13.04.2016
Übersetzt von Konstantin Meisel

„Wir müssen uns irgendwie durchbeißen, wenn wir nicht verhungern oder durch eine Kugel sterben wollen“, meint ein burundischer Journalist. Er und Dutzende seiner Kollegen treffen sich täglich im „Maison de la Presse“, im Pressehaus. Die einen reden über ihre Erlebnisse und die allgemeine Gewalt im Land, die anderen versuchen, gemeinsam Überlebensstrategien zu entwickeln oder Themen für Artikel zu finden, die sie dann auf der Website ihrer zerstörten Radiostationen posten können. „Die meisten sind so gut wie arbeitslos“, so der Direktor des Pressehauses, in dem zumindest ein Internetanschluss und ein großer Arbeitsraum zur Verfügung steht.

Am Morgen des 14. Mai 2015 änderte sich alles: Nach heftigen Demonstrationen gegen den Präsidenten Pierre Nkurunziza und dessen (als verfassungswidrig eingestuften) Versuch, zum dritten Mal zu kandidieren, kam es zunächst zu einem missglückten Staatsstreich. Daraufhin wurden die unabhängigen Radiostationen „Renaissance“, „Radio Publique Africaine“, „Isanganiro“ und „Bonesha“ von einer bis heute unbekannten Einheit zerstört – in ihnen wurde fälschlicherweise eine Plattform der politischen Gegner gesehen. Trotz der Proteste wurde Nkurunziza im Juli wiedergewählt.

Rund einhundert Journalisten mussten anschließend ins Exil fliehen, zumeist in die Nachbarländer im Gebiet der großen Seen. Die meisten von ihnen sind nun in der ruandischen Hauptstadt Kigali, wo sie mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben. „Wir waren registriert, und die Milizsoldaten der regierenden Partei wurden beauftragt uns zu töten. Vor der Überquerung der Grenze haben wir uns wochenlang bei Freunden und Verwandten versteckt. Sieben unserer Kollegen werden wegen der angeblichen Teilnahme am versuchten Staatsstreich von der burundischen Justiz verfolgt“, so ein Journalist im Exil, der wie so viele seiner Kollegen anonym bleiben möchte. Zwar haben vor kurzem zwei Radiostationen ihren Betrieb wieder aufgenommen, doch die Radiohörer fordern die Inbetriebnahme aller Radios – für die Meinungsvielfalt.

Seit April 2015 musste die burundische Presse einen hohen Preis bezahlen: Ein Kameramann des öffentlichen Fernsehens wurde von Polizisten getötet – zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern und einem weiteren Familienmitglied. Der Korrespondent von RFI/AFP wurde gefoltert und floh daraufhin nach Nairobi ins Exil. Der Direktor der Pressegruppe „Iwacu“ flüchtete nach einer Vorladung des Staatsanwalts. Und für den Radiotechniker Egide Mwemero ist es gerade der fünfte Monat in Haft.

Dem Berufsethos treu bleiben

Trotz der zahlreichen Probleme versuchen die Journalisten, so gut wie möglich ihrer Aufgabe gerecht zu werden und das Grundrecht auf Informationen zu gewährleisten. „Wir sind fest entschlossen, keine Fakten zu verfälschen oder die Wahrheit zu verzerren. Wir leben zwar von unseren Familien getrennt und in Armut, doch wir bleiben unserem Berufsethos treu“, so ein weiterer Exiljournalist. Er und seine Kollegen haben hier das Online-Radio „Radio Inzamba“ gegründet, mit dem sie Informationen über Burundi im Netz verbreiten. Das burundische „Radio Publique Africaine“ (RPA) bleibt seiner Devise treu, die „Stimme der Stimmlosen“ zu sein und gründete die Online-Tageszeitung „Humura“, die vor allem den Opfern von Polizeigewalt eine Stimme gibt.

Die in Burundi gebliebenen Kollegen produzieren trotz der Angst Artikel für die Websites, zum Teil aus dem Versteck heraus. „Wir machen gerade so viel wie nötig. Mein Lohn ist, wie der meiner Kollegen, nach der Krise stark zurückgegangen, teilweise um weit mehr als die Hälfte“, so Alexis Nibasumba, Ex-Korrespondent von Radio Bonesha.

Für einen Journalismus des Friedens

Politische Gegner, Bürgerrechtler, Journalisten und Partnerländer von Burundi sind beunruhigt vom Anstieg der Gewalt. In elf Monaten gab es 450 Tote und 250.000 Flüchtlinge. Es kam zu gezielten Morden, Attacken mit Handgranaten und zu Auseinandersetzungen zwischen Rebellengruppen mit der Armee oder der Polizei.

Durch die Wiederbelebung der Medien wäre es möglich, diese Straftaten aufzuklären und die Urheber zu ermitteln. „Es gibt keine Meinungsfreiheit mehr. Ein Medium verbreitet Hassbotschaften, in denen ein bestimmter Teil der Gesellschaft nicht nur beschuldigt wird, die Regierung stürzen zu wollen, sondern auch für alles Unglück seit 1962 in diesem Land verantwortlich gemacht wird“, bedauert Patrick Nduwimana, der Präsident des Verbunds burundischer Radiostationen („Association Burundaise des Radiodiffuseurs (ABR)“). Damit spielt er auf das Nationale Radio und Fernsehen Burundis RTNB an, das beschuldigt wird, mit seinen Nachrichten die ethnische Spaltung in Burundi zu befeuern. Am 23. und 24. März fand in Brüssel eine Konferenz statt, bei der die wichtigsten privaten Medien des Landes sowie Vertreter internationaler Medienorganisationen zusammen kamen. Bei dieser Gelegenheit forderte Nduwimana die Journalisten erneut auf, friedensstiftende Arbeit zu leisten.

Unabhängige Journalisten könnten in der Tat Konfliktparteien zusammenführen und Friedensgespräche fördern, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. „Die unabhängigen Radiostationen trugen maßgeblich zum Ende des Bürgerkriegs (1993-2006) bei, indem sie beide Kriegsparteien zu Wort kommen ließen. Heute könnten sie helfen, die Regierung davon zu überzeugen, mit der Opposition im Exil zu verhandeln“, so der Vorschlag eines ehemaligen Politikers.