19.01.2015
Übersetzt von Stefanie Otto

Im Jahr 2010 startete Lomé, die Hauptstadt Togos, ein städtisches Umweltprojekt (Projet Environnement Urbain Lomé), kurz PEUL. Das Ziel: die Neuorganisierung der Müllabfuhr. Neue Mini-Traktoren sollten die alten Handkarren ersetzen, neue Mülldeponien eingerichtet werden. Heute muss PEUL als gescheitert angesehen werden: die beteiligten Müllabfuhrunternehmen sind pleite; die Stadt stinkt buchstäblich zum Himmel.

Seit 1921 liegt die Verantwortung für die Müllentsorgung bei den togoischen Gemeinden. Doch die Kassen sind knapp und so haben viele Gemeinden diese Aufgabe in private Hände gegeben. Von 1974 bis 1994 fuhr die Société d’Enlèvement des Ordures Ménagères et d’Assainissement (SOTOEMA) von Tür zu Tür, um die häuslichen Abfälle abzutransportieren. Doch die Verschuldung der Stadt nahm zu, SOTOEMA war gezwungen den Betrieb einzustellen und Lomé versank im Müll.

Angesichts dieser Krise entschieden sich Jugendliche in der ganzen Stadt etwas gegen die Müllberge zu tun. Sie organisierten sich in Vereinen und sammelten den Müll mit Hilfe von rollenden Tonnen oder Handkarren. Im Jahr 2007 existierten etwa einhundert solcher Müllentsorgungsvereine, die die Abfälle von mehr als 150.000 Haushalten einsammelten. Mehr als 25.000 Jugendliche waren daran beteiligt. Sie arbeiteten meist vier Tage pro Woche und erhielten ein monatliches Gehalt von 20.000 bis 35.000 FCFA (30 bis 50 Euro).

Die Stadtverwaltung greift ein

Erst im Sommer 2008 versuchte die Stadtverwaltung die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Sie wollte die Vereine der Jugendlichen einbeziehen und versprach ihnen neben einer Professionalisierung auch vertraglich gesicherte Gewinne: Das Projekt PEUL war geboren. PEUL umfasst fast 6 Milliarden FCFA (ca. 8 Mio. Euro) und wurde gemeinsam mit der Agence Française de Développement (AFD), dem französischen Organ für Entwicklungshilfe, entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Umstrukturierung der Abwasser- und Müllentsorgung.

Nach einer Ausschreibung wurden 27 der etwa 100 Vereine für eine Zusammenarbeit ausgewählt und ihnen die Verantwortung für jeweils einen Stadtteil übertragen. Die ausgewählten Vereine gingen in neu gegründete Unternehmen über. Bei einer feierlichen Zeremonie am 24. Dezember 2009, bei der auch Präsident Faure Gnassingbé anwesend war, wurden 52 Mini-Traktoren an die neuen Unternehmer überreicht - jedoch nicht geschenkt: Um die Fahrzeuge erwerben zu können, wurde jedem Unternehmen ein Kredit gewährt. Je nach Gebietsgröße betrug dieser zwischen 4 und 7 Millionen FCFA (6.000 bis 10.000 Euro).  

Neue Besitzer von Traktoren verärgert und verschuldet

Mit den Einnahmen durch die Müllentsorgung sollten die Kleinunternehmen das Darlehen binnen drei Jahren abstottern. Zudem wurden sie verpflichtet, 20% ihrer Einnahmen an die Stadt abzugeben. Doch die Kredite wurden sehr schnell zum Problem: Die meisten Unternehmen konnten ihre Raten nicht mehr regelmäßig tilgen. Beglichen sind sie bis heute nicht - und die Verantwortlichen müssen befürchten, dass bald auch ihr Privateigentum gepfändet werden könnte.

So erging es Badabo Palambo, dem Geschäftsführer von ENAV-Togo. 1998 gründete er die Initiative zur Müllbeseitigung und wandelte sie 2009 nach den Vorgaben der Stadt in ein Unternehmen um. Er erhielt einen Kredit über knapp 5 Millionen FCFA (etwa 7 500 Euro) sowie die Zuständigkeit für Zone 21, den Stadtteil Kagnikopé. Dieses Viertel ist sumpfig, oft vom Regen überschwemmt und daher schwer zu befahren. Ein anderer Betrieb hatte angesichts des schwierigen Terrains bereits zuvor das Handtuch geworfen.

„Ich hatte zwei Monate Zeit um den Betrieb zum Laufen zu bringen. Danach sollte ich jeweils zum zehnten eines Monats 164 000 FCFA (also 250 Euro) abzahlen - und das für die nächsten drei Jahre“, erklärt Palambo. Hinzu kamen die monatlichen Abgaben an die Stadtverwaltung.

„Bis heute können wir nichts zahlen, weil wir keine ausreichenden Gewinne erzielen. Unsere Konten sind immer im Minus. Dazu kommt, dass wir als Unternehmen gezwungen sind, unseren Angestellten den Mindestlohn zu zahlen. Und die Gewerbesteuer. Dabei sind die Voraussetzungen auf unserem Abschnitt katastrophal."

 

Für etwa 20 000 Haushalte sollte Palambo die Müllabfuhr organisieren. Doch die Beschaffenheit des Viertels Kagnikopé und seiner Umgebung machten es ihm unmöglich, rentabel zu wirtschaften und termingerecht die Gehälter zu zahlen. „Irgendwann waren wir acht Monate im Rückstand. Im September 2011 wurde ich festgenommen und erst freigelassen, nachdem ich einen Teil der Summe bezahlt hatte“, berichtet Badabo Palambo mit Tränen in den Augen.

Schon bald sah sich Palambo von den Schulden überrollt. Die Früchte jahrelanger Arbeit waren zunichte. Er bekam Depressionen, unternahm einen Selbstmordversuch. „PEUL hat mich umgebracht“, sagt er immer wieder in einer Mischung aus Verbitterung und Bedauern. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich durch dieses Projekt alles verlieren würde, hätte ich meine Leute da nie mit reingezogen.“

Entsorgungsbetrieben wurden schrottreife Mini-Traktoren untergejubelt

Eine weitere Ursache für seine Zahlungsunfähigkeit war der Zustand der Fahrzeuge, die er mithilfe des Kredits kaufen musste. „Als die Mini-Traktoren ankamen, waren wir sehr enttäuscht. Die Fahrzeuge waren nicht für unsere Straßenverhältnisse geeignet. Außerdem konnten wir sie nicht registrieren. Beim Ministerium für Transport sagte man uns, dass sie schon seit zehn Jahren nicht mehr zugelassen seien“, erklärt der Geschäftsführer von ENAV. Auch im Betrieb von Togbui Homéfa Komlanvi spielte sich ein ähnliches Drama ab.

„Zwei meiner Fahrzeuge gaben nach zwei Monaten den Geist auf. Bei anderen funktionierten die Traktoren schon zur offiziellen Eröffnungsfeier nicht. Es ist ein Skandal, dass man uns zu dem Preis diese Schrottkarren untergejubelt hat!“, beklagt er sich. Im Namen aller neuen Entsorgungsbetriebe beschwerte er sich über den desolaten Zustand der Fahrzeuge. „Trotzdem wurde nichts unternommen, um defekte Teile auszuwechseln, geschweige denn die Fahrzeuge auszutauschen.“

 

Ende 2012 ging das Projekt PEUL zu Ende. Viele der betroffenen Betriebe sehen bis heute kein Licht am Ende des Tunnels. Sie sind jedoch nicht die einzigen, die für das Versagen des Projekts PEUL herhalten müssen. Denn von den sieben Deponien, die zur Verbesserung der Abfallentsorgung geplant waren, wurden nur fünf errichtet. Und selbst diese sind aufgrund von Konstruktionsfehlern unbenutzbar.

Die Müllhalden werden von einer 1,5 Meter hohen Mauer umschlossen. Im Inneren ist der Boden gepflastert und mit getrennten Müllbecken ausgestattet. So sollten die Mini-Traktoren ihre gesammelten Abfälle abladen können. Doch das Hauptproblem sind die Anfahrts-Rampen: Den Fahrern zufolge ist ihre Neigung viel zu hoch. Das macht das Abladen sehr schwierig und führt teilweise dazu, dass die Fahrzeuge abrutschen.

„Wir sind also gezwungen die Abfälle direkt auf dem Boden der Deponie abzuladen. Einige gehen sogar soweit und boykottieren die neuen Anlagen. Sie laden den Müll einfach irgendwo in ihrem Stadtteil ab - und so entstehen dann neue Müllhalden“, beschreibt Togbui Homéfa Komlanvi.

 

Der Anblick dieser wilden Zwischenlager ist traurig und erschreckend zugleich. Die hygienische Situation hat sich stark verschlechtert und birgt Gesundheitsrisiken für die Anwohner. Im Stadtteil Bè-Avéto hat sich ein riesiger Müllberg gebildet, der schon die Begrenzungsmauern unter sich zu begraben droht. Die Deponie ist so vollgestopft, dass die Müllmänner nicht mehr mit ihren Fahrzeugen hineinfahren können. Sie sind gezwungen, die Abfälle mühsam in Jutesäcke zu füllen um diese dann einen nach dem anderen in der Deponie auszuleeren.

In anderen Vierteln wiederum sind die Deponien gähnend leer. Seit 2010, dem Jahr ihrer Fertigstellung, stehen sie unter Verschluss.

„Die Anwohner beschweren sich darüber und verstehen nicht, warum ihre Nachbarschaft von Müllbergen überwuchert werden - obwohl eine Anlage nur zu diesem Zweck gebaut wurde. Oft kommen sie zur Deponie und klopfen wütend an Tore. Doch ich kann ihnen nicht helfen. Ich versuche aber die Umstände zu erklären“, berichtet Espoir Houénouvi, der Wächter der Anlage in Kagnikopé. In der leeren Deponie hat er für sich und seine Familie eine Wohnung eingerichtet. Die Stadtverwaltung hat ihm schon seit Monaten kein Gehalt mehr gezahlt.

Die Unternehmen, die mit ihren Fahrzeugen den Müll auf die Deponien bringen sollten, wurden bei der Planung der Anlagen nicht von der Stadt konsultiert.

In Viertel Bè Kpota sind es die Gräber des größten Friedhofs von Lomé, die im Müllchaos ersticken. Ungeachtet der Bedeutung dieses Ortes werden dort Hausabfälle abgeladen. Ringsherum verbreitet sich ein widerlicher Gestank. Angehörige der Verstorbenen waren teilweise so schockiert von dieser Schändung des Friedhofs, dass sie die Särge wieder haben ausgraben lassen.

„Die Agence Française de Développement hat 1,3 Milliarden FCFA (fast 2 Mio. Euro) für die Deponien zur Verfügung gestellt. Bis heute wurde diese Summe nicht genutzt. Wenn das keine Vergeudung ist!“, ärgert sich Togbui Homéfa Komlavi.

 

*Die Recherchen zu diesem Artikel wurden von PAIR, dem Programme for African Investigative Reporting mitfinanziert.

Erstveröffentlichung: Focus Info