13.11.2015
Übersetzt von Elisabeth Simonson

Saheed sitzt in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Brooklyn, New York. Es sei sein Traum eines Tages zu heiraten, sagt er, eine Familie zu gründen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er es niemals gewagt, so etwas auszusprechen. Damals, als Jugendlicher, als er bemerkte, dass er schwul ist. Und das in Lagos, Nigeria - in einer Stadt also, wo ein öffentliches Coming-Out noch heute schnell in Gewalt ausufern kann.

Saheed
Saheed

Noch deutlich erinnert sich der 28-Jährige an die Jungs aus seiner Nachbarschaft, die ihm nachts an der Straßenecke auflauerten. Direkt neben seinem Zuhause. Oder daran, wie er nach der Schule einen Umweg laufen musste, nur um den Fängen der „Area Boys“, der Straßengangs von Lagos, zu entgehen. Andersartigkeit hätten sie schon aus der Ferne gerochen, sagt Saheed. Noch heute hat er Flashbacks und Angstzustände.

Fremd und einsam im neuen Land
Fremd und einsam im neuen Land

Saheed floh. Er versuchte einen Neuanfang in den USA. Damit ist er nicht alleine: Er ist Teil der wachsenden Gemeinschaft nigerianischer homosexueller Männer in New York. Früher waren sie Aktivisten und Sozialarbeiter.

Was ist ein Reisepass noch wert, wenn man nicht in die Heimat zurück kann?
Was ist ein Reisepass noch wert, wenn man nicht in die Heimat zurück kann?

Im Januar 2014 wurden gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Nigeria verboten. Mehr noch: Von nun an sollte es ein Verbrechen sein, mit seinem Partner händchenhaltend durch die Straßen zu schlendern. Die Strafe: bis zu 14 Jahre Gefängnis. Die Lage der LGBT-Community verschlechterte sich zusehends. Viele von ihnen suchten Zuflucht im Ausland.

 

 

 

An sonnigen New Yorker Herbsttag versammeln sich Saheed und seine Freunde vor dem nigerianischen Konsulat. Sie veranstalten eine Kundgebung gegen das Gesetz. Einige Passanten lauschen aufmerksam. Auch das wäre in ihrer Heimat nicht möglich: Öffentlich für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen einzutreten, ist mit dem neuen Gesetz passé.

Kundgebung vor dem nigerianischen Konsulat
Kundgebung vor dem nigerianischen Konsulat

Über Geschlechtszugehörigkeit und Sexualität zu diskutieren, ist in Nigeria ohnehin nahezu ein Tabu. Wenn Worte wie „lesbisch“, „schwul“ oder „bisexuell“ fallen, verziehen viele Nigerianer ihre Gesichter. Sie werden als „westliches Mitbringsel“ angesehen, als Spätfolge der Kolonialzeit.

Nachtleben
Mit Freunden durch die Nacht

Dabei gibt es in Nigerias Vergangenheit durchaus Beispiele für einen emanzipierten Umgang mit Sexualität: Den „Yan Daudu“ beispielsweise, einer Gemeinschaft in der Hausa-Kultur Nord-Nigerias, wird ein flexibler Umgang mit Geschlechtszugehörigkeiten attestiert.

Auf der Straße
Auf der Straße

Davon ist im Nigeria der Gegenwart wenig zu spüren. Saheed beantragte in den USA Asyl. Es war schwer, an ordentliche Papiere und eine Arbeitserlaubnis zu gelangen, ein bürokratischer Spießrutenlauf. Auch Rassismus und Diskriminierung zollten ihren Tribut. An einem Tiefpunkt auf diesem langen Weg landete er in einem New Yorker Obdachlosenheim.

Nachtleben
Nachtleben

Lange arbeitete er an kalten Winterabenden als Küchenhilfe in einem Hotel in Williamsburg, in der Nähe des East River. Meist kam er erst in den frühen Morgenstunden nach Hause. “Das war die einzige Arbeit, die ich bekommen konnte. Ich war allein hier und musste alles selbst erledigen“, sagt Saheed. Mit der Zeit kehrten Ruhe und Stabilität ein. Heute macht er eine Ausbildung zum Krankenpfleger.

Nachtschichten als Küchenhilfe
Nachtschichten als Küchenhilfe

Es war ein alltäglicher Kampf, den Saheed als Flüchtling durchlebte. Doch das war es ihm wert. Mit seinem Partner Händchen zu halten, ganz ohne Angst, ist eine kleine Entschädigung. 

In einer New Yorker Bar
In einer New Yorker Bar
Sich bewegen können
Sich frei bewegen können