07.07.2016
Übersetzt von Florian Sturm

Sonntagnachmittag in Addis Abeba, herrliches Wetter. Ein frisch verheiratetes Pärchen schlendert Hand in Hand die Menelik II Avenue entlang. Posieren. Fotografieren. Verliebtsein. Nur wenige Meter hinter ihnen folgt die in blau gekleidete Hochzeitsgesellschaft. Abwartend, bewundernd, geduldig. Ab und an machen sie selbst ein Selfie. Ihre Kulisse: der Stadtpark von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Eine liebevoll angelegte und gepflegte Grünanlage, ringsum begrenzt durch die imposante Allee. Der Park gilt nicht nur bei Hochzeitsgästen als beliebte und malerische Location. Doch leider ist sie - wie fast jeden Tag – für Besucher geschlossen.

Für einen Sonntag in Addis ist das nicht ungewöhnlich, berichtet der Architekt Mahder Gebremedhin. Immer wieder füllen die parkenden Wagen der Hochzeitgesellschaft die Straßen und blockieren den Verkehr rund um den Park. Das sorge zwar regelmäßig für Aufsehen, doch wirkliche Alternativen gäbe es kaum, erklärt Gebremedhin: „Wir haben hier keine richtigen Parks, also nutzen die Leute vorhandenen öffentlichen Raum eben so gut wie möglich.“

Äthiopiens Wirtschaft boomt. Addis Abeba ist mittlerweile das viertgrößte diplomatische Zentrum weltweit. Mehr als 90 Botschaften und Konsulate sind in der Stadt untergebracht. Durch die von der Regierung geführte Infrastrukturoffensive entstanden zahlreiche Straßen, eine moderne Stadtbahn sowie zahllose Großbaustellen. Neu geschaffene Büros, Hotels und Eigentumswohnungen verändern die DNA der Stadt in rasantem Tempo: Freier Raum in den Blöcken wird rar, alte Bausubstanz permanent durch neue ersetzt.

Paradise lost

„Die Stadt glänzt von oben bis unten, doch für wen genau ist diese Entwicklung gedacht?“, fragt Hailemelekot Agizew, der als Experte für Denkmalpflege in seiner Geburts- und Heimatstadt arbeitet. „In meiner Kindheit war Addis eine wunderschöne Stadt. Es gab wilde Tiere, saubere Flüsse, einheimische Bäume und viele Grünflächen… Es ist, als wäre es ein Traum gewesen. Wie konnten wir nur zulassen, dass diese Kulisse verschwindet?“ Mit dieser Empfindung ist Agizew keineswegs allein. Doch während öffentliche Parks immer seltener werden, beginnen die Menschen in Städten wie Accra, Lagos oder Kapstadt, alltäglichen öffentlichen Raum wie Straßen, Bürgersteige und selbst Wände auf neue Art und Weise zu nutzen.

Ende August findet die sechste Auflage des Chale Wote Street Art Festival in Ghanas Hauptstadt Accra statt. Drei Tage lange werden Künstler wie Bewohner die High Street rund um das historisch bedeutende, wirtschaftlich aber längst abgeschlagene Viertel Ga Maschie in einen Ort voller Kreativität, Energie und Gemeinschaftsgefühl verwandeln: Wandgemälde, Graffiti, Musik, Installationen, spektakuläre Fahrradshows, Künstler und Besucher aller Couleur. Während zur Premiere 2011 hunderte Besucher kamen, zählte das Festival 2015 bereits mehrere tausend Gäste – jeder einzelne von ihnen ist Teil einer neuen, kunstaffinen und wirtschaftlich aufstrebenden Gemeinschaft, die vor allem an einem Ort gedeiht: dem öffentlichen Raum.

„Bevor ich 2013 das Festival zum ersten Mal besuchte, war ich skeptisch. Die Straßen sind doch eigentlich für Autos, Tro-Tros (zu Taxis umfunktionierte Minibusse) oder Taxis gedacht – und nicht für Menschen “, berichtet der IT-Spezialist Kwesi aus Tema, einer ghanaischen Hafenstadt 25 Kilometer östlich von Accra. „Vielleicht können wir keine neuen Parks anlegen, aber dieses Festival macht deutlich, was mit dem bereits vorhandenen Raum alles möglich ist.“

Megaprojekt Eko Atlantic

Im nigerianischen Lagos hat die durch den Privatsektor geförderte Vision der Großstadtmoderne einen vielversprechenden Namen: Eko Atlantic. Das teuerste und exklusivste Stadtviertel des ganzen Landes befindet sich in unmittelbarer Nähe von Victoria Island, dem Wirtschaftszentrum von Lagos. 2009 wurde hier begonnen, ein gut zehn Quadratkilometer großes Areal im atlantischen Ozean aufzuschütten. Bei Fertigstellung soll es Paradebeispiel für einen gehobenen Lifestyle sein: Einkaufszentren, moderne Büros, Wohnungen für 250.000 Menschen, Kinos, Yachthafen sowie eine Promenade ähnlich der im amerikanischen Miami.

Far from finished: the construction site which will later be Eko Atlantic
Noch ist von der imposanten Vision der Macher von Eko Atlantic nicht viel zu sehen.

Wichtigstes Verkaufsargument der neu entstehenden Fläche sind die sogenannten „privaten“ öffentlichen Räume, die zielgenau auf das wohlhabende Klientel von Eko Atlantic zugeschnitten sind, erklärt die Verkäuferin Haleema. Auf die Frage, ob auch „öffentlicher“ öffentlicher Raum geplant sei, antwortet sie, dass es jedem Eigentümer einer Baufläche in Eko Atlantic freistünde, Parks oder öffentliche Plätze (Plazas) zu errichten. Einziger Haken dabei: Der Preis für ein Grundstück liegt bei mindestens 200 US-Dollar pro Quadratmeter.

Ungeachtet dieses Trends in Richtung Exklusivität drängen immer mehr lokale Initiativen in den öffentlichen Raum von Lagos und gewinnen ihn so Stück für Stück zurück. „Vor allem im Freizeitbereich ändert sich derzeit einiges. Die Leute sagen zwar, wir wollen keine Parks, doch in meinen Augen lieben die Nigerianer Frei- und Grünflächen. Wir wollen und wir brauchen diesen Raum“, versichert Olamide Udoma, die Vorsitzende der Initivative Future Lagos.

Einfache, spontane Ideen sind besonders effektiv bei der Rückgewinnung der Stadt. Die Initiative Picnickers Anonymous of Lagos organisiert beispielsweise Picknicks an verschiedenen öffentlichen Plätzen in und um die Metropole. Des Weiteren machen sich etliche Fahrradenthusiasten jeden letzten Samstag im Monat eine von der Stadt verordnete Umweltoffensive zunutze: Da an diesem Tag jeglicher Automobilverkehr untersagt ist, veranstalten sie ausgedehnte Fahrradtouren in den Stadtteilen Victoria Island, Ikoyi und Lekki.

Downtown weiterfeiern

Gemeinsam mit seinem Team von A Whitespace Creative Agency organisiert der Architekt Papa Omotayo regelmäßige Straßenfeste in Lagos. Im November vergangenen Jahres feierten sie zwischen dem altehrwürdigen Printing Press Building und dem Freedom Park. Die sonntägliche Veranstaltung zog unzählige Künstler, Musiker sowie Betreiber lokaler Imbiss- und Verkaufsstände nach Lagos Island. „Wir müssen einfach Angebote schaffen“, beteuert Omotayo. „Privater Raum kann sehr schnell elitär wirken. Also tragen wir unsere Ideen hinaus in die Öffentlichkeit und geben den Menschen somit eine Plattform, sich zu engagieren, die Kunstszene der Stadt zu erleben und Teil der Gemeinschaft zu sein.“

Im südafrikanischen Kapstadt gibt es inzwischen das sogenannte Projekt Open Streets: Bestimmte Straßen werden einen ganzen Tag lang für den Verkehr gesperrt und verwandeln sich in einen Schauplatz für Kunst- und Unterhaltungsveranstaltungen, gemeinschaftliche Events und Freizeitaktivitäten. Um dieses Konzept umsetzen zu können, brauchte es nicht nur einen langen Atem seitens der Organisatoren, sondern auch echtes Interesse der Stadtverwaltung an Integration und nicht-motorisierten Verkehrsmitteln, berichtet die Mitbegründerin und Vorsitzende von Open Streets Cape Town, Marcela Guerrero-Casas.

Mancherorts sind die Maßnahmen zur städtischen Rückgewinnung des öffentlichen Raums nicht horizontal – sondern gehen in die Höhe. Im senegalesischen Dakar nutzen Graffitikünstler unzählige Wände als steingewordene Leinwand, um darauf ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen. Mit Spraydosen als Megafon und unterstützt von Farben und Bildern verwandeln Künstler wie Ati Diallo triste, den Raum trennende Wände in eine Plattform für gemeinschaftlichen Dialog. „Unser Ansatz ist ganz klar die Ästhetik“ erklärt Diallo. „Stellen wir uns einmal eine riesige Mauer vor. Ist sie leer, interessiert sich niemand dafür. Doch wenn wir Farben hinzugeben, zwingt das die Menschen, hinzusehen. […] Wenn wir eine Botschaft gegen Gewalt auf den einen und das Gesicht eines hübschen Mädchens auf den anderen Teil der Mauer sprühen, bemerken die Leute im Vorbeigehen zunächst das Bild des Mädchens. Anschließend wandern ihre Augen automatisch zu unserem Schriftzug daneben. So vermitteln wir unsere Botschaften.“

Graffito showing Thunder Balogun, a Nigerian striker who played for hte Super Eagles in the 1970s.
Ein Graffito des nigerianischenFußballstars Thunder Balogun, der in den 1970er Jahren für die Super Eagles auf Torejagd ging.

Kapstadt ist Spitzenreiter

Straßen sind öffentlicher Raum und zugleich Wohlstandsmotoren einer Stadt. Eine 2013 veröffentlichte Studie des UN Habitat for a Better Future ergab, dass Straßen nicht nur eine zentrale Rolle für die Infrastruktur und Produktivität einer Stadt einnehmen, sondern ebenso Gerechtigkeit, soziale Integration und die Lebensqualität der Bürger fördern. Untersuchungen von Experten zeigen, dass lediglich 11,1 Prozent der städtischen Gesamtfläche Accras auf Straßen entfällt. Ghanas Hauptstadt gehört damit zu den Schlusslichtern des Tableaus. Addis Abeba (13,4 Prozent) und Lagos (14 Prozent) stehen nur minimal besser da. Kapstadt hingegen nutzt 25,2 Prozent seiner Gesamtfläche für Straßen. Bestätigt wurden diese Ergebnisse durch den sogenannten „Composite Street Connectivity Index“, der angibt, wie eng vernetzt das Straßennetz einzelner Städte ist. Erneut wird Accra (0,287) ein eher dürftiges Zeugnis ausgestellt, während Addis (0,428) und Lagos (0,449) im Mittelfeld rangieren. Kapstadt (0,832) ist Spitzenreiter in ganz Afrika.

Doch die schiere Existenz und der Grad der Vernetzung einzelner Straßen sind nur der erste Schritt. Diesen Raum für Veranstaltungen und Initiativen nutzen zu können, funktioniert meist nur mit erheblichem bürokratischen Aufwand. Schließlich müssen die Straßen vorübergehend in Fußgängerzonen verwandelt und der Gegenwind aus Richtung der Autoliebhaber überwunden werden. In Kapstadt, erklärt Guerrero-Casas, sei es noch immer umständlich, teuer und oftmals sehr schwierig, solche Genehmigungen einzuholen. Dies schrecke teilweise andere Nachbarschaften und Organisationen ab, die ihre Straßen ebenfalls für derartige Projekte nutzen wollen. In Lagos habe es mehrere Monate gedauert, ehe die nötigen Formulare für das Straßenfest bearbeitet wurden, erinnert sich Omotayo. Die endgültige Erlaubnis wurde gar erst drei Tage vor dem Fest erteilt. Auch die Sicherheit ist ein Streitpunkt. Sowohl in Accra als auch in Lagos müssen die Veranstalter für Polizei- oder Regierungsbeamte zahlen, die ihre Events überwachen.

In Lagos und Accra sehen die Menschen wenigstens den Ozean. Und in Addis? Wo sollen wir hier hin?

Was bleibt also nach diesen drei Geschichten? Zunächst die Erkenntnis, dass die Organisatoren solcher Projekte vor allem viel Eigeninitiative und die richtigen Beziehungen – innerhalb der Gemeinschaft und auch zu den Interessenvertretern der Regierung – benötigen, um normale Straßen in lebendigen und dynamischen öffentlichen Raum zu verwandeln. „Ohne die aufopferungsvolle Arbeit zahlloser freiwilliger Helfer könnten wie solche Open Street Days nicht auf die Beine stellen“, ist sich Guerrero-Casas sicher. „Außerdem erhält unsere Organisation immer wieder Sachspenden, weil die Leute an unser Konzept und unsere Ziele glauben.“

Im Kern all dieser Anstrengungen stehen weder große Politiker noch finanzstarke Investoren, sondern normale Bürger, die sich einen besseren, lebendigeren öffentlichen Raum in ihren Städten wünschen. So wie Hailemelekot in Addis Abeba: „In Lagos können die Menschen wenigstens den Atlantik sehen. Auch in Accra haben sie Strände. Und in Addis? Wo sollen wir hier hin? Es gibt weder einen Strand noch einen Park in dem unsere Kinder spielen können.“

 

Erstveröffentlichung: The Africa Report: Urban Living - Streets ahead