20.04.2015
Übersetzt von Tobias Koch

Glaubt man den führenden Medien weltweit, entwickelt sich Afrikas Wirtschaft mit rasanter Geschwindigkeit: Die am schnellsten wachsende Region der Welt. Die Weltbank, der internationale Währungsfonds und viele afrikanische Regierungen lassen keine Möglichkeit ungenutzt, um zu betonen: Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen in Afrika. Gestützt werden ihre Behauptungen durch beeindruckende makroökonomische Terminologien.

Afrika ist der Kontinent mit den meisten natürlichen Ressourcen und einem großen Reichtum an Mineralien. Dennoch sind die Afrikaner die ärmsten Menschen der Welt. Es ist paradox: Trotz beeindruckender Wachstumskurven fliehen die meisten Menschen weltweit voller Verzweiflung aus Afrika, um Armut und Krankheiten zu entkommen.

Die Statistiken sind erschreckend und abstoßend zugleich. Allein im Jahr 2014 ertranken über 3000 Migranten in der Hoffnung auf ein besseres Leben vor der europäischen Küste. Viele von ihnen stammen aus Afrika. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) spricht von einer Vervierfachung der Opferzahlen gegenüber dem Jahr 2013. Der maltesische Premierminister bezeichnete das Mittelmeer sogar als „Friedhof“. Es wird vermutet, dass in den letzten zwei Jahrzehnten alleine im Mittelmeer über 20.000 Menschen bei ihrem Fluchtversuch nach Europa starben. Viele weitere Flüchtlinge kommen in der Sahara, an der Atlantikküste Marokkos oder auf der Halbinsel Sinai ums Leben.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Warum riskieren Menschen alles, um aus vermeintlich prosperierenden Volkswirtschaften zu fliehen? Warum setzen Ghanaer auf dem Weg ins „Paradies Europa“ ihr Leben aufs Spiel, während sich Regierungsbeamte für ökonomische Erfolge beweihräuchern und internationale Institutionen vom „Paradebeispiel Ghana“ palavern?

Vor drei Jahren produzierte eine niederländische Produktionsfirma einen Dokumentarfilm über den ugandischen Flüchtling Ssuuna Golooba. Die Sendung wurde mit dem Titel Surprising Europe veröffentlicht und später als Miniserie bei dem Fernsehsender Al-Jazeera ausgestrahlt. Bevor ihn das „Reisefieber“ packte, arbeitete Ssuuna als Fotograf für eine ugandische Zeitung. Er kündigte seinen gut bezahlten Job und verließ seine Heimat - in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Niederlanden. Dort fand er jedoch nichts als Gelegenheitsjobs, die seinen Intellekt nicht ansatzweise forderten. Der Hungerlohn, den er dabei verdiente, reichte nicht einmal für seine Miete und die Nebenkosten. Währenddessen saß ihm seine Familie in Uganda immer wieder mit der Bitte um Geld im Nacken. Und wie alle papierlosen Migranten fürchtete Ssuuna die niederländische Polizei: die hätte ihn im Falle einer Festnahme einfach abgeschoben.

Surprising Europe zeigt auf hervorragende Weise mit welchen existentiellen Herausforderungen sich afrikanische Migranten in Europa herumschlagen müssen. Und wie sich andere in Kirchen Beistand von oben holen, um ein allmächtiges EU-Visum zu erhalten. Auf die grauenvollen und eindringlich geschilderten Erfahrungen Ssuunas folgt eine Überraschung: Viele Ugander schenken ihnen keine Beachtung. Einige Studenten der Universität Makerere, die nach einer der Vorführungen des Films befragt wurden, äußerten keinen Zweifel daran, selbst in Europa ihr Glück versuchen zu wollen.

Karikatur von GADO zu den sich häufenden Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer

Hätte ich es doch bloß vorher gewusst!

Auch viele Ghanaer leiden an diesem Fatalismus. Alleine in den Niederlanden leben über 40.000 von ihnen und halten sich, ohne echte Aufstiegschancen, mit einfachsten Tätigkeiten über Wasser. Ihre Erzählungen sind genauso erschreckend wie die Ssuuna Goolobas in Surprising Europe. Zweifelsfrei wären viele von ihnen lieber zu Hause geblieben, wenn sie vorher von dem Elend gewusst hätten, das sie in Europa erwartet. Trotzdem folgen ihnen Tag für Tag weitere Landsleute.

Abena Ofori war Oberschwester in Ghanas führendem Krankenhaus Korle Bu in Accra. Ihr Ehemann war Architekt. Sie verdienten nicht schlecht. Doch als sie sah, wie im Ausland lebende Ghanaer vornehme Gebäude in der Stadt errichteten, entschied auch sie sich dafür, ihr Glück in den Niederlanden zu versuchen. Entgegen der Ratschläge ihres Mannes und ihrer Kinder kündigte sie ihre Stellung und wanderte aus.

Doch es kam anders als geplant.  Erschüttert musste Ofori feststellen, wie weit jene Frauen gehen mussten, um sich die Häuser leisten zu können, auf die sie vorher so neidisch gewesen war. Heute, fast fünfzehn Jahre später, versucht sie ihr einfaches Leben mit Altenpflege aufzubessern. Sie teilt sich eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung; die Miete verschlingt fast das gesamte Gehalt. Ihr Ehemann hat sich von ihr getrennt.

Ihre ehemaligen Kollegen in Accra haben Gehaltserhöhungen und großzügige Kredite erhalten. Sie bauen sich eigene Häuser und führen ein Leben in der gesicherten Mittelschicht. Ofori ist völlig desillusioniert: Sie verdammt den Tag, an dem sie sich dazu entschied, Ghana zu verlassen. Es ist einzig die Schande, die sie von einer Rückkehr abhält. Das Stigma des Misserfolgs wäre allgegenwärtig.

Eine Gruppe von Menschen mit ausgestreckten Armen, von einer Stoffbahn eingehüllt
Szene aus dem Theaterstück "Sogni dall'esilio" (dt. Träume aus dem Exil), aufgeführt im September 2007 in Rom

Viele Ghanaer haben gutbezahlte Jobs zurückgelassen und beträchtliche Summen für den Aufbruch nach Europa aufgebracht. Dort begegnen ihnen unzählige Hindernisse, die tiefer gehen als die Sprachbarriere oder das raue Wetter: Der ewige Kampf um eine Aufenthaltsgenehmigung, der allgegenwärtige Rassismus, von den Kleinigkeiten des Alltags ganz zu schweigen. Das Essen, die Freunde – all das, was man im eigenen Land als selbstverständlich erachtet. 

Auf dem Papier erscheint die Bezahlung akzeptabel. Umgerechnet in Cedi (Anm. d. Red.: die ghanaische Währung) erhält man ein kleines Vermögen. Trotzdem reicht es meist gerade so für das Existenzminimum. Nach Miet- und Nebenkosten bleibt oft kaum etwas übrig, um das Essen auf den Tisch zu bringen. Über kurz oder lang sammeln sich die Schulden an. Ausbleibende Zahlungen sind ein purer Alptraum. Und es gibt kaum Hoffnung auf Besserung.

Vor etwa zwei Jahren verblüfften einige Ghanaer in Amsterdam ihre niederländischen Mitmenschen mit einer für hiesige Verhältnisse ungewöhnlichen Aktion: Sie versammelten sich an der Amstel, um Dämonen auszutreiben, welche sie für die hohe Zahl an Todesfällen unter ihren Landsleuten verantwortlich machten. Dr. Charles Agyemang, der als Arzt, Epidemiologe und Wissenschaftler an der Universität von Amsterdam arbeitet, machte die Unwissenheit seiner Landsleute für diesen Zwischenfall verantwortlich. Die schwache Gesundheit vieler Ghanaer und die ungewöhnlich hohe Sterberate seien auf die geringe Lebensqualität zurückzuführen. Schlechte Essgewohnheiten, hoher Alkoholkonsum und fehlende körperliche Bewegung gehörten zu den Hauptursachen, erklärte er damals. Inzwischen ist er regelmäßiger Gast in Radiosendungen, um die ghanaische Gemeinde in den Niederlanden aufzuklären.

Zuweilen tritt Neid auf den Plan: Für Ghanaer, die im vermeintlich fortschrittlichen und zivilisierten Europa leben, ist es oft schockierend und deprimierend zugleich, wie weit sie ihr Heimatland abgehängt hat. Ghana ist schon lange nicht mehr das Land, welches sie vor Jahren oder Jahrzehnten verlassen haben.  Hinzu kommt eine mangelnde Wertschätzung dafür, dass sie ihre Angehörigen Monat für Monat unterstützen, während sie selbst in Europa schuften.

Es ist an der Zeit, die größte Herausforderung Afrikas zu benennen: Anstatt sich weiter der zerstörerischen Kraft der neoliberalen Globalisierung auszusetzen und damit Afrikanerinnen und Afrikaner in die Flucht zu treiben, sollte die enorme Ressourcenvielfalt des Kontinents endlich seinen Bewohnern zu Gute kommen. Es sind schlussendlich innenpolitische Entscheidungen, die Menschen dazu bringen aus ihren Heimatländern zu fliehen. Die miserable Lage der Flüchtlinge, „die Narbe im Gewissen der Welt“, kann nicht nur auf globale Entwicklungen zurückgeführt werden, sondern stellt vielmehr ein Problem dar, an dem sich afrikanische Regierungen werden messen lassen müssen.  Es bleibt einzig die Frage, ob sie dies tun werden.

Erstveröffentlichung: Migration: New pastures, not so green after all