08.06.2016

Über den Autor

Der Schriftsteller Elnathan John möchte die Menschen in ihrer ganzen multidimensionalen Komplexität darstellen. Sein neues Buch Born on Tuesday beschreibt den Aufstieg des islamischen Extremismus in Nigeria und stellt gleichzeitig die Menschlichkeit der Protagonisten in den Vordergrund. Als Satiriker kritisiert er vor allem das Verschwinden einer wirkungsvollen Opposition und ruft zur Rückkehr der Zivilgesellschaft auf.

Eines Tages stand der Norden Nigerias plötzlich im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Als Boko Haram, eine der brutalsten Terrorgruppen der Geschichte, in Chibok Hunderte Mädchen entführte, ging der Hashtag #bringbackourgirls um die Welt. Eines schien danach klar: Der Norden Nigerias ist verbrannte Erde. Explosionen, Geiselnahmen, Hinrichtungen, all das offenbar Normalität.

Und doch ist das nur ein Teil der Geschichte. In seinem neuen Buch Born on a Tuesday stellt der nigerianische Schriftsteller Elnathan John der eher eindimensionalen Medienberichterstattung über den Konflikt eine Geschichte über Menschlichkeit entgegen. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die man so schnell nicht vergessen wird. John erzählt eindrucksvoll die Geschichte eines jungen Mannes und seiner Begegnung mit dem Salafismus.

 

JournAfrica!: In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie eine Realität vom Norden Nigerias, die sich grundlegend von der westlichen Berichterstattung von Gewalt, Bombenanschlägen und Entführungen unterscheidet. Was möchten Sie mit Ihren Geschichten erreichen?

Elnathan John: "Für mich haben Geschichten die Kraft, Wahrnehmungen zu verändern und neue Wahrnehmungen zu kreieren. Ich denke, die Art, wie Menschen in einer Gesellschaft behandelt werden, ergibt sich im Wesentlichen aus der Art, wie sie in den kulturellen Medien dargestellt werden. Mein Ziel ist es, nuancierte und mehrdimensionale Geschichten zu erzählen, die eine neue Perspektive auf Ideen, Menschen, Orte und Demographien ermöglichen.

 

Ein ambitioniertes Vorhaben und dramaturgisch nicht ganz leicht umzusetzen. In welcher Hinsicht unterscheiden sich Ihre Erzählungen aus Nigeria von dem, was wir bereits über das Land wissen?

Natürlich gibt es Gewalt, Bombenanschläge und Entführungen im Norden Nigerias, wo auch Born on a Tuesday spielt. Die Vorherrschaft der Terrorgruppe Boko Haram ist der Hintergrund auch meiner Geschichte. Doch gewöhnlich ist das alles, was Sie über diesen Konflikt in den internationalen Medien hören. In meinem Buch wollte ich die Menschlichkeit darstellen, die trotz aller Konflikte weiterhin existiert. Es ist durchaus gefährlich, wenn Menschen einfach nur als Opfer dargestellt werden, denn ihnen wird das Menschsein aberkannt. Sie werden automatisch als minderwertig eingestuft. Durch meine Bücher möchte ich den Lesern die Vielschichtigkeit der Lebensgeschichten von Menschen näherbringen, die in einer Konfliktzone leben."

 

In Nordnigeria ist die politische Lage sehr angespannt. Wie sieht es im Rest des Landes aus?

Ich möchte ehrlich mit Ihnen sein: Die Regierungen in Nigeria funktionieren seit den 1960er Jahren nicht mehr. Wir sprechen hier über ein Land, in dem die Rechtsstaatlichkeit regelrecht ausgehebelt wurde, in dem die Armee ungehindert Massaker an 300 Menschen verüben kann und in dem die Wirtschaft vor einem erneuten Zusammenbruch steht. In der Konsequenz suchen sich die Menschen in Nigeria andere Solidargemeinschaften. Den größten Einfluss haben Glaubensgemeinschaften sowie die ethnische Zugehörigkeit. In vielen Fällen absorbieren diese Gruppen die desaströsen Auswirkungen der sozialen Ungerechtigkeit in Nigeria, gleichzeitig verstärken sie allerdings auch die Teilung der Gesellschaft.

 

Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Situation? Nigeria ist schließlich die stärkste Volkswirtschaft Afrikas.

Das ist richtig. Man muss sich aber vor Augen halten, dass es alleine in Lagos rund 10.000 US$-Millionäre gibt. Gleichzeitig leben etwa 60 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. In Nigeria - wie übrigens auch im Rest der Welt - gibt es keine Solidarität zwischen den Reichen und den Armen. Hier sind wirtschaftliche Ungleichheit und politische Ungerechtigkeit eng miteinander verbunden, da die Politik die Weichen für die Wirtschaft stellt.

 

Der neue Präsident Muhammadu Buhari ist nun seit einem guten Jahr an der Macht. Konnte die neue Regierung positive Entwicklungen vorantreiben?

Nein, ich glaube nicht, dass sich etwas grundlegend verändert hat. Das einzige, was sich geändert hat, ist die Einstellung der Menschen gegenüber der Regierung. General Buhari gewann die Wahl 2015, weil er sich seinen Ruf als Anti-Korruptions-Kämpfer zu eigen machte. Aber am Ende ist seine Regierung genau wie jede andere: im Grunde eine Diktatur. Neu ist allerdings, dass es fast unmöglich ist, ihn zu kritisieren, da er den Schutz einer Kultfigur genießt. Die Menschen stützen ihn bedingungslos, weil sie glauben, dass er sie von der korrupten Vorgängerregierung gerettet hat. Das macht ihn meiner Meinung nach zu einem der gefährlichsten Präsidenten seit langer Zeit.

 

Das klingt alles andere als belustigend. Und dennoch benutzen Sie vor allem satirische Stilmittel, um die Missstände in Ihrem Land anzuprangern. Wie passt das zusammen?

Sie haben recht. Es eine sehr frustrierende Situation. Aus diesem Grund muss man einen Weg finden, damit umzugehen, ohne depressiv zu werden. Nigeria ist ein Ort, wo Satire soziale Veränderungen nicht direkt beeinflussen kann. Das liegt daran, dass Schamlosigkeit tief in der nigerianischen Gesellschaft verwurzelt ist. Menschen interessiert es einfach nicht, was in der Politik passiert. Das Beste, was Sie als Satiriker tun können, ist die Menschen durch lustige Überspitzungen zum Nachdenken zu bringen. Ich vergleiche Satire oft mit einer bittersüßen Medizin.

 

Kann man mit Satire sozialen Wandel herbeiführen?

Satire erlaubt es mir, Dinge zu sagen, die ich anders nicht sagen könnte. Es ist auf jeden Fall eine Methode, mit der man die sozialen Hierarchien in Nigeria ein wenig aufrütteln kann. Wenn ich über ethnische oder religiöse Gemeinschaften meine Witze reiße, die in Nigeria wohlgemerkt eine sehr wichtige Machtposition haben, lachen die Leute darüber. Aber mit der Zeit wird etwas durchsickern, was hoffentlich langfristen Wandel herbeiführt.

 

Welche Themen beschäftigen Sie zurzeit besonders?

Wenn Sie mich fragen, stehen Nigeria gefährlichen Zeiten bevor. Die Regierung hat es geschafft, die komplette Opposition mundtot zu machen. Es gibt praktisch keine öffentlichen politischen Debatten mehr. Der derzeitige Präsident Buhari genießt große Beliebtheit von allen Seiten. Die internationale Gemeinschaft sowie politische Aktivisten betrachten ihn als den Messias, der sie von der letzten korrupten Regierung gerettet hat und den Kampf gegen Boko Haram vorantreibt. Jede Kritik wird unter dem dem Vorwand zunichte gemacht, man gehöre der ehemaligen Regierung an. Das Verschwinden einer wirksamen Opposition und die Zerstörung der Zivilgesellschaft sind definitiv Themen, die mich beschäftigen. 
 

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Afrika Stiftung.