13.10.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Ngũgĩ wa Thiong’o

wurde 1938 in der kenianischen Stadt Limuru geboren. Seit mittlerweile 60 Jahren verfasst er Romane und Essays, schreibt Theaterstücke und arbeitet als Lehrer und Philosoph. Er gehört zu den einflussreichsten Figuren der zeitgenössischen afrikanischen Literatur. Zu seinen Werken zählen unter anderem Abschied von der Nacht, Der Fluss dazwischen, Preis der Wahrheit, Verbrannte Blüten, Der gekreuzigte Teufel und Matigari. 2004 erschien nach fast 20-jähriger Pause der Roman Murogi wa Kagogo (Herr der Krähen, 2011), der gemeinhin als die Krönung seines literarischen Werks gesehen wird. Seit Mitte der 1980er Jahre schreibt er alle seine Werke zunächst in seiner Muttersprache Gikuyu, einer Bantusprache, die von etwa 6,5 Millionen Menschen in Kenia, Tansania und Uganda gesprochen wird. Erst anschließend werden die Bücher in andere Sprachen übersetzt.

Zu schreiben ohne die entsprechende Weltanschauung, das scheint für Ngũgĩ wa Thiong’o unmöglich. Gepaart mit immenser Vorstellungskraft und strenger Logik verwandeln sich diese Zutaten zu einer für ihn typischen Symbiose aus Struktur und Stil. Das zieht sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk des Kenianers.

In den 1970er Jahren fand Ngũgĩ sein ganz persönliches Steckenpferd, das er noch immer so sicher reitet wie kaum ein Zweiter: die Überzeugung, dass sich ein afrikanischer Schriftsteller dem Schreiben in erster Linie über seine afrikanische Sprache nähern soll; erst dann sollte die Sprache der einstigen Kolonialherren folgen.

Im Gegensatz zu Ngũgĩ, der seit 1986 alle seine Werke konsequent in der Bantusprache Gikuyu verfasst, ging der gefeierte Nigerianer Chinua Achebe (1930-2013) einen anderen Weg: Für ihn war Englisch die wichtigste literarische Ausdrucksform. Achebe verstand die Sprache „nicht lediglich als Ansammlung von Worten sondern als eine ganze Weltanschauung“. Ngũgĩ fand diese Weltanschauung in der Bezugnahme auf seine Bantusprache.

Sprache als politisches Statement

Weder in seiner Generation noch den darauffolgenden konnte er damit viele Anhänger gewinnen. Für die meisten afrikanischen Autoren schien die Besinnung auf die indigene Sprache ein aussichtsloses Bemühen. Immerhin wurden sie ausschließlich in der Sprache der Kolonialherren unterrichtet und entschieden sowohl aus pragmatischen sowie kommerziellen Gründen, sich auch literarisch in dieser Sprache auszudrücken. 1986 schrieb Ngũgĩ – durchaus verzweifelt: „Unsere Schriftsteller glauben zu sehr an die ‚afrikanische Literatur‘, als dass sie sich dabei den verschiedenen ethnischen, teilweise spaltenden und unterentwickelten Sprachen der Bauernschaft bedienen könnten.“

In Anlehnung an Obi Walis provokanten Essay The Dead End of African Literature (1963) sowie die „wahrhaft“ afrikanischen Autoren der 1930er Jahre wie Pita Nwana (schrieb auf Igbo) oder Daniel Olorunfemi Fagunwa (schrieb auf Yoruba), wandte sich Ngũgĩ fortan bewusst seiner eigenen Muttersprache Gikuyu zu. Für ihn war dieser Entschluss kein reines Stilmittel, sondern fester Bestandteil des antiimperialistischen Kampfes, den die Menschen in seinem Heimatland Kenia und weiten Teilen Afrikas führten.

Zu seiner eigenen Schulzeit war Gikuyu von den Kolonialherren verbannt worden. Wer es trotzdem sprach, wurde mit Peitschenhieben bestraft. In seinem 1986 veröffentlichten Essay Decolonising the Mind: The Politics of Language in African Literature schrieb Ngũgĩ dazu: „Ich will nicht, dass kenianische Kinder die von ihrer eigenen Gesellschaft über Jahrhunderte entwickelte Sprache verachten, nur, weil es ihnen die Imperialisten so auferlegt haben. Stattdessen sollen sie diese koloniale Überfremdung überwinden.“

Bewusster Gang ins Ungewisse

Wer so denkt, macht es sich nicht leicht. Der Schritt, nicht mehr auf Englisch zu schreiben glich einer Neuorientierung – weg vom Weltbürgertum hin zum ländlichen Clan. Ngũgĩ betrat quasi einen literarischen Sprachfriedhof und versuchte, ein Opfer der Kolonialzeit wiederzubeleben. Als er am Grab stand, musste er jedoch wiederholt feststellen, dass die meisten seiner Zeitgenossen die Beerdigung bereits verlassen hatten.

1986 veröffentlichte Ngũgĩ den Roman Matigari ma Njuruungi zunächst in Gikuyu, ehe der kenianische Autor Wangui wa Goro eine englische Version (Matigari) lieferte. Auch die meisten seiner folgenden Werke entsprachen diesem Muster. Als 2004 mit Murogi wa Kagogi sein erster Roman nach fast 20 Jahren Literaturabstinenz erschien, übersetzte Ngũgĩ diesen 2006 selbst ins Englische (The Wizard of the Crow).

Vor wenigen Jahren folgten die - von Kritikern wohlwollend rezensierten - Memoiren des heute 86-Jährigen. Mit Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit (2010) und Im Haus des Hüters. Jugendjahre (2012) deutet dieser außergewöhnliche Geschichtenerzähler bereits an, dass er bereit ist, ein Fazit zu ziehen unter sein Leben und sein schriftstellerisches Werk. Sein philosophischer Appell aus Decolonising the Mind ist jedoch besonders für kommende Generationen weiterhin von Bedeutung. 

Diese besondere Strahlkraft von indigenen Sprachen wie Gikuyu oder Igbo hat das Englische nicht.

Sein Oeuvre spiegelt für Ngũgĩ den Kampf wider, dem sich alle Kolonialgesellschaften stellen müssen, deren ureigene Sprache zur Kommunikationsformen zweiter Klasse degradiert wurden. Ein Kampf, der es vermag, die Wunden der eigenen Seele zu heilen. Selbst wer Herr der Krähen in der englischen Fassung (The Wizard of the Crow) liest, spürt deutlich, welche Strahlkraft von der ursprünglichen Gikuyu-Version durchschimmert. 

Wenn zukünftig mehr afrikanische Sprachen vom literarischen Friedhof wiederauferstehen, ist dies auch dem unermüdlichen Einsatz von  Ngũgĩ wa Thiong’o zu verdanken, einem Menschen, der, genau wie seine Landsfrau und erste weibliche Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai (1940-2011), die Samen seines unumstößlichen Werks bewusst in der Wüste säte.