30.01.2015
Übersetzt von Dominik Berger

Über das Wochenende vor Weihnachten habe ich mir ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk gegönnt und ein paar Tage mit Freunden in unserem ruandischen Ferienort Gisenyi am Kiwusee verbracht. Abgesehen von einem sintflutartigen Regensturm am Samstagnachmittag und der Discomusik, die am Sonntag ärgerlicherweise bereits um 6 Uhr morgens begann (anscheinend ist die örtliche Polizei noch nicht auf den Lärmschutz-Zug aufgesprungen, was sie meiner Meinung nach wirklich tun sollte), war der Aufenthalt ziemlich ereignislos – zumindest bis es an der Zeit war, nach Kigali zurückzukehren.

Die Busfahrt von Gisenyi nach Musanze war wie üblich malerisch und als wir in die Stadt einfuhren, begann es leicht zu nieseln. In jenem Moment bemerkte ich etwas Seltsames: der Busfahrer schaltete die Scheibenwischer nicht ein. Ich dachte mir nichts Besonderes dabei und wir hielten an einem Busparkplatz, wo einige Leute zu- und andere ausstiegen. In der Zwischenzeit hatte es stärker angefangen zu regnen und während wir uns bei Einbruch der Dunkelheit auf die zweite Reise-Etappe vorbereiteten, beobachtete ich noch etwas, das mich stutzig machte: ein Mitarbeiter des Busunternehmens nahm eine Handvoll Waschmittel und verteilte es großzügig auf der Windschutzscheibe. Daraufhin fuhren wir ohne großes Aufheben weiter.

Die Scheibenwischer funktionierten weiterhin nicht. Ich wurde immer nervöser und als ich mich nicht mehr zurückhalten konnte, fragte ich den Fahrer: „Warum schalten Sie die Scheibenwischer nicht ein?“ Er antwortete: „Die Sicherungen sind durchgebrannt. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich habe mit einem Kollegen gesprochen und der hat mir gesagt, dass wir keinen starken Regen vor uns haben.“

Zu sagen, ich sei schockiert gewesen, wäre eine Untertreibung. Ich befahl ihm anzuhalten, da ich sonst die Polizei rufen würde. Er hielt an der nächsten Tankstelle und versuchte mich dort allen Ernstes davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung sei. Was die Situation noch unglaublicher machte, war das Verhalten der anderen Fahrgäste. Der Großteil von ihnen blieb still und jemand hatte sogar die Nerven, mir zu sagen ich solle aufhören, mich zu beschweren, und einfach aussteigen. „Hören Sie auf, uns anderen alles zu verderben!“, schimpfte er, „Warum müssen Sie sich uns aufdrängen?“

Busse auf einem Parkplatz
Ein Busbahnhof in Ruanda

Den Kopf in den Sand und abwarten

Letzten Endes kehrte der Busfahrer schnaubend um und wir stiegen am Busparkplatz in Musanze in einen anderen Bus. Während der gesamten fünf Minuten des Schlagabtauschs zwischen mir und dem Busfahrer hatte sich nur eine Dame zu meiner Verteidigung geäußert. Es goss die komplette restliche Fahrt wie aus Kübeln und es wäre undenkbar, ja sogar reiner Selbstmord gewesen, ohne funktionierende Scheibenwischer weiterzufahren. Der Busfahrer wäre auf Basis der Wettervorhersagen seines Freundes bereit gewesen, nicht nur unser aller, sondern auch sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Und der vorlaute Typ von vorhin? Er ließ nichts mehr von sich hören.

Ich bin der Meinung, dass dies ein Beispiel von zwei Charaktereigenschaften ist, die viele Menschen in Ruanda an den Tag legen: ein ungesunder Respekt vor Autoritäten und die Angst davor, die eigene Stimme zu erheben und aus der Menge hervorzustechen. 

Wenn wir auf unsere Geschichte als Volk zurückblicken, haben diese Eigenschaften uns nur Leid gebracht. Wir sehen, was schief läuft, aber wir stecken den Kopf in den Sand und hoffen, dass der aufziehende Sturm uns unversehrt lässt. Doch wie uns unsere Geschichte zeigt, ist das bei diesen Stürmen nur selten der Fall. Man sollte meinen, wir hätten unsere Lektion gelernt. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.

Das ist allerdings kein Grund zur Hoffnungslosigkeit. Wir selbst sind die Veränderung, nach der wir suchen. Und 2015 kann das Jahr sein, in dem wir – jeder für sich – etwas verändern können. 2015 sollte das Jahr sein, in dem wir unsere Stimme finden. Es sollte das Jahr sein, in dem wir keine niedrigen Standards mehr akzeptieren, in dem wir aufhören, das zu akzeptieren, was die Politik uns ohne Rückfragen auferlegt. Wir sprechen ständig darüber, dass wir etwas Besseres verdient haben. Aber wir vergessen, dass uns nichts auf einem Silbertablett serviert werden wird, solange wir nicht etwas bewegen und dafür kämpfen.

Erstveröffentlichung: Find your voice in 2015, don’t be a victim