02.12.2015
Übersetzt von Konstantin Meisel

„Es ist eine landläufige Meinung, dass es ausreicht, ein bisschen Lingala (Verkehrssprache im Kongo, Anmerk. d. Red.) zu beherrschen und eine kräftige Statur zu haben, um Polizist zu werden. Doch das stimmt nicht. Polizisten brauchen heutzutage mehr Hirn als Muskeln. Wer gut ermitteln und eine gute Arbeit machen möchte, der muss studieren“, erklärt General Vital Awashango, Kommissar der kongolesischen Nationalpolizei in der Provinz Nord-Kivu. Er unterstützt Polizisten und Soldaten, die seit einiger Zeit wieder ihr Studium aufgenommen haben.

„Nach meinem Abitur hat mir einfach das Geld gefehlt, um an die Uni zu gehen“, erklärt ein Polizeioffizier, der anonym bleiben möchte. „Also habe ich mich gleich bei der Polizei auf eine der offenen Stellen beworben. Einige Zeit später wurde mir allerdings klar, dass ich es ohne Studium schwer hatte, bestimmten Aufgaben gerecht zu werden.“ Er wagte den Schritt und schrieb sich ein. Heute studiert er Jura im zweiten Jahr. Jeden Tag um 13 Uhr tauscht er seine Polizeiuniform in Zivilkleidung, packt seine Schreibutensilien und besucht die Vorlesungen.

Studenten im Hörsaal
Eifrig und gespannt: Studenten im Hörsaal

„Unsere Vorgesetzten erlauben uns, die Vormittagsschicht zu übernehmen, damit wir nachmittags an die Uni gehen können“, erläutert Leutnant Kazingufu Eliphaze von den kongolesischen Streitkräften. „Daher besuchen wir vorzugsweise Hochschulen, die ihre Kurse am Nachmittag anbieten.“ Er selbst hat gerade seine Abschlussarbeit an der Universität von Ruwenzori (UOR) verteidigt.

Eine große Herausforderung

Oberst Mbambi Kingana ist Befehlshaber über die Polizei in Butembo, unweit der Grenze zu Uganda. Er weiß, dass die Polizisten auf eigene Kosten studieren und dass dies nicht immer einfach ist. Denn sie müssen auch für die Ernährung und Ausbildung ihrer Familien aufkommen. Hinzu kommt, dass ihre Gehälter sehr niedrig sind und sie unregelmäßig ausgezahlt werden. „Es ist nicht so, dass wir sehr viel verdienen würden, um einfach mal schnell Studiengebühren zu bezahlen“, erklärt Amza, Polizist und Student an der UNIC (Université du Cepromad). Der schlechte Ruf seines Berufsstandes gibt ihm ebenfalls zu denken. „Viele Menschen haben keinen Respekt vor uns Polizisten, sie halten uns allesamt für ungebildet. Das muss sich ändern!“

Christopher, Offizier der Kriminalpolizei und Student des öffentlichen Rechts, unterstreicht die Bedeutung des Studiums für seinen Beruf. „Jemandem, der nicht studiert hat, fällt es zum Beispiel schwerer Rechtsprotokolle zu verfassen“, meint er. „Der Polizeidienst ist ein multidisziplinäres Aufgabenfeld. Ein Polizist braucht alle möglichen Kompetenzen. Man kann keinen Verbrecher überwältigen, der über mehr Wissen verfügt als man selbst.“

Eifrig und diszipliniert

Andere hingegen besuchen die Kurse in der Hoffnung, später einmal einen höheren Dienstgrad zu erreichen. „Alle Offiziere haben einen Abschluss an einer Universität. Mit meinem kleinen staatlichen Diplom besteht da keine Chance auf beruflichen Aufstieg. Also habe ich mich eingeschrieben“, gibt ein Polizist zu, der ebenfalls anonym bleiben möchte.

Auch die Universitäten sind voll des Lobes über die neue Lernbegeisterung bei den Sicherheitskräften. Polizisten und Soldaten nähmen an allen Veranstaltungen teil, bekräftigt Mbambu Munduwandi, Assistentin an der Universität von Ruwenzori. „Im Hörsaal sind sie diszipliniert, ihre Arbeiten erledigen sie in der Regel pünktlich. Es sei denn, sie werden wegen eines Notfalls zum Dienst gerufen. Aber das ist eher die Ausnahme.“ Die studierenden Ordnungshüter sind stolz auf ihren Fleiß. Sie sind sich einig: Es war eine gute Entscheidung, nicht zu Hause zu bleiben, sondern zu studieren.