09.06.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Leerstehende und marode Sportstätten sind nicht nur in Nigeria ein Problem. Auch in Südafrika, Brasilien und Portugal, stehen zahlreiche der sogenannten „weißen Elefanten“. In Japan und Südkorea wurden einige der defizitären Stadien bereits wieder abgerissen. Kritiker prangern immer wieder an, dass die Verantwortlichen bei der Vergabe sportlicher Großveranstaltungen und dem damit verbundenen Stadionneubau zu wenig Weitsicht zeigen würden. Meist bleiben die ohnehin schon klammen Kommunen auf den jährlichen Unterhaltskosten sitzen.

www.tinyurl.com/hcy63tv
www.tinyurl.com/jqa6ugo

2015 wurde Arukaino Umukoro für diese Reportage, von der wir hier eine Kurzfassung veröffentlicht haben, mit dem CNN MultiChoice African Journalist of the Year Award (Kategorie: Sport) ausgezeichnet.

 

Lukman Lawal trainiert lieber in einem privaten Fitnessstudio, als sich im Lagos National Stadium auf seine Wettkämpfe vorzubereiten. Zwar böte das Mehrzweckstadion mit seinen 45.000 Plätzen definitiv eine würdigere Atmosphäre – schließlich fanden hier bereits nationale und internationale Wettkämpfe statt –, doch Boxer Lawal, der 2011 die Silbermedaille bei den Afrikaspielen gewann und Nigeria bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London vertrat, ist nicht der einzige Athlet, der das Stadion aufgrund seiner desolaten Trainingseinrichtungen meidet.

Kazeem Adeyemi, 2007 bei den Afrikaspielen für Nigeria als Geher am Start, sieht die Situation ähnlich: „Als ich mich in Kuba auf die Wettkämpfe vorbereitete, hatte ich deutlich bessere Bedingungen als hier in Surulere. Um sportlich in der Weltelite mitzumischen, brauchen wir unbedingt bessere Trainingseinrichtungen.“

In Nigeria gibt es mehr als 30 Stadien. Doch nur in wenigen finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Einige bleiben gar das komplette Jahr über ungenutzt und faulen vor sich hin. Die Folgen dieser verheerenden Sportpolitik treffen in erster Linie die Athleten: Wer es sich nicht leisten kann, im Ausland zu trainieren, hat kaum Chancen, es international bis nach ganz oben zu schaffen.

Nutzlose Megaprojekte?

2009 war Nigeria Gastgeber der FIFA-U17-Weltmeisterschaft. In insgesamt acht Stadien rollte der Ball, unter anderem im Abuja National Stadium in Lagos, im Nnamdi Azikiwe Stadium in Enugu und im Abubakar Tafawa Balewa Stadium in Bauchi: Zusammengenommen bieten sie Platz für etwa 200.000 Zuschauer. Ist jede Arena voll besetzt, generiert allein der Ticketverkauf Einnahmen von 40 Millionen Naira (ca. 180.000 Euro).

Nigeria, Stadion
White Elefant Stadiums

Doch leider sind solche Auslastungsquoten reine Utopie. Nicht zuletzt durch die Boko Haram, die im Nordosten des Landes immer wieder für Unruhen sorgt, sind die Chancen auf ein sportliches Großereignis in der Region drastisch gesunken. Seit 2009 fand im Bundesstaat Kaduna kein solches Event mehr statt.

Eines der jüngsten umgesetzten Bauprojekte ist das Abuja National Stadium. Mit Fertigstellung 2003 stand auf der finalen Rechnung der stolze Preis von 54 Milliarden Naira (etwa 280 Millionen Euro). Es zählt damit zu den teuersten Stadien weltweit. Nun sind kostspielige Arenen längst keine Seltenheit mehr. Die Allianz Arena in München verschlang 340 Millionen Euro, das Emirates Stadium des FC Arsenal in London gar knapp 500 Millionen Euro.

Doch im Gegensatz zu diesen Prestigebauten sticht das Abuja National Stadium nicht wegen seiner tollen Atmosphäre oder einem ständig ausverkauften Haus ins Auge – sondern wegen seines desolaten Zustands: Direkt nach der Fertigstellung wurden hier 2003 noch die Afrikaspiele ausgetragen. Seitdem meiden Sportler die Arena und selbst Nigerias Fußballnationalmannschaft, die Super Eagles, bestritten ihre letzte Begegnung hier vor fast fünf Jahren.

Sportleralbtraum

Im Lagos National Stadium in Surulere ist die Lage noch deutlich ernster. Die Inbetriebnahme liegt bereits mehr als 44 Jahre zurück. Zu seinen Hochzeiten fanden hier unzählige nationale, kontinentale sowie internationale Wettkämpfe statt, beispielsweise der Africa Cup of Nations 1980 oder die FIFA-U20-WM 1999. Inzwischen würde hier allerdings kein Fußballer mehr freiwillig auf Torejagd gehen: Weder die elektronischen Anzeigetafeln noch die Flutlichtmasten sind funktionstüchtig. Die letzte große Veranstaltung im Lagos National Stadium liegt bereits über 15 Jahre zurück. Am 13. Februar unterlag Co-Gastgeber Nigeria im Finale der Afrikameisterschaft dem Gegner aus Kamerun 3-4 nach Elfmeterschießen. Das Stadion war mit seinen 60.000 Plätzen restlos ausverkauft.

Abuja Stadium, Nigeria
Abuja Stadium, Nigeria

Heute ist das Stadion eher für seine Kneipen und Restaurants bekannt. Und für die verruchten Geschäfte, die zwielichtige Gestalten dort im Schutze der Dunkelheit regelmäßig abwickeln. Die Flutlichtmasten sind inzwischen reine Dekoration. In den zum Stadion gehörenden Sporthallen sieht es nicht besser aus: Im völlig verdreckten Pool haben Algen längst ein neues Zuhause gefunden, die Tartanbahnen und Boxhalle sind komplett renovierungsbedürftig.

Auch von Milliarden Naira, welche in die Stadien in der beiden Großstädte Ibadan (Liberty Stadium) und Enugu (Nnamdi Azikiwe Stadium) flossen, ist heute nichts mehr zu sehen. Anfragen bei den verantwortlichen Stadionmanagern über die desolaten Zustände blieben unbeantwortet.

Gabriel Okon, Präsident des nigerianischen Leichtathletiktrainerverbandes, prangert die Verwahrlosung der zahlreichen Stadien öffentlich an. Dieser Zustand sei symptomatisch für die nationale Sportindustrie, so Okon: „Wir kommen nicht umhin, regelmäßig Turniere und Sportevents zu veranstalten. Wer sagt denn, dass diese Wettkämpfe immer gleich auf Bundesebene stattfinden müssen? Es geht auch kleiner. Aber nur so können wir unsere Athleten fördern und gleichzeitig die Stadien vor dem Verfall retten.“

Dem Trainer und ehemaligen technischen Direktor des nigerianischen Fußballverbandes NFF, Kashimawo Laloko, zufolge, gefährde die aktuelle Politik nicht nur die Situation der Topathleten, sondern auch die des Breitensports. „Warum werden die vorhandenen Arenen beispielsweise nicht für den Schulsport genutzt“, fragt sich Laloko.

Wirtschaftliche Verluste

Experten behaupten zudem, die Nichtnutzung diverser Stadien, die mit Milliarden von Steuergeldern finanziert wurden, würde der Regierung bares Geld kosten. Auch Okon weist darauf hin, dass jede sportliche Großveranstaltung ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit im Land sein könne. Allein die Afrikaspiele 2003 in Abuja hätten über 3.000 Arbeitsplätze geschaffen, so der Verbandspräsident.

Der ehemalige NFF-Vorsitzende Kojo Williams unterstützt diese Argumentation. Seinen Schätzungen zufolge würde ein umfassendes Renovierungsprojekt der Stadien über 20 Millionen arbeitslosen Jugendlichen in Nigeria wieder eine Perspektive geben. Darüber hinaus schlägt der Ex-Fußballfunktionär eine umfangreiche Ligastruktur vor, die wiederum zusätzliches Geld bedeuten würde. „In meiner Amtszeit plädierte ich dafür, alle Ligaspiele in den besten und größten Stadien Nigerias auszutragen. Außerdem schlug ich vor, die Stadien an private Investoren zu verpachten. Doch nichts davon wurde umgesetzt.“

White elefant stadiums in Nigeria
White Elefant Stadiums

Als Folge dieser Versäumnisse wurden beispielsweise die Super Eagles in den letzten 20 Jahren munter herumgereicht. Ein festes Stadion für Qualifikations- oder Freundschaftsspiele gab es nicht. Meist waren die Arenen schlichtweg in zu schlechtem Zustand. Diese „Heimatlosigkeit“ ging sogar so weit, dass Freundschaftsspiele gegen hochklassige internationale Gegner nicht auf heimischem Boden ausgetragen werden konnten, sondern in England stattfanden. Für Millionen nigerianischer Fußballfans blieb es somit ein Traum, ihre meist im Ausland unter Vertrag stehenden Stars einmal live zu erleben.

Freier Eintritt als Lockmittel

Die meisten Spiele der Nigeria Professional Football League, der höchsten Spielklasse im Land, finden vor leeren Zuschauerrängen statt. Selbst zu Topspielen kommen selten 5.000 Besucher. Und sollten es tatsächlich mehr sein – vor allem im Finale des nationalen Pokals –, dann nur weil die Veranstalter spontan die Stadiontore geöffnet haben, um die Ränge mit kostenlosem Eintritt doch noch zu füllen.

So wurde am 26. März 2016 im Ahmadu Bello Stadion in Kaduna das Qualifikationsspiel für den Africa Cup of Nations zwischen Nigeria und Ägypten ausgetragen. Nachdem die Behörden freien Eintritt zugesagt hatten, strömten 40.000 Zuschauer in die Arena – die jedoch nur für 25.000 Besucher ausgelegt ist. Der afrikanische Fußballverband CAF verhängte daraufhin eine Strafe von 5.000 US-Dollar wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen und zu vielen Zuschauern im Stadion.

Seit November vergangenen Jahres ist Solomon Dalong neuer nigerianischer Sportminister. Stolz versprach er die Renovierung der maroden Stadien. Und tatsächlich begannen im National Stadium in Lagos im Januar erste Arbeiten und der Swimmingpool wurde in Ordnung gebracht. Doch viel mehr ist seitdem leider nicht geschehen. So gammeln die einst milliardenschweren Stadien im ganzen Land weiter vor sich hin.

Erstveröffentlichung: Monuments of waste: Nigeria's white elephant stadiums