19.05.2016
Übersetzt von Dominik Berger

Es ist ein geschäftiger Nachmittag in Nyamirambo, einem Stadtteil der ruandischen Hauptstadt Kigali. Jeder scheint etwas zu tun zu haben. Die Geräusche des Handelszentrums in der Nähe des Marktes sind beinahe ohrenbetäubend und lassen vermuten, dass die Geschäfte dort wie üblich laufen. Mitten im Markt stehen Frauen in der traditionellen Baumwollkleidung ‚Lesus’. Sie warten nur darauf, Kunden zu sich zu rufen, sobald diese die Tore des Marktes passieren. Draußen auf der Straße wiederum warten junge Männer auf potentielle Kunden, um sie anschließend an der Hand direkt zu ihren Ständen zu zerren.

An einem umtriebigen Tag wie diesem ist der Markt überlaufen, Kunden und Händler drängen sich aneinander vorbei. Auffällig sind die besonders großen Kleidersäcke, die überall herumliegen. Die Kleidung hat eine lange Reise hinter sich: Von Europa im Container über die Häfen zur Grenze Ruandas bis hin zum Markt in Nyamirambo.

Der Handel mit Kleidung aus zweiter Hand, wird in Ruanda ‚cagua‘ genannt. Er ist älter als die meisten, die ihn betreiben. Wenn die Container in Ruanda ankommen, werden sie zu den Hauptorten, wie zum Beispiel Gisozi, Kwa-Rubangura, Biryogo und Kimisagara gebracht. Dort kaufen die Händler möglichst große Mengen, dafür müssen sie meist bereits sehr früh am Morgen vor Ort sein.

Doch bald könnte das Geschäft mit Gebrauchtkleidung in Ruanda vorbei sein: Die Regierung hat Kleidung aus zweiter Hand verboten. Damit greift Ruanda dem angestrebten Gesetz der East African Community (EAC) vor. Die EAC strebt ein Verbot des Handels mit Second-Hand-Kleidung bis 2019 an. Sie will damit bewirken, dass mehr Kleidung vom lokalen Markt gekauft wird, um so eigene Wirtschaftsstrukturen zu stärken.

Die Marktverkäufer

Die 21-jährige Uwera hat Rechnungswesen studiert und sich nach erfolgloser Arbeitssuche dazu entschlossen, in den Second-Hand-Kleidermarkt einzusteigen. Sie kauft den Großteil der Kleidung in der Stadt. Der Profit hänge von mehreren Faktoren ab, sagt sie.

„Ich kann nicht wirklich sagen, wie viel ich bekomme oder welche Jahreszeit die beste ist, das hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Ich verkaufe Babykleidung, die meisten meiner Kunden sind Frauen. Hin und wieder kann es sein, dass man zwei Tage lang nichts verkauft, besonders wenn man nur an Ständen arbeitet“, verrät sie.

Während einige Händler einsehen, dass die Entscheidung der Regierung, Second-Hand-Kleidung zu verbieten, darauf abziele, Qualität zu fördern, heben andere hervor, dass es sich bei der verkauften Ware aus zweiter Hand immerhin auch um Qualitätsware handle, nur eben aus zweiter Hand. Murenzi, 40 Jahre alt, hat vor fünf Jahren mit seinem Second-Hand-Geschäft begonnen. Er erklärt, dass die Entscheidung über die Qualität am Ende eh beim Käufer liege: „Wenn jemand hierher kommt um Kleidung zu kaufen, bemühen wir uns, den Anforderungen zu entsprechen. Der Nachteil von gebrauchten Gütern ist, dass die Qualität den Preis beeinflusst. Aber wir haben immer Ware in gutem Zustand im Angebot“, erzählt er.

Auch wenn dieses Geschäftsjahr weniger intensiv begonnen hat als die Jahre zuvor, sind die Händler optimistisch, dass bessere Zeiten kommen werden. Das liege vor allem an den uneingeschränkten Möglichkeiten des Kapitalinvestments in ihrer Branche, erklären einige Händler. Peter ist einer von ihnen. Er sagt, dass man nur im Gebrauchtkleiderhandel mit jeder beliebigen Summe anfangen könne. „Mit nur 5.000 Ruanda-Franc [ca. sechs Euro, Anmerk. d. Red.] kann man bereits zu handeln beginnen und der Vorteil ist, dass bereits nach kurzer Zeit der Profit das Kapital erhöht“, erklärt er.  Außerdem brauche man eigentlich nichts weiter zu wissen, als wo man gewisse Materialien besorgen kann. Jeder Second-Hand-Händler muss sich informieren, zu welchen Zeitpunkten die Verkäufe stattfinden.

Straßenhändler in Ruanda mit Handtaschen auf dem Markt
Ein Händler verkauft Handtaschen

Die mobilen Händler

Vor dem Markt treffen wir auf Sillas Bazimaziki, der Handtücher auf seinem Kopf, Bettlaken über seinem rechten und Socken auf dem linken Arm trägt. Er zieht es vor, mit seinem Bündel durch die Straßen zu ziehen, da einige Kunden nicht auf den Markt kommen. Er legt seine Ware für eine kurze Pause am Straßenrand ab. „An guten Tagen kann man zwischen 15.000 und 20.000 RWF [18-25 €] verdienen, aber das ist harte Arbeit, mit der Ware auf dem Kopf und in der Hand den ganzen Tag herumzugehen“, sagt Bazimaki, während er sein Bündel aufgreift um weiterzugehen.

Anders als die Händler, die ihre festen Stände auf dem Markt haben, muss Bazimaziki stets auf der Hut vor der Polizei sein. Denn der Straßenhandel in Ruanda ist verboten. Bazimaziki wurde bereits dreimal erwischt, hat aber das Geschäft aufgrund des Profits nicht aufgegeben. „Wenn man gefasst wird, nehmen sie einem alles ab, was man im Moment bei sich hat. Das kann sehr viel sein und bedeutet, dass man neues Kapital braucht. Deshalb versuche ich immer etwas auf die Seite zu legen.“

Mobile Händler wie Bazimaziki meiden daher alle Passanten in Uniform, doch manchmal versucht die Polizei auch in Zivilkleidung die Händler auf frischer Tat zu ertappen. Einige verkaufen deswegen ihre Ware nur noch in der Nacht. Sie gehen gegen 19.00 Uhr in Zentren wie zum Beispiel Giporoso, Kimironko, Kicukiro auf die Straße.

Schuhe aus zweiter Hand

Neben einem Importverbot für gebrauchte Kleidung, will das Handelsministerium Ruandas dieses Jahr auch die Steuern auf Second-Hand-Schuhe erhöhen. Das Ziel: von deren Import abschrecken und so lokale Lederprodukte fördern. Die Steuern waren bereits von 35 Prozent auf 70 Prozent angehoben worden, sollen aber im Juli auf 100 Prozent steigen. Trotzdem, den Schuhhandel wird das nicht unterbinden, behaupten die Händler.

Der Markt in Kimisagara, einem anderen Stadtteil Kigalis, ist eins von vielen Zentren für den Handel mit Schuhen aus zweiter Hand. Vom eleganten Schuh über Sportschuhe bis hin zu Arbeitsstiefeln findet man hier alles. An einem Donnerstagnachmittag ist die Stimmung noch aufgeheizter als in Nyamirambo auf dem Kleidermarkt. Ein Käufer nimmt es auf sich, sich durch Essens- und Elektronikstände zu drängen, um zum oberen Teil des Marktes zu gelangen, wo die Schuhe verkauft werden. Die Händler legen dort die unsortierten Schuhe auf Planen aus, um den Kunden genug Raum zur Begutachtung der Ware zu geben.

Qualitativ hochwertige Schuhe hingegen werden im Vorhinein aussortiert und üblicherweise über dem Stand aufgehängt. Denn diese Schuhe sind teurer, je nach Aussehen, Material und Herkunft bis zu 20.000 RWF.

Second-Hand-Kleidung auf Markt in Kigali, Ruanda
Kleider und Taschen aus zweiter Hand, die am Biryogo Markt in Kigali an einem Mittwoch ausgestellt werden.

Ein junger Händler ist gerade mit Kunden beschäftigt. Jean Pier Ndahimana hat danach allerdings nichts Nettes über seine Kollegen zu berichten, die Kleidung aus zweiter Hand verkaufen: „Ich finde, dass Menschen auch ohne gebrauchte Kleidung auskommen können. Der Handel mit Second-Hand-Textilien sollte daher verboten werden. Aber mit Schuhen ist das viel schwerer. Wenn jemand nach qualitativ hochwertigem Leder sucht, können wir genau das gerade im Second-Hand-Geschäft bieten. Bei Kleidungsstücken ist manchmal gebrauchte Ware teurer als neue, aber bei Schuhen ist das nicht der Fall, die sind neu immer am teuersten. Diejenigen, die billige Schuhe um 1.000 bis 2.500 RWF kaufen wollen, müssen sich zwar die Arbeit machen, sie unter den losen Paaren am Boden zu suchen“, sagt uns der 22-Jährige, während er in seinem rechten Arm ein Paar Schuhe hält, aber nur durch Second-Hand könnten Schuhe für jeden geboten werden.

Nicht weit von seinem Stand stoßen wir auf Ndayambagye, der Schuhe wäscht, die gerade geliefert wurden. Anders als Ndahimana ist er nur ein Angestellter, der seinem Vorgesetzten über den Zustand und die Sauberkeit der Schuhe berichten muss. Aber er hat Gefallen an der Branche gefunden und darf nach sechs Jahren jetzt auch Waren verkaufen. „Das sind Markenschuhe. Die Teuersten kosten rund 20.000 RWF. Die meisten unserer Schuhe kommen aus Uganda, wo ebenfalls Container aus Nachbarländern ankommen. Wenn wir gut verkaufen, überleben wir, wie alle anderen auch“, klärt er uns auf. Er fügt hinzu, dass Menschen, die sich keine neuen Schuhe aus Qualitätsläden leisten können, in Second Hand Läden eher fündig werden.

„Sehen Sie sich einmal um! Sehen Sie, wo Sie stehen? Hier ist viel los, alle kaufen – hören Sie jemanden, der sich beschwert?“, fragt er bevor er sich selbst antwortet: „Jemand, der sich entscheidet hierher zu kommen, ist offensichtlich auf der Suche nach etwas Erschwinglichem. Wir sind nicht alle gleich, einige haben mehr als andere, aber wir alle brauchen Schuhe!“

Vergebliche Bemühungen

Laut dem Handelsministerium kosten importierte Kleidungsstücke, sowohl neu als auch gebraucht, rund 100 Millionen Dollar. Davon entfallen rund 80 Millionen Dollar auf Textilkosten. Durch eine Einschränkung dieser Importe sollte den örtlichen Herstellern eine bessere Wettbewerbsfähigkeit eingeräumt werden, aber es wurden bereits Misserfolge verzeichnet.

Vor fünf Jahren hat die Normungsbehörde Ruandas zum Beispiel bereits den Kauf von gebrauchten Nachthemden, Krankenhauskitteln, Herren- und Damenunterwäsche, BHs und Unterhemden verboten. Dennoch kann man diese Kleidungsstücke noch immer auf dem Markt finden. Es dürfte also fraglich sein, ob sich Ruandas Märkte an das neue Verbot halten werden - Händler wie Kunden gleichermaßen.

Erstveröffentlichung: Cracking down the second hand clothes market