11.11.2015
Übersetzt von Tobias Koch

Das ist die Geschichte von drei Ghanaern, die sich in den Niederlanden niederließen. Viele Jahre verbrachten sie in dem flachen Land an der Nordsee. Am Ende gaben sie auf und wandten dem Land den Rücken zu. Rassismus und Desillusionierung waren nur der Anfang allen Übels.

Kapitel 1: Suleimana

Suleimana Tanko stammt aus Tamale im Norden Ghanas. Mit jungen Jahren zog er in die Hauptstadt Accra und schlug sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch: dem Verkauf von Kokosnüssen oder dem Putzen von Schuhen. Er und seine Freunde waren der Meinung, dass nur eines ihre prekäre finanzielle Lage auf einen Schlag lösen könnte: Europa. Sie sparten, was sie konnten, liehen Geld von Familie und Freunden und machten sich auf den Weg.

Nach einigen Zwischenstopps in Europa versuchte Suleimana sein Glück in den Niederlanden. Es dauerte jedoch nicht lange, bis Suleimana begriff, dass sein Bild von Europa nicht wirklich mit der Realität übereinstimmte. Die einzigen Jobs, die man ihm anbot, waren Gelegenheitstätigkeiten. Sie reichten kaum aus, um die Summen zu begleichen, die einem für ein zivilisiertes Leben in Europa aufgebürdet werden.

Nach fünf Jahren war der Traum von Wohlstand und Glückseligkeit in weite Ferne gerückt. Nach zehn Jahren war er vollkommen verschwunden - Suleimana war vollkommen desillusioniert. Obwohl als streng-gläubiger Muslim aufgewachsen, begann er mit dem Trinken. Erst als er abhängig wurde, bemerkte er,  in welchen Schwierigkeiten er sich befand. Er gestand seinem Vater seine Sucht, und jener beorderte ihn zurück nach Hause.

Die Familie legte zusammen, um Suleimana ein Taxi zu kaufen. Heute arbeitet er als Taxifahrer in Accra. Kürzlich hat er einen Transporter erstanden, mit dem er abgelegene Gegenden mit Trinkwasser beliefert. Nichts wird ihn jemals wieder dazu bringen Ghana zu verlassen. „Das Leben in Europa war schrecklich. Ich konnte nicht einschlafen, ehe ich volltrunken einnickte. Ich verstehe jetzt, was Bob Marley meinte, als er vor dem Leben im Hamsterrad warnte. In Holland verdient man nie genug, um seine Ausgaben zu decken. Du arbeitest ununterbrochen, aber am Ende des Monats weißt du nicht, wo all dein Geld hin ist.“

Mann Migration Europa Afrika
Ein Mann auf dem Weg nach Europa.

Kapitel 2: Abena

Sie wollte ein besseres Leben für ihre Kinder. Doch nach 32 Jahren in den Niederlanden ging Abena Boateng zurück nach Ghana. „27 Jahre lang habe ich Toiletten geputzt und mich um Alte gekümmert, denen der Speichel über die Lippen rinnt. Jahrelang habe ich ihren Dreck aufgeräumt, doch geschätzt hat mich niemand.“ Ich habe hart gearbeitet und gehofft, dass meine Kinder ein besseres Leben haben werden als ich. Sie gaben mir keinen guten Job, haben mir gesagt, dass mein Niederländisch nicht gut genug sei. Ich bin in Schulen gegangen, habe die Sprache gelernt und ein Zeugnis nach dem nächsten bekommen. Trotzdem durfte ich nur putzen. Immer gab es irgendeine Ausrede.“

„Mit meinen Kindern wollten sie genauso weitermachen. Mein ältester Sohn war immer der beste in Mathematik und Naturwissenschaften. Er liest leidenschaftlich gerne und experimentiert. Und was sagt ihm sein Lehrer? Er solle doch Gärtner werden. Meiner ehrgeizigen Tochter wurde geraten, sich als Bäckerin zu versuchen.“

„Ich bin zurück nach Ghana und habe hier ein kleines Haus gebaut. Dann habe ich meine Kinder zurückgeholt. Mein Sohn ist jetzt Architekt, meine Tochter studiert Jura. Wenn du willst, dass deine Kinder Erfolg haben, dann geh nicht nach Holland. Die Holländer bringen sich noch um Kopf und Kragen mit ihrem dämlichen Rassismus. Als ob nur Weiße in Büros arbeiten dürften.“

Mann demonstriert für Rechte von Migranten

Kapitel 3: Nii

Nii Ayittey verließ die Niederlande, da er fürchtete in einem Altersheim zu enden.

„Damals, Ende der 1970er Jahre, gehörte ich zu den ersten Ghanaern in den Niederlanden. Nach fast vierzig Jahren mit den härtesten Jobs hab ich Nägel mit Köpfen gemacht: Ich habe entschieden, dass ich in meiner Heimat wohl besser dran bin. Ich wollte zurück, weil mir die Wertschätzung für meine Leistungen fehlte, Und es gab keine Hoffnung mehr auf Besserung.“

„Im kältesten Winter und im sonnigsten Sommer habe ich mich wie ein Esel abgemüht. Und wofür? Für nichts. Nach all den Jahren hatte sich meine Lebenssituation nicht verbessert. Alle, die ich zu Hause zurückgelassen habe, sind heute besser dran als ich. Sie haben mir sogar geholfen, wenn ich sie in Ghana besucht habe.

„Das Schlimmste war, als meine Kumpels, mit denen ich hergekommen war, einer nach dem anderen starben. Die Chemikalien, die wir zum Putzen benutzten, forderten ihren Tribut. Diabetes, Krebs und Schlaganfälle – meine Freunde verschwanden in Altersheimen in Amsterdam. Jedes Mal musste ich weinen, wenn ich sie besuchte. Ich war mit ihnen aufgewachsen, und nun sah ich, wie ihr Leben vor meinen Augen dahinging. Ich sagte mir, dass ich nicht so enden möchte. Ich ging nach Hause. Zum Glück bin ich gesund. Sollen sie ihr Holland doch behalten. Sollen sie ihr Europa doch behalten. Niemals mehr werde ich mein Heimatland verlassen.“