20.10.2015
Übersetzt von Dominik Berger

Seit ich vor drei Stunden die Uni verlassen habe, stehe ich an der Straße und warte auf meinen Bus. Meiner Mutter ruft mich an und fragt, wo ich denn bleibe. Langsam wird es spät, die ersten Lichter in den umliegenden Läden gehen an. Aber es ist einfach kein Matatu in Sicht, zumindest nicht mein Matatu. Nach langem Warten taucht endlich das verwaschene Gelb-Grün von ‚Shakira’ an der Ecke der Haltestelle auf. Als sie anhält, dränge ich mich an dem Großteil der Wartenden vorbei, um wenigstens diesmal einen guten Sitzplatz zu ergattern. ‚Shakira’ braust los, die Musik dröhnt, auf dem Bildschirm tanzen Musikvideos auf und ab - endlich kann ich mich entspannen.

 

Matatu Kenia
Jedes Matatu ist ein Unikat

Der Stolz der Jugend

Das war ein Teil meines Alltags, als ich noch jeden Tag in die Schule pendelte. Es ist auch ein Teil der Geschichte der kenianischen Jugend, die mit der Matatu-Kultur aufgewachsen ist. Matatu ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Minibusse, die in Kenia als öffentliche Verkehrsmittel dienen. Für die meisten Menschen in Kenia gehört es zum Alltag mit diesen Bussen zu fahren.

Matatu in Nairobi
Ein Matatu in Kenias Hauptstadt Nairobi

Zeig mir dein Matatu, und ich sag dir, wer du bist!

Doch Matatus sind mehr als nur ein Transportmittel: Die Aufmachung des Busses, mit dem man als Jugendlicher fährt, bestimmt, wer man ist. Die Auswahl ist riesig: Matatus präsentieren sich in den schrillsten Farben; Sie sind voller lebendiger Symbole, die politische oder unterhaltsame Botschaften zeigen, Ikonen wie Nelson Mandela und Wangari Maathai oder Fußballmannschaften wie Manchester United.

Matatu Kenia
In voller Fahrt: Ein Matatu-Bus in Nairobi

Je aufgemotzter, desto besser

Die meisten Jugendlichen bevorzugen die großen, bunten Matatus mit ihren schrillen Graffitis, der lauten Musik und den flimmernden Bildschirmen. Viele Besitzer wissen, dass sie nur mit einem aufgemotzten Wagen der Konkurrenz einen Schritt vorausbleiben. So sind sie ständig auf der Suche nach Künstlern, die ihr Matatu aus der Masse hervorheben und ihnen so mehr Kunden verschaffen.

Matatu Kenia
Je aufgemotzter, desto besser

Im Jahr 2004 mussten die Matatu-Künstler einen harten Schlag einstecken. Der Verkehrsminister bezeichnete die Gestaltung der Busse als vulgär und aufsässig und ließ sie kurzerhand verbieten. Das versetzte die kenianische Jugend in Aufruhr: Sie formte Protestgruppen und startete sogar eine Petition, um die Kunst am Matatu erneut zu legalisieren – am Ende ohne Erfolg.

Matatu Kenia
Die Grundgerüste der Busse in einer Lagerhalle

Das Comeback der Matatu-Kunst

Erst zehn Jahre später, als 2014 in den Bussen die bargeldlose Bezahlung eingeführt wurde, verkündete der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta die Aufhebung des Graffiti-Verbots – solange der Fahrer nicht in seiner Sicht beeinträchtigt wird, versteht sich. Diese Entscheidung löste Begeisterungsstürme aus.

Matatu Kenia
Schweißarbeiten am Matatu-Skelett

Mittlerweile bemüht sich ein Großteil der Karosseriegestalter, die einst verlorene Kunst wieder aufleben zu lassen. Einige Künstler schaffen es sogar, ihren Lebensunterhalt mit Matatu-Graffitis zu verdienen. Dabei gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Jedes Matatu ist ein Unikat, Serienproduktion verpönt.

Matatu Kenia
Ein junger Matatu-Künstler

Als Dank erhalten die Künstler viel Anerkennung von den Jugendlichen. Denn sie kreieren mit ihren Graffitis nicht nur ein einmaliges Transporterlebnis, sondern ein Stück Lebensgefühl für eine ganze Generation.

 

Lesen Sie auch Teil 1 unserer Mini-Serie über Matatu-Kunst in Kenia: Aus dem Leben eines Matatu-Künstlers.