19.10.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Am Anfang war…richtig, die Idee. Die Lösung für ein Problem. 72 Stunden bleiben dir, um aus dieser Vision Realität werden zu lassen. Gemeinsam mit einem Team begeisterter Wissenschaftler, Software-Entwickler und weiterer Experten gilt es, innerhalb dieser drei Tage einen vollen funktionsfähigen Prototyp deines Produkts auf die Beine zu stellen. Am Ende wird eine Jury die besten und innovativsten davon prämieren. Mit anderen Worten: Willkommen bei einem Hackathon.

Einer dieser kreativen Programmierarien, der „Hack for Youth“, fand im Juli letzten Jahres in Ugandas Hauptstadt Kampala statt. Aufgabe der Teilnehmer war es, eine Smartphone-App zu entwickeln, die jungen Menschen den Zugang zu Sexual- und Reproduktivgesundheit erleichtert. Organisiert wurde der Hackathon unter anderem vom Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen (UNFPA), dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie der jugendgeführten Organisation Reach A Hand.

Auch wenn den Teilnehmern nur drei Tage für die Entwicklung ihres Produkts bleiben, achtet die Jury bei der Prämierung genauestens auf eine wissenschaftlich fundierte Herangehensweise sowie die Marktfähigkeit. „Wir wollen sichergehen, dass die Apps evidenzbasiert arbeiten und auf die Bedürfnisse der jungen Nutzer zugeschnitten sind“, erklärt Daniel Otine vom UNFPA in Uganda.

Zwei der preisgekrönten Apps beim Hack for Youth wurden von ugandischen Teams entwickelt. Sie werden nun durch die UNFPA und das MIT sowohl finanziell als auch durch Mentoring-Programme bei der Weiterentwicklung unterstützt. Die erste nennt sich GetIn: Sie dient als Bindeglied zwischen schwangeren Mädchen, einem Mitglied der lokalen Gesundheitsarbeiter (den sogenannten Village Health Teams) und einer ausgebildeten Hebamme. Die App soll den werdenden Müttern vor allem Sicherheit geben und sie mit professioneller Hilfe in eine Geburtsklinik sowie Schwangerenbetreuung begleiten, wo sie ihre Kinder sicher zu Welt bringen können. Die Schwangerschaftsquote unter Teenagern in sub-Sahara Afrika ist die höchste weltweit. Im Schnitt werden jedes Jahr 140 von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren schwanger. In Deutschland sind es sieben von 1.000.

Auf dem Hackathon „Hack for Youth“ waren mit GetIn und SafePal gleich zwei ugandische Gesundheitsapps unter den Siegern.
Auf dem Hackathon „Hack for Youth“ waren mit GetIn und SafePal gleich zwei ugandische Gesundheitsapps unter den Siegern.

GetIn hat auch einen Bildungsauftrag und soll beispielsweise gegen vorherrschende Mythen wie Beim ersten Geschlechtsverkehr kann man nicht schwanger werden oder Du bist zu jung, um schwanger zu werden ankämpfen. „Durch diese Informationen verhindern wir hoffentlich weitere frühe Schwangerschaften“, hofft Otine. Und das könnte Leben retten. Zahlen des ugandischen Gesundheitsministeriums zufolge werden 25 Prozent aller 19-Jährigen im Land schwanger. Die Muttersterblichkeit ist vier Mal höher als bei Frauen, die 20 Jahre oder älter sind. Die Säuglingssterblichkeit ist sogar um 50 Prozent erhöht. Die Beta-Version von GetIn soll Ende September auf den Markt kommen.

Die zweite beim Hack for Youth prämierte App ist SafePal, eine Plattform für Opfer sexueller Gewalt. Dort können sie vertraulich Übergriffe melden und Kontakt mit medizinisch und psychologisch geschultem Personal sowie der Polizei aufnehmen. „Wir hoffen, mit SafePal vor allem die schweren Fälle zu erreichen“, erklärt Otine.

SafePal und GetIn sind nicht die ersten Apps, die versuchen, Lücken im ugandischen Gesundheitssystem zu schließen. „Bei uns wurden bereits zahlreiche Smartphone-Programme entwickelt, etliche davon mit wirklich großem Potenzial“, sagt Michael Niyitegeka von der International Health Sciences University (IHSU) in Kampala. Hinter den meisten von ihnen stehen entweder Studenten oder Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen.

Ona Ilozumba ist Doktorand an der Universität in Amsterdam und erforscht unter anderem das Thema Mobile Health in Afrika. „Die meisten der Apps haben tolle Ansätze, doch nur die wenigsten lassen sich realistisch für den Massenmarkt umsetzen. Oft fehlt es an einer soliden Analyse, was die Nutzer der App tatsächlich benötigen“, so Ilozumba. Außerdem würden zu selten Experten aus der Medizin in die Entwicklungsprozesse involviert, beklagt Niyitigeka. „Doch wir brauchen ihr Wissen und ihre Expertise dringend, um ein Produkt zu schaffen, dass es über die Prototypphase hinaus schafft.“

Eine Software, die das Zeug dazu hat, ist Matibabu (Swahili für Ärztezentrum). Als erste App Afrikas kann Matibabu Malaria diagnostizieren, ohne dass eine Blutentnahme dafür nötig ist. Stattdessen wird ein Finger in das eigens entwickelte und an ein Smartphone angeschlossenes Gerät (Matiscope) gehalten. Das Matiscope scannt kurzerhand die roten Blutkörperchen auf Malariaviren. Nach zwei Minuten steht die Diagnose. Alles läuft völlig ohne Schmerzen ab und ist deutlich schneller und günstiger als die herkömmliche Methode, die mitunter eine halbe Stunde dauert und von einem Fachmann ausgeführt werden muss.

Ugandas Regierung profitiert am meisten, gibt sich jedoch zäh mit der Finanzierung

Matibabu wurde von Josiah Kavuma, Simon Lubambo, Joshua Businge and Brian Gitta entwickelt, als sie noch Studenten der Makerere-Universität in Kampala waren. Ihr Team – Code8 – gewann bereits zahlreiche Preise: 2013 den USAID Contest for Innovation sowie ein Jahr später den Women’s Empowerment Award beim von Microsoft organisierten weltweiten Imagine Cup. 2014 präsentierten sie eine frühe Matibabu-Version auf der MakeTechX-Konferenz in Berlin.

„Endlich können wir auch mit dem Validierungsprozess beginnen”, erklärt Gitta. „Wir arbeiten eng mit unseren Partnern in Portugal zusammen und sind gerade dabei, die Genehmigungen für unsere Feldversuche in Uganda, Angola und Nigeria zu bekommen.“ Ehe Matibabu marktreif ist, werden jedoch noch voraussichtlich zwölf bis 18 Monate vergehen.

Ein Grund dafür ist die Finanzierung. Code8 rechnet mit etwa 400.000 US-Dollar, um den finalen Prototyp entwickeln zu können. Während die Teams von GetIn und SafePal von der UNFPA und dem MIT unterstützt werden, fehlt diese Hilfe bei Matibabu.

„Die ugandische Regierung profitiert zweifelsohne am meisten von solchen Apps und sollte die Entwicklung daher auch aktiv unterstützen. Meistens müssen die Teams jedoch ihr eigenes Geld oder das von Freunden und Verwandten investieren, da nur wenige das Glück haben, beispielsweise bei einem Hackathon zu gewinnen“, erklärt Niyitegeka. Daher hat er am IHSU das „Applied ICT & Leadership“-Programm ins Leben gerufen. Sechs Monate lang lernen die Teilnehmer sowohl praktisch zu arbeiten, als auch aktuelle Forschungsergebnisse in den frühen Planungsphasen zu berücksichtigen, ehe verschiedenste Technologien für den Gesundheitsbereich entwickelt werden. Bis heute zählt der Kurs 25 Absolventen. Niyitegeka ist optimistisch, dass das Programm am IHSU die Situation rund um das Thema Mobile Health in Uganda verbessern wird.

 

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit den Digital Development Debates erschienen.

Erstveröffentlichung: The Pocket Doctors