30.06.2016

Weitere Informationen

Marrakech Museum for Photography and Visual Arts

Palais El Badi, Marrakesch, Marokko

Mi bis Mo: 9 bis 17 Uhr

Eintritt frei

www.mmpva.org

 

Zur Person

Mostafa Aghrib wurde 1975 geboren und ist seit zwei Jahren kultureller Direktor des MMP+. Er studierte Informatik in El Jadida, Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationswissenschaft in Paris sowie Religion und Gesellschaft in Louvain la Neuve. Aghrib arbeitete bereits für etliche internationale Stiftungen wie die Children of Abraham Foundation in New York, die Homme de Parole Foundation in Paris oder Graines of Peace in Genf. Darüber hinaus war er 18 Jahre lang in der französischen Botschaft in Marokko tätig und koordinierte dort unter anderem den Kulturaustausch beider Länder sowie den Aufbau des L'Institut Français du Maroc.

Marrakesch ist berühmt für seine Innenhöfe, die sogenannten Riads. Potenziell steckt hinter jeder noch so heruntergekommenen Fassade ein opulenter und gut gepflegter Garten. Der Riad hier im El-Badi-Palast war einst der spektakulärste des ganzen Landes. Gebaut zwischen 1578 und 1594, diente er dem Jahrhundertsultan Ahmed El Mansour als prunkvolle Residenz. Heute sind davon lediglich die Grundmauern erhalten.

Hier treffen wir Mostafa Aghrib, den kulturellen Leiter des Marrakech Museum for Photography and Visuals Arts, kurz: MMP+. Dessen Pläne, so stellt sich während des Gesprächs heraus, sind mindestens genauso imposant wie die Ruinen des ehemaligen Herrscherpalastes, die das MMP+ derzeit beherbergen.

Marrakech Museum for Photography and Visual Arts
Marrakech Museum for Photography and Visual Arts

Herr Aghrib, wenn von Fotografie die Rede ist, denken die meisten Leute an Länder wie Frankreich, die USA, Deutschland oder Japan. Marokko, beziehungsweise Nordafrika ganz allgemein, spielt dort selten eine Rolle. Warum?

Mostafa Aghrib: Das ist eine schwierige Frage, denn Sie bitten mich, im Namen anderer Leute zu sprechen. Ich kann Ihnen versichern, dass wir uns selbst nicht von der Kunst- und Fotoszene abgeschnitten fühlen, denn es gibt viele talentierte Fotografen hier in Marokko. Was diesbezüglich eher eine Rolle spielt, ist ganz allgemein die fehlende Geschichte von Kunst und Museen. So eine Tradition hat sich in unserem Land bisher einfach nicht entwickelt. Vielleicht sehen die Leute in Marokko daher eher einen Ort für traditionelles Kunsthandwerk als einen Platz für Fotografie oder Fine Art.

 

Das klingt so, als müsste Ihrer Ansicht nach in Marokko noch eine Menge Bildungsarbeit geleistet werden, wenn es um die Frage geht: Was ist Kunst oder Fine Art eigentlich? In vielen anderen Ländern ist die Fotografie ein etabliertes Medium, um sich selbst und seine Sicht der Dinge auf die Welt auszudrücken. Wie ist die Situation hier in Marokko?

Das ist schwer zu sagen, denn es gibt hier kaum Fine-Art-Museen, geschweige denn einen akademischen oder institutionellen Hintergrund bezüglich der Fragestellung, inwieweit Kreativität und Fine Art miteinander verbunden sind. Trotzdem ist Kunst im Allgemeinen und gerade die Fotografie natürlich Teil unseres Alltags. An jeder Ecke der Medina (Stadtkern von Marrakesch, Anm. d. Red.) laufen die Leute mit Smartphones umher und fotografieren. Die wenigsten sehen dabei allerdings die Verbindung zwischen der Kamera in ihrem Telefon und der Geschichte und Bedeutung dieser Kunstform.

Die Leute wurden in den Museen fast schon indoktriniert mit einer ausschließlich nationalen Herangehensweise an das Thema, die sich in den altbekannten Kategorien wie Barock, Renaissance oder Neoklassik bewegt. Dabei müssen wir uns die Frage stellen, ob wir Marokkaner diese klassische Einteilung überhaupt gebrauchen können oder stattdessen erkennen, dass unsere Kunstgeschichte dort nicht unbedingt hineinpasst. Die Antwort darauf ist völlig offen. Was uns bei deren Beantwortung definitiv helfen würde, wären mehr Kunsthochschulen und Zeitschriften über das Thema oder kunstgeschichtliche Elemente im normalen Schulunterricht – ganz allgemein eine stärkere Unterstützung für die Thematik von institutioneller Seite.

 

War der Wunsch, dies zu ändern, auch eine Motivation für die Gründung des MMP+?

Sicher. Mit dem MMP+ haben die Leute nun einen offiziellen und kuratierten Anlaufpunkt, um sich damit auseinanderzusetzen. Wir wollen erklären, wie der Prozess einer Ausstellung funktioniert, was unsere Auswahlkriterien sind, warum manche Bilder als künstlerisch gelten und andere wiederum nicht.

Allerdings möchte ich klarstellen, dass das MMP+ kein reines Fotomuseum ist. Wir zeigen auch Werke bildender Künstler, also Installationen, Audio- und Videoproduktionen, Malereien et cetera. Die Schirmherren unseres Museums, das Ehepaar Karen und Ely Michel Ruimy, sind jedoch große Fans der Fotografie. Daher liegt der Schwerpunkt schon auf dieser Kunstform.

Marrakech Museum for Photography and Visual Arts
Marrakech Museum for Photography and Visual Arts

Derzeit ist das Museum im El-Badi-Palast untergebracht. Doch das ist nur eine Zwischenlösung, ehe Sie in einen imposanten, vom britischen Stararchitekten David Chipperfield entworfenen Neubau nahe der Menara-Gärten etwas außerhalb des Stadtkerns ziehen sollen. Warum die Zwischenlösung hier im Palast?

Das liegt unter anderem an unserer Kooperation mit dem marokkanischen Kulturministerium. Und natürlich ist der Palast ein beliebter Ort für Touristen, die jetzt an dieser historischen Stätte auch zeitgenössische Kunst betrachten können. Für uns war es wichtig, zunächst Erfahrungen zu sammeln, ehe wir ein neues Museum nach internationalen Standards bauen. Ein Projekt wie das MMP+ gab es in Marokko bisher nicht. Wir stecken also mitten in einem Lernprozess und diesen sofort mit einem nach unseren Vorstellungen konstruierten Museum zu beginnen, wäre falsch.

 

Ein Großteil des Neubaus wollen Sie der Fotografie widmen. Wie sehen dort die Pläne aus? Wird es beispielsweise eine permanent wachsende Sammlung geben, die Sie als Dauerausstellung zeigen?

Derzeit können wir darauf noch keine abschließende Antwort geben. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns nicht allein auf den Neubau konzentrierten und es noch keine finalen Entwürfe gibt. Es sind einfach noch zu viele Fragen unbeantwortet. Einerseits vereinfacht uns dieser Umstand eine Menge, denn so haben wir freie Hand bei den Planungen; zugleich verkomplizieren solche Unklarheiten das Projekt natürlich auch.

 

Inwiefern?

Allein die Frage, ob wir als Museum sammeln sollten oder nicht, beeinflusst die Konzeption des Neubaus massiv. Wenn wir eine Sammlung anlegen, brauchen wir natürlich deutlich mehr Platz. Und sollten wir uns für das Sammeln entscheiden, folgen gleich die nächsten Optionen: Welche Epochen, Künstler und Stile nehmen wir auf? Beziehen wir uns nur oder zumindest anfangs auf Marokko oder legen den Fokus gleich auf internationale Kunst? Besteht derzeit überhaupt die Notwendigkeit zu sammeln oder ist es viel sinnvoller, bei der Produktion von Kunst zu helfen? Also beispielsweise Stipendien auszuschreiben, die entstandenen Werke bei uns auszustellen und sie den Machern anschließend zurückzugeben.

Wie sollen wir den uns zur Verfügung stehenden Raum nutzen: Zeigen wir vor allem Fotografie oder doch eher bildende Kunst? Widmen wir den Großteil des Museums einer Ausstellungsfläche, der interaktiven Bildung oder der Produktion von Kunst? Es gibt so viele Möglichkeiten.

Marrakech Museum for Photography and Visual Arts
Marrakech Museum for Photography and Visual Arts

Laut der ursprünglichen Pläne soll der Umzug in den Neubau 2016 erfolgen. Wie steht es um die Zeitplanung, wenn noch so viele Fragen ungeklärt sind?

Wissen Sie, wir sollten bereits im Februar umziehen und wie Sie sehen, sitzen wir noch immer im El-Badi-Palast. Die Architekten im Londoner Büro von David Chipperfield prüfen den geplanten Standort an den Menara-Gärten derzeit noch einmal. Wann es eine finale Entscheidung geben wird, kann ich momentan nicht sagen. Eines ist jedoch sicher: Unsere Kooperation mit dem Kultusministerium für den Standort hier im Palast läuft noch bis 2018.

 

Bei der Eröffnung des MMP+ Ende 2013 hieß es, das Museum werde mit 6.000 Quadratmetern das größte alleinstehende Fotografiemuseum der Welt sein – und Marrakesch somit zur globalen Hauptstadt für Fotografie avancieren. Wie stehen Sie zu solchen Voraussagen?

Wir haben das ja nicht behauptet. (Lacht.) Es war nie unser Ziel, das MMP+ zu einem solchen Status zu verhelfen – zumal dieser ja reinste Spekulation ist. Ganz im Gegenteil: Unser Hauptanliegen ist es, ein Projekt nachhaltig zu etablieren, das eine Verbindung schafft zwischen der lokalen Bevölkerung und Fine Art. Mit etwas Glück gelingt es uns auch, ein Publikum für andere Museen hier in Marrakesch oder ganz Marokko zu interessieren. Doch selbst, wenn wir mit der Idee des MMP+ scheitern sollten, haben wir immerhin etwas versucht, woran sich andere Leute mit ähnlichen Zielen wie unseren später einmal orientieren können.

 

Wie genau lässt sich das Konzept des MMP+ am besten beschreiben?

Es gibt drei Bereiche: Wir zeigen Ausstellungen internationaler Künstler, sodass Leute, die nicht groß verreisen können, die Möglichkeit haben, diese Arbeiten hier vor Ort kennenzulernen. Dabei ist uns eine direkte Verbindung zu Marrakesch sehr wichtig. Im vergangenen Jahr waren beispielsweise fünf Magnum-Fotografen (Abbas Attar, Jim Goldberg, Susan Meiselas, Mark Power, Mikhael Subotsky, Anm. d. Red.) für einen mehrtägigen Workshop bei uns, um ein Porträt von Marrakesch anzufertigen. Außerdem zeigten wir Werke des Japaners Daidō Moriyama. Einige davon nahm er 1989 hier in der Stadt auf.

Die zweite Säule des MMP+ baut auf einheimische Künstler, denen wir eine mindestens genauso große Plattform geben möchten. Dieser Wechsel zwischen Marokkanern und Internationalen soll die Besucher im Idealfall dazu anregen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der diversen Herangehensweisen an das große Thema Kunst zu erkennen und über sie nachzudenken. Das dritte Kernelement ist unser Bildungsprogramm, welches wir in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium aufgebaut haben. Uns besuchen regelmäßig Gruppen von öffentlichen Schulen hier aus Marrakesch.

Marrakech Museum for Photography and Visual Arts
Marrakech Museum for Photography and Visual Arts

Als ich selbst gerade durch das MMP+ lief, faszinierte mich ein Raum besonders. Seine Wände waren überall mit handschriftlichen Notizen beschrieben. Was hat es damit auf sich?

Die Idee dahinter ist eigentlich recht simpel: Galerien oder Museen zwängen den Besucher in eine vorgefertigte Rolle, aus der es kein Entkommen gibt. Entweder wir bewundern die Kunstwerke – oder sie gefallen uns nicht. Die Möglichkeiten für eine kritische und reflektierende Auseinandersetzung mit Exponaten sind rar.

Alles bewegt sich innerhalb einer Blase: Die Künstler haben ihre Kunstwerke, die Kuratoren ihre Ausstellungen und die Kritiker ihre Magazine, um sich auszudrücken. Doch was ist mit dem normalen Besucher? Bis auf ein paar Gästebücher hat er in der Regel keine Plattform, sein Empfinden von der Kunst, seine Reaktionen und Gedanken zu äußern. Doch seine Rolle hat sich massiv verändert. Die Leute interagieren und kommunizieren viel intensiver als noch vor ein paar Jahren. Sie wollen sich fast schon permanent mitteilen. Genau dafür haben wir diesen Raum geschaffen.

 

Eine Frage, die sich gerade für noch nicht etablierte Projekte stellt, ist die nach der Finanzierung. Der Eintritt ins MMP+ ist kostenlos, Sie bieten Workshops an und organisieren internationale Ausstellungen. Woher hat das Museum sein Geld?

Primär kommt das von unseren beiden Schirmherren. Als leidenschaftliche Kunst- und vor allem Fotografieliebhaber wollten sie ihrem Heimatland einfach etwas zurückgeben. Außerdem gibt es eine Stiftung namens The US-American Friends for the Marrakech Museum of Photography and Visual Arts und wir arbeiten mit weiteren Partnern zusammen, die alle ihren Teil zum MMP+ beitragen.

 

Warum entsteht das Museum gerade hier in Marrakesch und nicht beispielsweise in der Landeshauptstadt Rabat?

Marrakesch ist ein wahrer Schmelztiegel für die unterschiedlichsten Kulturen, Einflüsse und Inspirationen des Landes. Die Stadt zieht bereits jetzt viele regionale und internationale Künstler an und verdeutlicht somit wie keine andere Region in Marokko dieses Zusammenspiel zwischen den afrikanischen, arabischen, berberischen und europäischen Wurzeln unserer Bevölkerung.

Marrakech Museum for Photography and Visual Arts
Marrakech Museum for Photography and Visual Arts

Wie sieht es mit den Besucherzahlen des MMP+ aus? Kommen vermehrt Einheimische oder sind es doch eher Touristen?

Anfangs waren es hauptsächlich Touristen. Schließlich haben wir mit dem El-Badi-Palast auch einen bekannte Sehenswürdigkeit als Standort. Innerhalb der letzten zwei Jahre ist der Anteil marokkanischer Besucher allerdings von 15 auf 65 Prozent gestiegen.

 

Wie erklären Sie sich das gesteigerte Interesse der Einheimischen?

Einerseits liegt das an unserem Bildungsprogramm, das vermehrt Marokkaner zu uns bringt. Die Schüler und Lehrer motivieren zudem ihre Familie und Freunde, auch mal bei uns vorbeizuschauen. Zudem setzen wir uns stark dafür ein, das Interesse der Leute zu wecken und die sozialen und ökonomischen Barrieren beim Zugang zu Kunst und Kultur abzubauen.

 

Lassen Sie uns in Bezug auf die Ausrichtung des Museums etwas konkreter werden. Sie betonten mehrfach, die Verbindung des MMP+ zur lokalen Bevölkerung sei eines Ihrer obersten Ziele. Nun ist Marokko ein muslimisches Land mit bestimmten kulturellen Werten und Tabus. Bedeutet dies, dass Sie nicht jedes Kunstwerk zeigen können, also beispielsweise vor Aktfotografien halt machen müssen?

Generell ist eines der Anliegen von Ausstellungen, mit der Präsentation bestimmter Exponate eine öffentliche Debatte auszulösen und die Leute zu motivieren, über genau solche Themen nachzudenken. Dennoch frage ich mich, was es für einen Sinn hat, Aktaufnahmen bei uns auszustellen? Sollen wir damit womöglich zeigen, dass unsere Gesellschaft noch nicht bereit ist, solche Werke als durchaus validen Bestandteil von Fine Art zu akzeptieren und sich deshalb davon abwendet?

Es geht doch nicht darum, den nackten Körper zu präsentieren und auf die Reaktionen der Besucher zu warten. Dieser Ansatz ist sehr schwach. Wir versuchen stattdessen, andere Wege zu gehen und politische Debatten anzustoßen, indem wir beispielsweise junge marokkanische Künstler bitten, sich mit Themen wie Identität auseinanderzusetzen. Für mich sind solche Projekte viel wichtiger als die Zurschaustellung des nackten Körpers, die dann meist vorhersehbare Reaktionen provoziert.

 

Dennoch lässt sich ja nicht leugnen, dass der Akt ein ganz wesentlicher Teil des Kunst- und auch Fotografiebegriffs ist.

Sicher, aber daneben gibt es ja noch etliche weitere Motive und Stilrichtungen. Und es hängt natürlich auch sehr davon ab, in welcher Umgebung eine Ausstellung stattfindet. Vor kurzem war ich in der Schweiz und habe mir unter anderem das Fotomuseum Winterthur und die Fotostiftung angesehen. Auch dort sah ich keine Aktaufnahmen. Sollte eine Ausstellung also bloß nackte Haut zeigen, um zu provozieren?

 

Was wünschen Sie sich und dem MMP+ für die nahe Zukunft?

Dass wir nicht nur als eine weitere Touristenattraktion gesehen werden, sondern Marrakesch und seine Umgebung nachhaltig mit Fine Art in Verbindung bringen.

 

Mostafa Aghrib im MMP+
Mostafa Aghrib im MMP+