage glaube ich nicht, dass eine Frau mich verlassen würde."

 

 

Okah Ewah Edede, 33, Persönlicher Referent, Schriftsteller und Maler
Okah Ewah Edede, 33, Persönlicher Referent, Schriftsteller und Maler:
"Ich habe erst heute früh erfahren, dass mein Vater gestorben ist. Ich habe ihm immer versichert, dass ich eine Frau finden würde – ich bin Einzelkind und er wünschte sich sehr, dass ich heirate. Es war so, als ob er wüsste, dass seine Zeit gekommen ist. Mein Vater war ein Typ Mensch, der versuchte, anderen ihr Potential aufzuzeigen. Er war sehr kommunikativ und sagte mir immer, dass ich jede Frau heiraten könnte, die ich will. Die Religion einer Person war ihm immer egal und es ärgerte ihn, dass Religion ein Hindernis für Liebende darstellte. Er sagte immer, dass wir alle denselben Gott anbeten."

 

 

Unig, 23, Student der Medienwissenschaften
Unig, 23, Student der Medienwissenschaften:

"Die Liebe ist ein tolles Gefühl. Es ist ein sehr besonderes Gefühl, das man zu einer Frau empfindet. Ich war schon mal verliebt und es war fantastisch. Zurzeit bin ich Single, aber ich würde dieses Gefühl der echten Liebe gern wieder erleben."

 

Michael, 18 Student der Sozialpädagogik
Michael, 18 Student der Sozialpädagogik:
"Zu lieben bedeutet, sich um jemanden bedingungslos zu kümmern. Bis jetzt waren meine Erfahrungen mit Liebe eher zwanglos, aber ich glaube, die Liebe dreht sich nicht nur um Sex. Und man soll nicht nur seine Familie lieben, sondern auch die weniger Privilegierten. Das lernte ich von meiner ersten Freundin. Sie sagte mir, dass es in der Liebe eben nicht nur um Sex geht."

 

Mike Clarkson, 24, Student der Industriellen Chemie
Mike Clarkson, 24, Student der Industriellen Chemie:
"Liebe ist Güte – man zeigt, wie sehr man sich um sie oder ihn sorgt. Liebe bedeutet: „Ich möchte das für dich tun, einfach weil ich es will.“ Ich habe dieses Zitat aus einem Lied von Justin Bieber. Ich bin in einer Situation, in der meine Familie meine Freundin nicht mag und sie wollen nicht, dass wir zusammen sind. Sie haben mich gezwungen, sie zu verlassen, aber im Geheimen sind wir noch zusammen. Meine Familie drohte mir sogar, mich aus dem Haus zu werfen, wenn ich sie nicht verlasse, weil sie zu den Yoruba gehört und ich zu den Hausa. Nun sind wir seit 4 Jahren zusammen und ich würde gern zum Valentinstag etwas für sie tun."

 

Femi, 24, Physikstudent
Femi, 24, Physikstudent:
"Liebe ist das Ausleben von Emotionen, indem man den geliebten Menschen Gutes tut, wenn man ihnen in traurigen Zeiten beisteht, ihnen ein Lächeln beschert und Lösungen für Probleme vorschlägt. Das bedeutet nicht unbedingt Liebe für eine Person. Man wird vielmehr zu einem Team mit der Person. Liebe kann einen aber auch unvernünftig handeln lassen, aber man gibt sich Mühe, die geliebten Menschen nicht zu verletzen. Liebe ist auch, wenn man morgens aufwacht und sich fragt „Was kann ich für diese Menschen tun, um ihr Leben zu erleichtern, ihnen Stress zu nehmen und Freude in ihr Leben zu bringen?“

 

{C}{C}{C}Joseph Hilary, 18, Student der Mikrobiologie
Joseph Hilary, 18, Student der Mikrobiologie
"Liebe ist ein positives, emotionales Begehren für jemanden. Ich habe es noch nie erlebt, aber ich hoffe, dass ich es irgendwann noch erleben werde."
 

 

Joseph Hilary, 18, Student der Mikrobiologie
Abiola, 24, Jurastudent:
"Liebe ist vergänglich und basiert auf deiner Wahl. Die Person, die man heute liebt, kann dieselbe sein, die man morgen hasst. Wenn deine Freundin dich betrügt, kann deine Liebe zu Hass werden. Seit sechs Jahren habe ich keine Liebe mehr erlebt – damals passierte etwas, das meine Vorstellungen davon verändert hat und ich erfuhr, dass man auch jemanden lieben kann, ohne Liebe zu erwarten. Man kann Liebe geben, ohne welche zu bekommen."

 

Japeth, 25, Jurastudent
Japeth, 25, Jurastudent:
"Die Liebe ist wunderschön, aber sie kann auch Trauer verursachen. Das letzte Mal war ich 2010 verliebt, dann versuchte ich es 2013 nochmal – zwei Jahre lang versuchte ich, das besagte Mädchen zu überzeugen, aber ich glaube, meine Vergangenheit hat mich eingeholt. Ich war unerfahren darin, jemanden zu lieben, also war mein Versuch, zur Liebe zurück zu finden erfolglos. Nun denke ich ernsthaft nach, bevor ich eine weitere richtige Beziehung versuche. Ich bedauere einige Entscheidungen aus meiner Vergangenheit."

 

Ademola, 23, Jurastudent
Ademola, 23, Jurastudent:
"Liebe hat sehr viele Bedeutungen. Es bedeutet, jemanden an seiner Seite zu haben oder Familienmitglieder zu lieben. Liebe ist, wenn man einen geliebten Menschen hat, der dir Ratschläge gibt. Ich habe schon mal jemanden geliebt und auch jemanden verloren."