09.10.2015
Übersetzt von Tobias Koch

Gerade einmal 34 Jahre alt ist Victor Ochen. Damit ist er der jüngste Afrikaner, der jemals für den Nobelpreis nominiert wurde. Viele feiern seinen Erfolg, doch vergessen dabei seine Kindheit, die ihn sehr geprägt hat. Ochen wächst im Glauben auf, dass es nur ein Leben voller Krieg, Hunger, Unsicherheit und Leid gibt.

Geboren im Jahr 1981 in Abia, im Albetong-Kreis in Norduganda, scheinen die Wörter Frieden und Menschlichkeit wie Fremdwörter für ihn. Die Erinnerungen an die Grausamkeiten, die die Lord's Resistance Army (LRA) an seiner Familie, seinen Freunden und seiner Gemeinschaft verübt, sind trotz seines strahlenden Lächelns so lebendig, als wären sie erst gestern geschehen. „Meine gesamte Kindheit war von Konflikten geprägt. Das Regime Idi Amins und Obote dem Zweiten, der Museveni-Krieg, der Alice-Lakwena-Krieg und der LRA-Krieg. Das Aufwachsen im Norden war hart,“ sagt er.

 

Dass er überlebt, verdankt er insbesondere seinen Eltern. Viele Andere nehmen sich damals das Leben, um der psychologischen Folter und den Kriegstraumata endlich zu entkommen. Ochens Eltern hingegen sind für ihn und seine Geschwistern da, kümmern sich – auch wenn sie manchmal nicht einmal das billigste Essen auf den Tisch bringen können. Doch dann müssen sie ihr Zuhause verlassen: „Wir flüchteten 1986. Von diesem Tag an zogen wir bis zum absehbaren Ende des Krieges im Jahr 2000 von einem Camp zum nächsten.“

Ein Leben auf der Flucht, ständiges Umziehen – es ist für Ochen und seine Geschwister unmöglich, dabei in die Schule zu gehen und eine vernünftige Bildung zu erhalten. „Fünf Jahre lang gingen wir nicht zur Schule. Während der Krieg immer schlimmer wurde, brannten die Schulen nieder. Wir haben uns immer gewundert, warum das alles passiert und wann es wohl enden würde“, erzählt er. Heute erinnert sich Ochen noch daran, wie er als Junge eingeschult wird, kurz bevor sie fliehen müssen. Dann werden sie aufgrund der Aufstände für fünf Jahre vertrieben. Der einzige Gegenstand, den Ochen auf der Flucht zum Lernen besitzt, ist eine zerrissene Bibel. Daran klammert er sich, liest, sucht in ihr Unterstützung und Gebete.

Ein Anstecker von Mahatma Gandhis Familie anlässlich des Internationalen Tags der Gewaltlosigkeit
Ein Anstecker von Mahatma Gandhis Familie anlässlich des Internationalen Tags der Gewaltlosigkeit

Einige seiner Freunde können im Gegensatz zu ihm noch eine Schule besuchen. Doch als der Konflikt seinen Höhepunkt erreicht, schaut er mit an, wie seine Freunde die Schule verlassen. Sie schließen sich den Rebellen an. Ihnen wird eine Uniform versprochen, das lockt, denn sie haben oft keine eigene Kleidung. Ochen weigert sich; für ihn kommt nur eine friedliche Lösung des Konflikts infrage. Das Tragen von Waffen zieht er nie in Betracht und seiner Mutter schwört er sogar, dass er sich niemals den Truppen anschließen wird.

 

 

Seine Kindheit hat ihn unheimlich geprägt. Die Erfahrungen jener Jahre spielen eine maßgebliche Rolle in seinem Streben nach Frieden als Erwachsener. Auch deshalb stellt er oft unbequeme Fragen. „Während ich groß wurde, habe ich mich immer wieder darüber gewundert, ob wohl jedes Kind so aufwächst wie wir? Wir fragten unsere Eltern, was wir getan hatten, um dieses Leid zu verdienen.“ Das Leid will er so nicht hinnehmen. Als kleiner Junge, damals im Lager, nimmt er allen Mut zusammen und tritt zum ersten Mal für den Frieden ein. Mit 13 Jahren gründet er einen Klub zur Friedensförderung - ein Gedanke, der den meisten fremd ist: Die meisten seiner Mitmenschen denken zu dieser Zeit an Vergeltung.

Aufgeben kommt für ihn nicht infrage. Er ist der festen Überzeugung, dass man mit Waffen keinen Frieden schaffen kann. Schweren Herzens zieht er im Jahr 2002 nach Kampala, um für eine Stiftung zu arbeiten. Im Jahr 2005 schmeißt er jedoch hin und zieht zurück nach Lira, um das Netzwerk African Youth Initiative (AYINET) zu gründen. Dieser Schritt gilt als offizieller Beginn seines Einsatzes für den Frieden.

 

 

Bis heute hat seine Organisation über 6000 Opfern der LRA psychologische Unterstützung ermöglicht. Insbesondere Frauen, denen die Lippen abgeschnitten wurden, können sich rekonstruktiven Operationen unterziehen. Über 100 Klubs zur Friedensförderung sind in der Zwischenzeit an Schulen und Universitäten gegründet worden und über 5000 junge Menschen haben Schulungen zur Friedensbildung durchlaufen.

Die Nominierung für den Friedensnobelpreis kam trotz allem völlig überraschend. Er fühlt sich geehrt und ist unendlich dankbar. Und obwohl er als Kind nie Frieden erleben konnte, ist er heute motivierter als je zuvor. Sein Ziel: Kein Kind oder Mensch in dieser Welt soll jemals wieder so leiden, wie er und seine Familie gelitten haben.

Victor Ochen
Katzenliebhaber Ochen in seinem Haus in Kampala.

Ochen glaubt, dass die Regierung die Opfer anhören sollte, bevor sie weiter Vergebung predigt. Schließlich sind es die Opfer selbst, die wissen, was sie erlebt haben und was sie noch heute fühlen. Viele sind noch immer auf der Suche nach Angehörigen, die in den Wirren des Krieges verschwanden. So auch Ochen selbst: Bis heute hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, seinen verschollenen Bruder eines Tages doch wiederzusehen.

Victor Ochen, ein Opfer der LRA, ist weltweit zu einer inspirierenden Persönlichkeit und zu einer Ikone der Friedensbewegung gereift. International wurde ihm viel Lob und Anerkennung für seinen Einsatz zuteil. Und in Uganda werden seine Taten ohne Frage in Erinnerung bleiben - Nobelpreis hin oder her.