14.09.2016
Übersetzt von Franziska Porst

Mototaxis auf dem Vormarsch

Motorradtaxis sind in vielen Ländern Subsahara-Afrikas auf dem Vormarsch. Waren sie zunächst nur in ländlichen Gegenden und an den Stadträndern verbreitet, haben sie mittlerweile auch die Stadtzentren erobert. Einerseits sind die Zweiradtaxis eine Antwort der Bevölkerung auf den Mangel an funktionierenden öffentlichen Verkehrsmittel in den rasant wachsenden Städten, andererseits eine Selbsthilfemaßnahme gegen die grassierende (Jugend-)Arbeitslosigkeit. In dem relativ unregulierten Verkehrswesen Guineas stellt das Motorradtaxifahren eine einfache Möglichkeit des Broterwerbs dar. Ein Zweiradtaxifahrer kann etwa 4,80 € pro Tag verdienen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche monatliche Mindestlohn in Guinea liegt bei 53 €.

Allerdings gerieten die Motorradtaxis als notorische Luftverschmutzer und häufige Verursacher von Verkehrsunfällen vermehrt in die Kritik. Daher verbot die guineische Regierung Ende August kurzerhand alle Motoradtaxis in der Hauptstadt Conakry. Nach öffentlichen Protesten musste sie aber schon zwei Tage später zurückrudern

Labé, Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur, liegt in Zentralguinea, nordöstlich von der guineischen Hauptstadt Conakry. Eigentlich eher bekannt für Viehzucht, Landwirtschaft und Handel hat sich Labé in den letzten Jahren zur „Hauptstadt der Motorradtaxis“ gemausert.

Ein Blick auf die Mitgliederzahlen der lokalen Gewerkschaftsvertretung zeigt: Mehr als 7.000 Motorradtaxifahrer sind dort gemeldet. Insbesondere jüngere Menschen zwischen 18 und 45 Jahren setzen sich täglich Wind und Wetter aus, um ihren Lebensunterhalt mit dem Motorradtaxi zu verdienen. Sie sind Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, in allen Ecken von Labé unterwegs, um Kundschaft zu finden.

Warum erscheint dieser Job gerade so vielen jungen Männern attraktiver als andere Arten des Broterwerbs? Wie ist die Branche organisiert? Und mit welchen Problemen sind Motorradtaxifahrer und ihre Kunden konfrontiert? Die Suche nach den Antworten auf diese Fragen führt auf die Straßen Labés. 

Motorradtaxis als Beschäftigungsmotor

In Guinea profitieren heutzutage fast alle von der Motorradtaxi-Branche. Abgesehen vom Staat gebe es keinen Wirtschaftszweig, der so viele Menschen beschäftige, lässt die Motorradtaxi-Gewerkschaft verlauten. Auch bei den Kunden erfreuen sich die Motorradtaxis immer größerer Beliebtheit, was die Autotaxis mittlerweile fast zum Verschwinden gebracht hat. „Wenn jemand zu einer Beerdigung muss, zu einer Taufe oder einer Hochzeit, ja selbst um einen Kranken zu transportieren, ist das Motorradtaxi das geeignete Verkehrsmittel“, sagt Mory Diakité, einer der beiden Generalsekretäre der Gewerkschaftsvertretung, Abteilung Motorradtaxis, in Labé.

Halimatou Barry ist eine Kundin der Motorradtaxis. Wenn sie vom Markt nach Hause fährt, nimmt sie ein zweirädriges Taxi. „Seitdem es die Motorradtaxis gibt, fahre ich nicht mehr mit den Autos. Ich bevorzuge die Motorräder, weil ich mit ihnen viel schneller ans Ziel komme. Außerdem bringen sie dich bis direkt vor die Haustür.“

Viele junge Menschen erhoffen sich durch das Motorradtaxifahren schnelles, leicht verdientes Geld. Mit Blick auf seine täglichen Einnahmen sagt Dian Tounkara, Taxifahrer am Bahnhof von Tougué: „An manchen Tagen läuft es gut, an anderen schlechter. Die Einnahmen liegen bei etwa 200.000 GNF (umgerechnet etwa 24 €, Anm. d. Redaktion) täglich. Wenn es gut läuft, kann man am Tag zwischen 30.000 und 50.000 GNF (etwa 3,60-6,00 €) Gewinn machen“. Allerdings gebe es viele illegale Taxis, die den regulären Fahrern mit Dumpingpreisen das Leben schwermachten.

Die Branche hat sich organisiert

Die Berufsgruppe wächst rasant und ist seit einigen Jahren auch gewerkschaftlich organisiert. 2011 wurde eine eigene Motorradtaxi-Sektion in Labé eingerichtet, die von zwei Vertretern der beiden größten Gewerkschaften des Landes, dem Nationalen Dachverband der Arbeitergewerkschaft von Guinea (CNTG) und der Gewerkschaftsunion der Arbeiter in Guinea (USTG), gemeinsam geleitet wird.

Die Gewerkschaft hat ihre Mitglieder auf 30 Motorradtaxi-Bahnhöfe überall in der Stadt verteilt. „Wenn wir einen Fahrer aufnehmen, dann wissen wir, welchem Bahnhof er zugeordnet werden muss, denn die von uns ernannten Bahnhofschefs registrieren, wer an ihrem Bahnhof anhält. Bei Problemen oder sozialen Härtefällen lassen uns die Bahnhofschefs die entsprechenden Informationen zukommen, damit wir eingreifen können“, erläutert Abdoul Salam Sylla, einer der beiden Generalsekretäre der Motorradtaxi-Gewerkschaft in Labé.

Taxifahren in Labé – ein hartes Geschäft

Trotz der gewerkschaftlichen Organisation bleibt das Motorradtaxifahren ein hartes Geschäft. Mamadou Saidou Diallo, 27 Jahre, brach vor zwei Jahren die Schule ab, um Motorradtaxi zu fahren. Er berichtet von seinen anhaltenden finanziellen Sorgen: „Obwohl ich mit dem Taxifahren meinen Lebensunterhalt verdienen und meine Familie unterstützen kann, sehe ich mich mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Ich musste erst einmal 6 Millionen GNF (umgerechnet etwa 720 €) investieren, um ein Motorrad zu kaufen. Zurzeit versuche ich, 2.000 GNF (umgerechnet etwa 0,25 €) für ein Ersatzteil aufzutreiben.“ Nicht ohne Bitterkeit fügt der Taxifahrer hinzu: „Ich mache diesen Job nur, weil es keine richtige Arbeit gibt; wenn es richtige Arbeit gäbe, würde ich nicht Motorradtaxi fahren.“

Mory Diakité von der Gewerkschaft USTG sieht die Verantwortung für die Probleme der Branche hingegen auch bei den Fahrern selbst: „Wir haben enorm viele Schwierigkeiten mit den Motorradtaxis: Jeder, der auch nur ein winziges Problem bei seiner Arbeit hat – sei es ein Tischler, ein Schrotthändler, ein Maurer, ein Student – sattelt auf Taxifahrer um“.

Die Unerfahrenheit vieler Fahrer hat ihren Preis. So berichtet Abdoul Salam Sylla von der CNTG: „Unfälle sind an der Tagesordnung, weil viele der Fahrer keinerlei relevante Ausbildung haben und die Verkehrsregeln nicht kennen. 2015 hatten wir beispielsweise mehr als 30 schwere Verkehrsunfälle, in die Motorradtaxis involviert waren.“

Anders als in der Landeshauptstadt Conakry oder in anderen großen Städten tragen die Motorradtaxifahrer in Labé weder Westen noch Helme. Auf diesen Missstand angesprochen, verspricht die Motorradtaxi-Gewerkschaft, das Problem zügig anzupacken. Westen seien bereits bestellt worden, und das Tragen eines Helmes solle für alle Mitglieder obligatorisch sein, ebenso die Teilnahme an entsprechenden Schulungen. Professionalisierung sei wichtig für die Branche. Sobald diese erreicht sei, müsse es allerdings eine Erlaubnis geben, um als Motorradtaxifahrer arbeiten zu dürfen, fordert Mory Diakité von der USTG.

Das schnelle Geld lockt auch Kriminelle an

Abgesehen von den vielen Unfällen und der fehlenden Ausbildung vieler Fahrer macht der Branche vor allem der Anstieg der Kriminalität zu schaffen. Davon kann Abdoul Karim Sow, 31, ein Lied singen. Er fährt seit sechs Jahren Motorradtaxi in Labé und wurde von der lokalen Gewerkschaftsabteilung zum Chef des Motorradtaxi-Bahnhofs „Le Parigo“ ernannt. Angetrieben von großem Ehrgeiz arbeitet Karim hart, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie viele seiner Freunde, die den gleichen Beruf ausüben, ist er allerdings nie vor Raubüberfällen sicher. „Unser Problem sind vor allem die Kriminellen, die sich unter unsere Kundschaft mischen. Manche geben vor, an einen bestimmten Ort gefahren werden zu wollen, ziehen aber während der Fahrt ein Messer, um dem Fahrer sein Motorrad zu rauben. Manchmal kommen sie sogar in Gruppen und schrecken auch nicht vor Mord zurück, um an das Motorrad zu kommen. Das macht uns enorm zu schaffen. Zu bestimmten Tageszeiten verzichten wir lieber auf eine Fahrt, um nicht in Gefahr zu geraten“, verrät Karim.

Derartige Berichte häufen sich und beschäftigen auch die lokalen Gewerkschaftsvertretungen der Motorradtaxifahrer. Dort bemüht man sich um Lösungen. Mory Diakité von der USTG erinnert sich an einen Diebstahlfall, in dem seine Gewerkschaft einem Mitglied zur Seite stehen konnte: „Neulich gab sich ein Mann als Kunde aus, um dem Taxifahrer das Motorrad zu entreißen. Der Taxifahrer hat dies bei unserer Gewerkschaft gemeldet. Mithilfe der Fahrzeugpapiere konnten wir das Motorrad schließlich in einer Werkstatt ausfindig machen. Sie hatten das Fahrgestell ausgetauscht und das Motorrad angemeldet. Doch mithilfe der Motornummer konnte das Motorrad wiedererkannt werden.“ Ein anderes Problem sind laut Mory Diakité allerdings auch die kriminellen Machenschaften mancher Fahrer, die Gepäck von Kunden entwenden, zu Vergewaltigern werden oder an Raubüberfällen auf andere Fahrer teilnehmen.

Um in Zukunft besser arbeiten zu können, wünschen sich die Motorradtaxifahrer in Labé deshalb mehr Sicherheit auf den Straßen – und eine Krankenversicherung. Dass diese Wünsche Wirklichkeit werden, erfordert nicht nur ein Eingreifen der Politik, sondern auch ein Umdenken bei den Fahrern selbst. Und solange das nicht eintritt, fährt das Risiko immer mit.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Französisch hier.