05.07.2016
Übersetzt von Marc Guschal

„Y'en a Marre“ ist Teil einer Entwicklung die sich in vielen afrikanischen Ländern abspielt: der Erstarkung der Bürgerrechtsbewegungen.

Antoine Kaburahe stellt für JournAfrica! vier der jungen Aktivisten vor, die gegen ihre alten Machthaber auf die Straße gehen und sich im Internet engagieren: Aliou Sane aus Senegal, den Rapper Smockey aus Burkina Faso, Didier Lalaye aus dem Tschad und Floribert Anzuluni aus der demokratischen Republik Kongo.

Rama Thiaw ist Regisseurin des Dokumentarfilms The revolution won’t be televised, der das politische Engagement der Rapgruppe Keur Gui begleitet und 2016 auf der Berlinale gezeigt wurde. Im Interview spricht die 1978 in Mauretanien geborene Filmemacherin über die Aktivisten aus Senegal, dem Herkunftsland ihrer Eltern. Dort gründeten die Keur Gui die Protestbewegung Y’en a marre (zu Deutsch „Es reicht“), die sich gegen den ehemaligen Präsidenten Abdoulaye Wade richtete. Dieser wollte sich 2012 ein drittes Mal zum Präsidenten wählen lassen, was laut Verfassung jedoch verboten ist. Gerade bei Jugendlichen stieß Y’en a marre auf viel Begeisterung. Wade verlor die Wahl schließlich gegen seinen Widersacher Macky Sall.

 

Können Sie uns kurz sagen, wovon Ihr Film in erster Linie handelt?

Der Film geht in erster Linie über die Keur Gui, und weniger über Y‘en a marre. Wir begleiten die Keur Gui aber hauptsächlich im Rahmen der Bewegung, die sie gemeinsam mit anderen gegründet haben. Im Grunde genommen sind sie die Ideengeber. Wir haben uns bei dem Film vor allem gefragt, wie es nach dem Engagement weitergeht. Diskreditieren sich die Drahtzieher nach einer solchen Revolution und werden beispielsweise Politiker oder Geschäftsmann? Oder bleiben sie ihrer Kunstform treu, also die Keur Gui dem Hip-Hop?

Hat sich die politische Situation im Senegal seit den Protesten verändert?

Der Wandel kommt nur langsam. Macky Sall hat die letzten zwei Jahre abgewartet, um die versprochenen Reformen anzugehen. Wir brauchen aber eine Politik mit Visionen. Sobald die Regenzeit beginnt, gibt es immer noch Überschwemmungen in den Stadtvierteln Pikine und Guédiawaye. Die Leute haben immer noch keine Arbeit, das Gesundheitssystem und der Bildungssektor sind eine Katastrophe, die Menschen streiken, es gibt nicht genügend Schulklassen und so weiter. Es geht uns wirtschaftlich nicht gut. Wir wissen, dass sich die Dinge in unserem Land nur langsam verändern, weshalb wir Willensstärke zeigen und selbst die Initiative ergreifen müssen. Derzeit herrscht viel Polemik in den politischen Debatten im Senegal. Ich glaube, dass wir eine Bewegung wie Y’en a marre unterstützen sollten, weil sie gute Ansätze zeigt und eine positive Auswirkung auf unsere Demokratie und Zivilgesellschaft hat.

Hat sich im Kulturbereich etwas getan?

Es hat sich in der Tat einiges verändert. Wir haben zum Beispiel einen Fonds für unsere Kinos erhalten, bei dem wir derzeit beim zweiten Aufruf sind. Das ist das erste Mal, dass der senegalesische Staat Film und Kino durch Subventionen begünstigt. Es werden derzeit auch neue Kinosäle gebaut. Das ist sehr wichtig, denn davon gibt es gibt praktisch keine mehr. Darüber hinaus ist derzeit ein urbanes Kulturprojekt in Planung, das ebenfalls durch bestimmte Programme finanziell unterstützt wird. Es läuft also schon besser. Die Verantwortlichen sind auch etwas jünger als vorher. Sie haben verstanden, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt in Jugend und Kultur investieren muss. Hoffentlich können auch Bildung, Gesundheit und Arbeit von diesem Elan profitieren.

Da stellt sich auch die Frage nach der Vorbildfunktion für andere Länder. Sie haben ganz bewusst die Einladung der Keur Gui nach Burkina Faso gefilmt. Können Sie uns davon etwas erzählen? Zu dem Zeitpunkt wusste immerhin niemand, dass es dort tatsächlich eine Revolution geben würde!

Dieses Treffen wurde nur möglich durch die Einladung von Boubacar Diallo von Ciné Droit Libre [ein westafrikanisches Filmfestival, Anm. d. Red.]. Viele vergessen, dass das Kino auch hier eine entscheidende Rolle gespielt hat. Die Protestbewegung Balai citoyen in Burkina Faso ist erst nach dem Treffen ihrer Gründer mit Y’en a marre wirklich bekannt geworden.  Ich weiß, dass die Keur Gui als Y’en a marre viele andere Jugendbewegungen getroffen haben, die sich vorher gegründet hatten. Es gab allein schon drei Y’en a marre in Burkina Faso! Ob im Kongo, in Kamerun oder sonst wo: Fast überall, wo die Menschen in Bezug auf die politischen Systeme dieselben Realitäten erlebten wie wir, hatten die Y’en a marre eine Art Vorbildfunktion. Wir leben letztendlich in Scheindemokratien – die Regierungen haben sehr wohl verstanden, dass Militärputsche nicht mehr möglich sind, deshalb versuchen sie es mit Staatsstreichen durch Verfassungsänderungen.

Wo Sie gerade von Kamerun und Burkina Faso sprechen: Warum haben Bewegungen wie Y’en a marre im Senegal oder der Balai Citoyen in Burkina Faso funktioniert, aber ähnliche Bewegungen in Ländern wie dem Kongo, Tschad oder Burundi nicht? Können Sie sich das erklären?

Meine geopolitischen Kenntnisse dieser Länder sind zu begrenzt, um sie alle in einen Topf zu werfen. Afrika ist groß, jedes Land hat seine kulturellen Besonderheiten. Als Zeitzeugin kann ich lediglich aus Burkina Faso berichten. Auch dort gab es mehrere vergebliche Versuche. Aber als es fast wieder so weit war, wurde der Balai citoyen gegründet, und das wie Y’en a marre im Senegal von Rappern. Von dem Augenblick an war die Jugend bereit, sie haben sich gesagt, wenn der Senegal es geschafft hat, warum dann nicht auch wir? Und sie haben es sogar noch besser gemacht, das Ganze hat nur drei Tage gedauert, dann war alles vorbei. Das was sie in weniger als zwei Jahren zwischen einem gescheiterten Staatsstreich und dem Rest erlebt haben war außergewöhnlich. Die Bevölkerung von Burkina Faso hat bis zum Ende durchgehalten, sie hat nein gesagt, hat sich gegen die Willkür gesträubt.  Ich weiß aber nicht, ob sie mit ihrer neuen Regierung zufrieden sind. In Burundi handelt es sich anscheinend um einen Bürgerkrieg, von dem trotz der Massaker nur wenige reden, das ist glaube ich nochmal etwas ganz anderes. Meiner Meinung nach ist es wichtig zu fragen, ob es in diesen Ländern ein Nationalbewusstsein gibt. In Burkina Faso gibt es ein starkes Nationalbewusstsein, ebenso im Senegal. Ich glaube, solange es das nicht gibt, kann es auch keine friedliche Revolution geben.

Das Gespräch führte Audrey Parmentier für die Deutsche Welle.