30.07.2015
Übersetzt von Elisabeth Simonson

Kano. Ich betrat die heiteren Straßen dieser Stadt. Es roch anders. Es roch nicht nach Blut und Schweiß, so wie in Lagos. Es roch wie ein Sieg, der nach einem harten Gefecht über dem Schlachtfeld weht. Es war friedlich, die Straßen waren verhältnismäßig sauber und die Menschen schienen zu verstehen, dass man nicht immer gegen die Zeit rennen muss, sondern dass die Zeit im Einklang mit uns existiert. Die Menschen waren liebenswürdig, warmherzig und gehüllt in eine Heiterkeit, die man sonst nur aus Büchern kennt. Es war schwer zu glauben, dass dieser friedliche Ort in einer instabilen Kriegszone lag.

Im Juli 2013 wurde ich gebeten, auf Geschäftsreise nach Kano zu fahren, um dem dort ansässigen  Gouverneur einige Möglichkeiten im Bereich der Entsorgungswirtschaft vorzustellen. Jeder, der davon erfahren hatte, war besorgt, als ich sagte, ich würde in den Norden reisen. Doch meine aufgeschlossene Persönlichkeit ließ keinen Raum für Bedenken. Meine Mutter sagte „Oh Gott! Sie bitten dich, in den Norden zu reisen! Bezahlen sie dich dafür extra?“ Nicht, dass ich mir etwas Besonderes leisten könnte, wenn ich tot wäre. Außerdem hatte ich keine Angst, weil ich damals nicht wusste, was in den nördlichen Gebieten Nigerias vor sich ging. „Bomben?“ Ich zuckte mit den Achseln. „Boko Ha-was?”

Normalerweise bin ich ein ziemlicher Rebell. Ich mag es nicht, mit dem Strom zu schwimmen und nur über die angesagten Themen zu schreiben. Aber eine Sache ist mir damals besonders aufgefallen: Viele Mitglieder der Diaspora wissen nur sehr wenig über ihre eigene Geschichte.

Wenn man so aufgewachsen ist wie ich, erzählten die Eltern einem so gut wie nie etwas über Nigeria, seine Geschichte und die Geheimnisse dieses Landes. Alles, was man mir beigebracht hatte war „Ori o pe“ oder „Ma gba eti“ sowie das Kochen einiger traditioneller Gerichte wie Eba, Amala oder Eintopf. Mir wurde nie etwas über die schöne und zugleich bittere Geschichte meines Landes und meiner Kultur erzählt.

Ich bekam mit, dass das „Zurückziehen in die Heimat “ zu einem neuen Trend geworden war. Alle wollten zurückkommen in ein Land, über das sie nichts wissen. Wenn ich viele JJCs, wie ich eine bin, fragen würde, was sie über die Gründungsgeschichte von Nigeria oder über unsere Geschichte vor der Kolonialisierung wissen, wie viele Präsidenten wir hatten, wie viele geopolitische Zonen es gibt, wie viele Militärputsche es bei uns gab und wer die Drahtzieher waren, was während des Biafra-Krieges passiert ist und wie Boko Haram überhaupt entstanden ist – dann wüssten die meisten keine Antwort auf diese Fragen. Immer, wenn es zu sozialen Unruhen aufgrund von Ölsubventionen, Bombenanschlägen, Flugzeugabstürzen oder vermissten Schulkindern kommt, haben JJCs ihre Kommentare schnell parat. Aber wie kann man etwas kommentieren, über das man so wenig weiß? Wenn man nichts über diese Dinge weiß und sich daher auch nicht zu Kommentaren zur sozialen und politischen Situation hinreißen lässt, ist man entschuldigt.

Collage Nigeria
Collage zu Gegenwart und Vergangenheit Nigerias

Einmal wurde ich zu einer traditionellen Verlobungsfeier eingeladen und der Onkel der Braut fragte mich, was ich studierte. Ich antwortete, ich hätte einen Bachelorabschluss in Sozialpolitik und er fragte mich „Was denken Sie über nigerianische Präsidenten?“ Ich begann, meine Meinung zu schildern und er fragte mich, auf welchen Fakten diese Meinung basierte. Während ich dabei war, mir eine Antwort zurecht zu legen, fiel mir auf, dass ich tatsächlich keine Fakten benennen konnte. Meine Meinung berief sich ausschließlich darauf, was ich fühlte und ich konnte nichts davon in einen historischen Kontext einordnen. Ich schämte mich. Ich bin Nigerianerin, ich lebe in Nigeria, aber ich weiß sehr wenig über mein Land. Dann zeigte er mir ein Video über die Geschichte Nigerias. Zufällig hatte ich genau dieses Video etwa ein Jahr zuvor gesehen. Jedoch konnte ich mich nicht mehr an viel erinnern. Also beschloss ich, mir das Video noch einmal anzuschauen.

Im Zuge der aktuellen Berichte über verschwundene Schulmädchen im Bundesstaat Borno, dachte ich, die Zeit wäre genau richtig, um mich über die Geschichte meines zerrütteten Landes zu informieren. Als ich das Video zum zweiten Mal schaute, begann ich allmählich, das Land, über welches ich mich tagtäglich beschwerte, besser zu verstehen. In meinen Augen war dieses Land wie ein schutzloses Kind, das ausgebeutet wurde und dem man beigebracht hatte, selbst auszubeuten. Seitdem sah ich die Komplexität unserer sozialen Probleme etwas klarer.

Immer häufiger stellte sich mir die Frage „Was (genau) ist eigentlich MEIN Beitrag zu dem Ganzen?“ Wir JJCs denken meist an finanzielle Vorteile und Karrierechancen, wenn wir heimkehren, aber was geben wir zurück? Wozu ist eine tolle Karriere gut, wenn man in einer instabilen und zerrütteten Gesellschaft lebt? Wenn wir der Gesellschaft nichts zurückgeben, dann sind wir nicht besser als jene, die vor Jahrzehnten in unser Land kamen, um es auszubeuten. Außerdem tun wir auch nichts, um die Behauptung der Boko Haram, westliche Bildung sei Gift für dieses Land, zu widerlegen. Wer ist geeigneter als die Diaspora, um zu zeigen, dass westliche Bildung genutzt werden kann, um unser Land zu einem besseren Ort zu machen? Wer ist geeigneter als ein JJC, um genau das vorzuleben?

Immer wenn ich mitbekomme, dass die Menschen weltweit protestieren, habe ich nur eine Hoffnung: Dass wir nicht aufhören, bevor es zu einer Lösung gekommen ist. Früher oder später wird diese dauerhafte Unruhe die Regierung dazu veranlassen, auf soziale Probleme und den Tod so zu reagieren, als würde es sich bei den Betroffenen um ihre eigenen Angehörigen handeln. Eine Regierung wird durch das Volk aufrechterhalten und sonst nichts. Also können wir nicht erlauben, dass eine Regierung an der Macht bleibt, der Menschenleben gleichgültig sind.

Es bricht mir das Herz, wenn in Nigeria von einer Tragödie nach der anderen berichtet wird und wir das einfach akzeptieren und weitermachen. Wann wird ein Leben mehr wert sein als ein paar Naira oder als jede andere ausländische Währung? Ich glaube nicht, dass irgendein Fortschritt erzielt werden kann, solange ein Leben nichts wert ist. Denn jedes einzelne Leben ist Teil unseres großartigen und bevölkerungsreichen Landes und kein Leben ist bedeutungslos.

Wenn ich mir ansehe, wie Berichte über diese Tragödie die sozialen Netzwerke überfluten, frage ich mich, ob unser Herr Präsident ebenfalls nachts nicht schlafen kann, so wie die Mütter all dieser Kinder. Ich frage mich, ob er die Angst in ihren Herzen spüren kann und ob er auch in ihren Tränen ertrinkt. Ich frage mich auch, ob er in der Lage ist, mit der Verbitterung zu leben, die sie spüren, wenn sie in dem Land nicht gefunden werden können, das sie einst ihr Zuhause nannten. Ich frage mich, ob er sich vorstellen kann, wie sie sich bei sexuellen Übergriffen wehren oder es eben nicht tun und ob er ihre markerschütternden Hilfeschreie hören kann. Ich frage mich auch, ob alle Währungen dieser Welt in der Lage sein werden, sein Gewissen zu beruhigen, wenn diese jungen Mädchen nie gefunden werden. Zum Schluss frage ich mich, ob all das ebenfalls unter den Teppich gekehrt wird, wie jede andere Tragödie auch, die wir geschehen lassen. Ja, es ist eine große Ungerechtigkeit, dass Herr Präsident sich nicht schämt, wenn er öffentlich verkündet, er wisse nichts über den Verbleib jener Mädchen, die quasi vor seinen Augen entführt wurden. Dennoch wäre es eine größere Ungerechtigkeit, solche Dinge zu akzeptieren.

An alle meine JJCs – lasst uns die Zeit nehmen, um uns über unsere Geschichte zu informieren. Lasst uns Nigeria nehmen und dieses Land wie einen geliebten Menschen behandeln. Lasst uns lernen, seine Hintergründe zu verstehen, seine Entwicklung, seine Sorgen, seine Kämpfe und seine Siege. Die Fähigkeit zu verstehen verbessert unsere Empathie, verringert Kritik und hilft uns, nach greifbaren Lösungen für unser Land zu suchen. Lernt zu verstehen, wo wir herkommen, welche Schwierigkeiten wir überwunden haben und wie verheerend ein Bürgerkrieg sich auf jene Fortschritte auswirken würde, die wir seit unserer Unabhängigkeit erzielt haben. Wenn wir keine Vorsicht walten lassen, wird diese Kettenreaktion von unglücklichen Vorfällen zu einem Bürgerkrieg führen und uns durch innere oder äußere Einflüsse dazu zwingen, Teil von negativen, aber vermeidbaren Ereignissen zu sein, welche unser aller Leben und das Leben unserer Nachkommen verschlechtern werden.

Lasst uns in der Lage sein, unseren Kindern zu erzählen, dass wir Teil der Menschen waren, die Nigeria zu einem besseren Ort gemacht haben.

 

* "Na wa o" ist ein Ausdruck in Pidgin English und bedeutet so viel wie "Wow"

** "Ori e ope" ist Yoruba and bedeutet "Du bist nicht mehr richtig im Kopf, du bist verrückt"

*** "Ma gba eti e" ist Yoruba und heißt so viel wie "Ich würde dich ohrfeigen"

Erstveröffentlichung: JJC’s Are we Ignorant or Enlightened?