27.04.2015
Übersetzt von Dominik Berger

Letztens habe ich von einem Fall in Deutschland gelesen, der mir den Magen umgedrehte. Der Deutsche Ethikrat – ein Komitee, das von der Regierung unterstützt wird – hatte empfohlen, dass die Regierung jene Gesetze abschaffen solle, die Inzest unter Geschwistern als gesetzeswidrig definieren. Als Grund dafür gab das Komitee an, derartige Gesetze würden es den Bürgern nicht ermöglichen, frei über ihre Sexualleben zu entscheiden. Das war aufgekommen, nachdem bekannt geworden war, dass ein Mann namens Patrick Stübing vier Kinder mit seiner Schwester Susan Karolewski gezeugt hat.

Die Geschwister sind nicht zusammen aufgewachsen und haben sich kennengelernt, als Stübing 24 und Karolewski 16 Jahre alt waren. Für mehrere Jahre waren sie ein Paar. Stübing wurde im Jahr 2008 wegen Inzest angeklagt und hat seinen Fall vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorgelegt – ohne Erfolg. Auch die CDU unter Kanzlerin Angela Merkel lehnte eine Abschaffung der Inzestgesetze weiterhin vehement ab. Ein Sprecher der Partei gab diesbezüglich in einer Stellungnahme an, eine Abschaffung des Tabus führe zu einer Destabilisierung des Schutzraums Familie und könne eine ungefährdete Entwicklung der Kinder nicht gewährleisten.

Ich war instinktiv drauf und dran, die ganze Affäre als Beispiel übertriebenen westlichen Liberalismus abzutun – ähnlich wie jenes Gesetz in Ontario. Es erlaubt Frauen, sich öffentlich barbusig zu zeigen, ohne dass sie fürchten müssen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses belangt zu werden. Aber je länger ich über die Entscheidung des Ethikrates nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass nur ein kleiner Teil meines Unwohlseins oder Unbehagens wirklich begründbar war. Mein instinktives „Igitt“ hatte keinen biologisch oder ethisch erklärbaren Grund. Ich fand die Angelegenheit einfach seltsam, abstoßend und Übelkeit erregend. Mein Bauchgefühl befremdete mich und ich merkte, dass ich gar nicht so liberal war, wie ich eigentlich gedacht hatte.

Kultur und Werte in Ruanda einst

Ich bin stolz auf meine Laissez-faire Einstellung gegenüber den meisten Dingen. Ich bin der Meinung, dass Gesetze nicht bestimmen sollten, was Erwachsene tun dürfen, um glücklich zu sein – besonders wenn es um Tätigkeiten geht, die innerhalb der eigenen vier Wände stattfinden und so lange sie im gegenseitigen Einvernehmen geschehen. Aber das wirft eine Frage auf: Wie weit kann individuelle Freiheit gehen, bevor sie gegen gesellschaftliche Regeln und Normen verstößt? Und wer bestimmt eigentlich, was gesellschaftliche Regeln und Normen sind? Einige tun diese Ausführungen vielleicht als rein akademische Diskussion ab, die keine Verbindung zum wirklichen Leben hat. Ich bin da jedoch anderer Meinung.

Hier in Ruanda habe ich das Gefühl, dass sich die Struktur unserer Gesellschaft maßgeblich verändert. Sehen wir uns beispielsweise den Wandel der gesellschaftlichen Rolle von Mann und Frau an. Das, was vor nur 30 Jahren eine ‚munyarwandakazi’ - eine ruandische Frau - ausgemacht hat, würde man heute nur spöttisch belächeln.

Einst waren die Qualitäten einer Frau Sittsamkeit, Jungfräulichkeit und Sanftheit. Sie sollte keinesfalls Führungsperson sein, weder zu Hause noch bei der Arbeit. Die damalige Gesetzeslage spiegelte diese Kultur wider: Verheiratete Frauen durften unter anderem ohne die ausdrückliche Erlaubnis ihrer Ehemänner keine Unternehmen gründen. Dies war die Kultur jener Zeit und ich bin sicher, hätte jemand den damaligen Gesetzgebern gesagt, dass ihre Gesetze und Ansätze eines Tages der Vergangenheit angehören würden, sie hätten ihn lauthals lachend des Raumes verwiesen.

Heute im ständigen Wandel

Das, was die ruandische Kultur und ihre Normen ausmacht, ist meiner Meinung nach einem ständigen Wandel unterzogen und dieser Wandel wird von zwei Faktoren vorangetrieben: Einerseits von der jüngeren Generation des Landes und andererseits von Ruandas regem Interesse an der Weltgemeinschaft. Vielleicht ist das auch ein und dieselbe Sache. Eine Frage, die für mich aber momentan noch unbeantwortet bleibt, ist, ob unsere Gesetzgeber und all jene, die unser kulturelles Leben bestimmen (ich nenne sie ‚Moralpolizei’) wissen, wie fließend der Kulturbegriff heutzutage ist. Was heute ‚ekelig’ ist, muss morgen nicht zwingend ‚ekelig’ sein.

Vielleicht ist das die Moral, die wir von diesem deutschen Fall mitnehmen sollten - und ich spreche nicht von der Rechtmäßigkeit von Inzest. Wir müssen unsere kulturellen Ansichten und Normen stets hinterfragen. Wir müssen uns fragen, warum wir das glauben, was wir glauben und ob unsere Überzeugungen in der heutigen Welt überhaupt noch relevant sind. Warum sollten wir unsere Vorurteile nicht ein wenig mehr auf die Probe stellen?

Erstveröffentlichung: Only a culturally liberal Rwanda can survive the coming decades