07.12.2016
Übersetzt von Sophie Knabner

Jean Ngomo Kouna erwartet mich frühmorgens in Obak, einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt Yaoundé. Der 73-Jährige sitzt mit seiner Frau Célestine vor dem gemeinsamen Haus und wartet auf den Sonnenaufgang. Im Morgengrauen tut sich langsam ihr gemeinsamer Garten vor ihnen auf. Kleine Felder mit Maispflanzen, ein Kartoffelacker, auch Maniok und Erdnüsse bauen sie hier an.

Heute sind sie besonders tatkräftig. Seit rund einem halben Jahr blieb in dieser Gegend der Regen aus, bis in der vergangenen Nacht endlich der lang ersehnte Regenschauer über das kleine Dorf zog. „Endlich können wir mit der Arbeit beginnen. Jetzt heißt es pflügen und aussähen“, erklärt Ngomo Kouna. Er beherrscht die Gartenarbeit, obwohl er mehr als 50 Jahre einem anderen Beruf nachgegangen ist und erst als Rentner aus der Großsstadt zurück in sein Heimatdorf zog.

Vom Staatsbediensteten zum Feldarbeiter

Mit 23 Jahren trat Ngomo Kouna seine erste Stelle im Krankenhaus La Quintinie in Douala an, wo er bis 1970 als Staatsbediensteter angestellt war. „Angefangen habe ich dort bei der Essensausgabe. Am Ende war ich Lagerist - ein Beruf, den ich danach in vielen anderen Unternehmen bis zu meiner Pension verfolgt habe“, erzählt er nostalgisch nach getaner Feldarbeit bei einem Glas von seinem Lieblingsrotwein.

Nach seiner Pensionierung ist aus „Homme“, wie ihn seine Ehefrau liebevoll nennt, ein erfolgreicher Landwirt geworden. Täglich zwischen 7 bis 13 Uhr kümmmert er sich um seine Felder. Ein Teil der Ernte dient dem Eigenbedarf, den Großteil verkaufen sie auf dem zentralen Markt in der Hauptstadt Yaoundé. „Durch die Landwirtschaft kann ich mir als Rentner etwas dazu verdienen, um den Lebensunterhalt meiner Familie zu bestreiten.“ Seine Rente reicht oft nicht für das tägliche Leben, er rechnet damit noch mindestens bis zu seinem 80. Lebensjahr zu arbeiten.

Kein einheitliches Rentensystem

Dabei gehört Ngomo Kouna als ehemaliger Beamter zu den weniger als zehn Prozent der Senioren in West- und Zentralafrika, die eine Rente erhalten. Oft springt die jüngere Generation für die Alten in solchen Fällen ein, aber auch das ist in vielen Familien nicht möglich. Durch die Abwanderung in die Städte und Nachbarländer wohnen Familiengenerationen zunehmend weit voneinander entfernt. Auch hat die junge Generation mit prekären Arbeitsbedingungen zu kämpfen und oft nicht die finanziellen Möglichkeiten für Eltern und Großeltern ausreichend zu sorgen. Also müssen Senioren nach Lösungen suchen und trotz steifen Rücken einen Verdienst finden, der sie über die Runden bringt.

In Kamerun, wie in den meisten afrikanischen Ländern, beträgt das durchschnittliche Rentenalter 55 Jahre. „Die Höhe der Altersrente ist nicht standardisiert, sie berechnet sich von Fall zu Fall: Neben dem Alter berücksichtigen wir auch die berufliche Leistung. Für diese zählt alles was der Karriere förderlich war, zum Beispiel auch Beförderungen und Wiedereingliederungsmaßnahmen“, erklärt ein Mitarbeiter des Ministeriums für Öffentlichen Dienst und Verwaltung.

Darüber zu klagen fällt Ngomo Kouna nicht ein. Er hat sichtlich Spaß an seiner Gartenarbeit. Er genießt das Gefühl gebraucht zu werden. Wenn er abends vom Feld kommt, berät er die Leitung des Dorfes zusätzlich in politischen Angelegenheiten. Er kennt Obak seit seiner Geburt und ist als sogenannter „Notable“ eine angesehene Persönlichkeit, dessen Einschätzungen und Ratschläge von hoher Bedeutung sind. Die letzten Stunden des Tages widmet er dann seinen Enkeln: Er betreut deren Hausaufgaben, bespricht den kommenden Tag und vor dem Zubettgehen verfolgen sie gemeinsamen die Nachrichten im Fernsehen.

Manche fühlen sich zu höheren Aufgaben berufen

Zurück in Yaoundé treffe ich in Hugues François Onanas Büro ein. Er tippt gerade die letzten Zeilen seines fünften Buchs über Libyen und die Herrschaft von Muammar al-Gaddafi in den Computer. Das Leben als Rentner ist für den erfahrenen Journalisten alles andere als Entspannung. „Eigentlich bin ich jetzt Schriftsteller. Seit vielen Jahren ist das Schreiben meine Leidenschaft.“ Internationale Politik, Regierungssysteme und Terrorismus - sowas interessiere ihn. Während er mit mir spricht, bleibt sein Blick durchgängig auf den Bildschirm gerichtet. Jetzt müsse er nur noch einen Verleger finden, das sei teuer in Kamerun, erklärt er.

Onana wurde 1959 in Zobsila, einem Dorf 100 Kilometer von Yaoundé entfernt, geboren. Seitdem hat er sich in verschiedensten Bereichen bewegt. Seine Liste mit Berufbezeichnungen ist lang: Journalist, Politiker, Sozial- und Politikwissenschaftler, Autor, Dozent an Universitäten und Hochschulen und Berater der Regierung. Jede freie Minute verbringt der 58-Jährige jedoch ebenfalls mit Gartenarbeit. Im Gegensatz zu Ngomo Kouna aber eher als körperlichen Ausgleich. Entspannung von der ganzen Denkarbeit. Er fühle sich noch lange nicht als Rentner. „Es wäre doch reine Verschwendung als gesunder Mensch mit 55 Jahren damit aufzuhören! Und gerade als erfahrener Intellektueller, der in diesem Land noch so viel bewirken kann“, erklärt er.

Onana hat seine Karriere 1982 beim Parlament von Kamerun begonnen. Zwei Jahre später schrieb er sich an der Hochschule für Wissenschaft und Informations- und Kommunikationstechnologien in Yaoundé ein. Es sollte eine steile Karriere folgen: Als Mitbegründer des nationalen Fernseh- und Radiosenders CRTV, hatte er von der Personalabteilung bis zum Radioprogramm führende Posten inne. Heute verbringt er die meiste Zeit mit Recherchen zu Politik und Demokratisierungsprozessen in Kamerun. 2010 schloss er erfolgreich seine Promotion in der Soziologie ab und veröffentlichte die Ergebnisse in dem Sachbuch „Politische Praxis in Kamerun- Zwischen Entstaatlichung und Demokratisierung“.

Andere genießen einfach den Ruhestand

Ich ziehe weiter. Diesmal bin ich mit Mamouda Mfonzie verabredet. Ihn treffe ich an einem ganz anderen Ort, im lauten und geschäftigen Viertel von Nkolmesseng. Direkt hinter dem Rathaus von Yaoundé verbringt der ehemalige Sekretär zusammen mit seiner Ehefrau und seinen sieben Kindern seinen wohlverdienten Ruhestand. Im Gegensatz zu Hugues François Onana hat der 62-Jährige mit seiner professionellen Karriere bereits abgeschlossen „Ich genieße es, den Tag für mich und meine Familie zu haben. In meinem Alter habe ich beruflich niemandem mehr etwas zu beweisen, diese Zeiten sind vorbei. Aber es ist nicht immer einfach, einfach daheim zu bleiben! Ich habe das Gefühl, dass die Tage länger werden. Wenn ich keiner konkreten Aufgabe nachgehe, kommt doch manchmal Langweile auf. Am ersten Tag der Rente hat mich dieses Gefühl ganz unvorbereitet getroffen – heute weiß ich damit um einiges besser umzugehen.“

Und auch Mfonzie hat die Landwirtschaft für sich entdeckt: Selbst wenn sein Haus mitten in der Stadt gelegen ist, hat er in seinem Hof ein Feld mit Zuckerrohr angelegt. Und wenn er sich nicht gerade um die meterhohen Pflanzen kümmert, engagiert er sich in Familienvereinen der Region oder hilft Freunden oder Bekannten aus.

Mfonzie erblickte 1954 in einem Dorf im Osten Kameruns das Licht der Welt. Mit 22 Jahren kam er nach Yaoundé und begann bei der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität in der Verwaltung. Einige Jahre später wurde ihm die Stelle als Sekretär angeboten, der er bis zu seinem Renteneintritt am 1. Januar 2013 treu blieb. Dieser Tag wurde mit einer großen Feier durch die Institutsleitung begleitet: Der Professor der Germanistik verlieh ihm gleichzeitig die goldene, die silberne sowie die außerordentliche Verdienstmedaille. „Als besonderes Zeichen der Anerkennung für meine treuen Dienste während meiner 23 Arbeitsjahre an diesem Institut“, fügt der Rentner stolz hinzu.

Für zukünftige Pensionäre hat Mamouda Mfonzie noch einen Ratschlag: Wer seinen Ruhestand genießen möchte, solle sich nicht nur mental, sondern auch materiell darauf vorbereiten. Und das gehe in Afrika Hand in Hand: Nur derjenige der seiner Familie ein Haus gebaut hat, verdiene auch seine Rente.