05.07.2016
Übersetzt von Konstantin Meisel

In ihrer Dokumentation „The revolution won't be televised“ begleitet die Filmemacherin Rama Thiaw die Bürgebewegung Y'en a Marre und ihren Protest gegen den damaligen Präsidenten Abdoulaye Wade. „Wir wissen, dass sich die Dinge in unserem Land nur langsam verändern, weshalb wir Willenstärke zeigen und selbst die Initiative ergreifen müssen“, sagt sie im Interview  über die Bedeutung einer aktiven Zivilgesellschaft. Sie spricht über das, was sich seit dem Protest verändert hat, berichtet von der einflussreichen Reise mit „Y'en a Marre“ nach Burkina Faso und schildert die Grenzen der Protestbewegungen in Afrika: „In Burkina Faso herrscht ein starkes Nationalbewusstsein, ebenso im Senegal. Ich glaube, so lange es das nicht gibt, kann es auch keine friedliche Revolution geben“. Das gesamte Interview gibt es hier zum Nachlesen.

Smockey glaubt an die Macht der Kunst. „Unsere Konzerte sind regelrechte Meetings“, sagt der politische Rapper aus Burkina Faso, der eigentlich Serge Bambara heißt. Musik sei in der Lage, starke Botschaften zu vermitteln. Mit ein paar Mitstreitern hat der Künstler die Initiative Balai Citoyen – „Bürgerbesen“ – gegründet, die wesentlich zum Sturz von Blaise Compaoré im Oktober 2014 beitragen hat. 27 Jahre lang regierte der umstrittene Präsident das westafrikanische Land.

Smockey ist ein Vertreter einer neuen Generation afrikanischer Bürgerrechtler, die sich daran gemacht hat, die politischen Systeme ihrer Heimatländer umzukrempeln. Die Vorkämpfer sind jung, vernetzt und wissen die sozialen Medien zu nutzen. Und sie eint der Verzicht auf Gewalt. Das ist die Nachricht, die vier der Protagonisten auf einer Konferenz in Brüssel vermittelten, wo sie auf Einladung der sozialdemokratischen Fraktion des Europaparlaments über ihre Kämpfe, Strategien und Hoffnungen sprachen.

Mit 34 Jahren ist Aliou Sane bereits der älteste unter ihnen. Der aus dem westafrikanischen Senegal stammende Journalist ist eines der Gründungsmitglieder der Bewegung Y‘en a Marre, zu Deutsch „Es reicht“. Protestierte die Gruppe anfangs noch gegen die häufigen Stromausfälle in der Hauptstadt des Landes, startete sie schließlich eine Kampagne, um junge Senegalesen im Jahr 2012 zum Urnengang zu motivieren. Der damalige Präsident Abdoulaye Wade verlor daraufhin die Wahl und konnte keine dritte Amtszeit antreten.

Auch der Präsident der Demokratischen Republik Kongo drängt auf eine dritte Regentschaft, selbst wenn dies die Verfassung nicht erlaubt. Ende 2016 möchte Joseph Kabila wiedergewählt werden, was von der Bewegung Filimbi und deren Vertreter Floribert Anzuluni kritisiert wird. Er und weitere Anführer der Bürgerrechtsbewegung haben sich angesichts des brutalen, repressiven Systems im Kongo dazu entschieden, im Exil weiterzukämpfen.

Weg zur Wahlurne

Der jüngste Teilnehmer der Brüsseler Diskussionsrunde ist Didier Lalaye der Initiative lyina. Im zentralafrikanischen Tschad stellt er sich gegen den Machthaber Idriss Déby, der das Land seit 26 Jahren beherrscht.

Die vier Männer reden Klartext. Ob sie Angst haben angesichts der Gewalt und Unterdrückung durch die Herrschenden? „Ja, aber da müssen wir den Hintern zusammenkneifen und die Sache voran bringen“, sagt Smockey aus Burkina Faso.

Unter Beschuss geraten sei die afrikanische Zivilgesellschaft, wobei sich der Begriff abgenutzt habe, bedauert der Senegalese Aliou Sane. „Man sagt der Zivilgesellschaft: 'Sei neutral!'“, erklärt das Mitglied von Y’en a Marre, „Doch es gibt Momente, in denen Stellung bezogen werden muss“. Die Aktivisten betrachten sich daher auch nicht als die Zivilgesellschaft, sondern definieren sich als gesellschaftliche Bewegung.

Die jungen Männer sind überzeugt, dass eine Erneuerung der politischen Klasse notwendig ist. Darüber, wie genau dies zu erreichen sei, sind sie sich jedoch nicht immer einig. Die jungen Leute müssten in die Verantwortung genommen werden: „Sie sollten keine Autoreifen anzünden, sondern wählen gehen. Der beste Weg zu kämpfen, ist der Gang zur Wahlurne: die Bestrafung der politischen Führer“, bekräftigt Aliou Sane von Y’en a Marre.

Gewalt führt zu Gegengewalt

Sanes Freund aus Burkina Faso wendet hingegen ein, dass wählen allein nicht ausreiche. Man müsse „wählen und bleiben“, erklärt Smockey von Balai Citoyen. In einer „Wächter“-Position müssten die Bürger auch nach der Abstimmung die politischen Parteien misstrauisch beobachten. Es existiere ein enormes Korruptionspotential innerhalb der politischen Parteien, die von Grabenkämpfen und Amtsverlängerungen geprägt seien. Jeder würde sich so positionieren, dass sein Platz sicher sei.

Auch wenn die vier Aktivisten sich kämpferisch gegen die repressiven Systeme in ihren Ländern stellen, befürwortet keiner von ihnen Gewalt. Und das nicht etwa, weil es ihnen an Mut mangelt. Ihrer Meinung nach kann man angesichts der Gewalt, die die herrschenden Kräfte ausüben, nicht gewinnen. „Es ist eine Frage des Kräfteverhältnisses: Die Regime sind organisiert und haben mehr Mittel“, warnt Smockey aus Burkina Faso. „Wenn sie einen Vorwand bekommen, endet das im Gemetzel“.

Ihm ist wichtig, den Unterdrückern keine Gelegenheit zu bieten, die sie als „Notwehr“ missbrauchen könnten. „Wenn die Militärs fähig sind, unbewaffnete Menschen umzubringen, was werden sie erst mit bewaffneten Gegnern tun?“, fragt Smockey. Schließlich seien die Herrscher bereit, alles für ihre Machterhaltung zu tun.

Man müsse die Regime zermürben und sich Verbündete schaffen – auch unter den Ordnungskräften. Es habe sich bewährt, stets friedlich zu bleiben, sagen die afrikanischen Aktivisten. Sie setzen auf das „Gandhi-Prinzip“.

 

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Infos Grands, VITA/Afronline (Italien) realisiert.