23.07.2015
Übersetzt von Antje Heinrich

Dreieinhalb Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt, stellt Gorée eine geografische Sehenswürdigkeit dar. Rund 2000 Menschen erwachen Tag für Tag auf diesem knapp 40 Fußballfelder messenden Stück Land. Nach einem Tag auf Gorée hat man nur noch ein einziges Wort im Kopf: Fähre. Hierbei handelt es sich um ein kleines Schiff mit einer maximalen Kapazität von 350 Plätzen. Dieses gewährleistet mit mehr als zwanzig Hin- und Rückfahrten pro Tag die Schiffsverbindung zwischen Dakar und Gorée und ist das einzige Transportmittel, das die Insel über Dakar mit dem Rest von Senegal verbindet. Die vielen kleinen Pirogen werden hier nur von den aus Dakar oder Gorée stammenden Fischern genutzt.

Die erste Abfahrt der Personenfähre ist wie jeden Tag um 6 Uhr. Das Schiffshorn ist seit 5:30 Uhr zu hören, wenn sich das Boot dem Kai von Gorée aus Richtung Dakar nähert. Dies ist das erste Signal für diejenigen, die rechtzeitig in Dakar sein wollen. Obwohl es um diese Zeit gerade erst dämmert, kann man im ersten Licht des neuen Tages die vielen Silhouetten erkennen, die zum Kai strömen. In nur wenigen Minuten ist die Anlegestelle voller Leben. Angestellte, Schüler und Händler beeilen sich, um die ersten Überfahrten zu erwischen.

Wie an allen Schultagen ist auch Djeneba Gueye an diesem Morgen beim Eintreffen der Fähre hier. Wenn sie zur Schule in Dakar will, ist dies der einzige Weg. Die Fähre gehört zum Alltag aller älteren Schüler. Für viele Kinder Gorées beginnt die schulische Laufbahn auf der Insel und setzt sich nach der Grundschule in Dakar fort. Mit einem Kindergarten und einer Grundschule ist das Bildungsangebot auf Gorée angesichts der infrastrukturellen Einschränkungen sehr begrenzt. Die einzige weiterführende Schule hier ist das Exzellenzzentrum „Maison d’éducation Mariama Ba“, ein Internat, das nach der Schriftstellerin des Romans "Une si longue lettre" benannt ist. Mit 14 bis 15 Jahren werden die besten Schülerinnen Senegals von der Maison Mariama Ba aufgenommen. Obwohl es sich auf Gorée befindet, sind nicht immer Kinder von Gorée unter den Schülern dieses berühmten Hauses, dessen Auswahlverfahren sehr streng ist.

Fähre zur Ile de Gorée
Die Fähre "Coumba Castel" verbindet die Insel Gorée mit dem Festland.

Aus diesem Grund nimmt Djeneba Gueye fast täglich die Fähre nach Dakar.  „Ich bin in meiner Schule die einzige aus Gorée“, sagt sie. Der Vater der 22-Jährigen stammt aus Senegal, ihre Mutter aus Burkina Faso. Djenaba ist die älteste von fünf Geschwistern. Ihre Mutter, die auch am Kai wartet, ist die einzige Burkinabé auf der Insel Gorée. Sie hat Burkina Faso als Kind mit ihren Eltern verlassen und ist seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Aus diesem Grund spreche sie auch keine Sprache Burkina Fasos, erklärt sie mit einem Lächeln. Ihr Blick jedoch schweift in die Ferne, als wolle sie Erinnerungen an das Gurunsi-Kind, das sie einst war, an die Oberfläche bringen (Anm. der Red.: die Gurunsi sind eine Ethnie Burkina Fasos). Ihre Kinder wissen trotz der Bewunderung für das Heimatland ihrer Mutter nichts über Burkina Faso - das „Land der aufrichtigen Menschen“ (Anm. der Red.: wörtliche Übersetzung von „Burkina Faso“).

Während des Gesprächs über diese Beziehung zu Burkina Faso zeigt sich deutlich das Interesse der Bewohner von Gorée für dieses Land, das derzeit mit dem „Sturz von Präsident Blaise Compaoré“ die Nachrichten dominiert. Selbst auf der Insel war die Schockwelle der Massenproteste in Burkina Faso zu spüren. Aber auch wenn einige der Anwesenden mehr über die Ereignisse des 30. und 31. Oktober erfahren möchten, soll doch Gorée und nicht Burkina Faso das Thema unseres Gesprächs sein.

Die Menschen auf der Insel arbeiten hauptsächlich im Handel, in der Gastronomie sowie als Touristenführer. Auf Gorée kann nichts angebaut werden, da die komplette Fläche seit Jahrhunderten bebaut ist. Die wenigen freien Plätze sind Grünflächen. Daher gibt es kaum Landwirtschaft und der durchaus vorhandene Fischfang wird mehr als Freizeitbeschäftigung denn als Geschäft betrieben. Hier gibt es keine Motorräder, Autos oder andere motorisierte Fahrzeuge, ja nicht einmal ein Fahrrad. Lediglich einige Wagen sind vorhanden, um Gepäck auf oder von der Fähre zu befördern. Die Bewohner der Insel, die ein Auto besitzen, parken es in Dakar in der Nähe des Hafens, um bei ihrer Ankunft morgens damit zur Arbeit oder in die Schule fahren zu können. „Das Auto des Bürgermeisters kennt Gorée nicht“, witzelt Djeneba und fügt hinzu, dass auf Gorée allein die Füße genügen, um eine komplette Inseltour zu machen. Die Insel erstreckt sich über eine Fläche von 300 mal 900 Meter.

Madame Gueye ist eine der vielen Frauen, die auf der Insel ein Geschäft führen. Zu ihren Kunden gehören hauptsächlich Touristen aus Europa und Nordamerika, aber auch Afrikaner, die die Insel regelmäßig besuchen. Doch da das Ebolafieber den Kontinent erreicht hat und sich gefährlich ausbreitet, leidet auch der Tourismus der Insel. Gorée stellt nicht mehr so ein attraktives Ausflugsziel dar. Und das obwohl Senegal bisher von der Krankheit verschont geblieben ist. Das Ausbleiben der meisten Touristen hat jedoch negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Bewohnerinnen und Bewohner von Gorée.

Bürgermeister und Bewohner von Gorée am Kai
Der Bürgermeister von Gorée (li.), Tidiane Camara sowie Djenaba Gueye (re.) mit einer Freundin am Kai.

Gemeinsam für Gorée

Die Insel Gorée stellt einen der 19 Stadtbezirke von Dakar dar. Bürgermeister der Insel ist der Anwalt Augustin Emmanuel Senghor, der Enkel des Dichters und ersten senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor. 2002 wurde der zuvor eher in der Zivilgesellschaft aktive Senghor zum ersten Mal zum Bürgermeister gewählt. Dies geschah mit Unterstützung der Partei Les Verts (Die Grünen). „In Wahrheit ist der Bürgermeister apolitisch“, so Tidiane Camara, der Büroleiter des Bürgermeisters. Doch sind unabhängige Kandidaturen bei Kommunalwahlen in Senegal – wie auch in Burkina Faso – nicht gestattet. Aus diesem Grund stand der Bürgermeister bei den Grünen auf der Liste, die sich bereit erklärt hatten, seine Kandidatur zu unterstützen.

Für Tidiane Camara ist es einfach so, dass „die Partei des Bürgermeisters Gorée selbst ist“. Der Gemeinderat besteht aus 36 Mitgliedern, darunter ebenso viele Frauen wie Männer. Trotz ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Parteien halten alle Ratsmitglieder und sogar die Einwohner der Insel an einer gemeinsamen Vision fest: „djoko Gorée“, was Wolof ist und „Gemeinsam für Gorée arbeiten“ bedeutet. Auf dieser Insel, wo jeder jeden kennt und man sich Tag für Tag sieht, steht das Interesse der Insel über der Politik.

Der Bürgermeister, der gleichzeitig auch Vorsitzender des senegalesischen Fußballverbands ist, muss ebenfalls jeden Tag nach Dakar zur Arbeit fahren. Seine Fähre geht um 6:30 Uhr. An diesem Morgen ist Senghor auf dem Weg zur Fähre nicht ohne Grund gut gelaunt. Die senegalesische Fußballnationalmannschaft "Les Lions de la Teranga" (Anm. der Red.: Die Löwen der Gastfreundschaft), die kurz zuvor ihre Teilnahme am Afrikacup (CAN) in Äquatorialguinea vorzeitig errungen hatte, beendete am Vortag die Qualifikation glanzvoll mit einem 3:0 gegen Simbabwe im Léopold-Sédar-Senghor-Stadion. In der Nacht des Spiels konnte man die Sportbegeisterung und den Patriotismus spüren, den die Bewohner von Gorée für ihre Nationalmannschaft empfinden. In dieser Siegesstimmung treffe ich Bürgermeister Senghor am nächsten Morgen am Kai.

Obwohl die Zeit drängt und das Schiffshorn schon die unmittelbare Abfahrt ankündigt, wird der Bürgermeister von seiner Sekretärin, die Arme voller Aktenordner, aufgehalten. Während die Passagiere schon an Bord der Fähre gehen, muss der Bürgermeister noch unzählige Dokumente unterzeichnen. Das Schiff wird bald ablegen und die letzten Passagiere eilen aus den Häusern herbei, um sie nicht zu verpassen. Sonst müssten sie auf die nächste Fähren um 8 Uhr oder noch später warten. Die Fahrt rüber nach Dakar dauert etwa eine Viertelstunde. Die Personenfähre ist für Gorée ein kostbares Gut – viel mehr als einfach nur ein Schiff. Sie trägt den Namen „Coumba Castel“ deutlich sichtbar auf dem Rumpf. „Mam Coumba Castel“ ist der Legende nach der Geist der Insel Gorée, dessen wichtigste Eigenschaft sein unglaublicher Sanftmut ist. Die Touristenführer sprechen über ihn wie über einen Schutzgeist der Insel, dessen Anwesenheit spürbar, aber nicht sichtbar ist. Dass die Fähre seinen Namen trägt, steht sinnbildlich für ihre Bedeutung.

Obwohl die Fährverbindung besteht, um die Versorgung der Insel zu gewährleisten, obliegt die Verwaltung der Fähre nicht der Insel. Tidiane Camara zufolge wird die Fähre vom autonomen Hafen von Dakar verwaltet und „von den Gewinnen ausgehend, die das Schiff einspielt, wird der Gemeinde von Gorée ein Zuschuss gewährt.“ Gorée ist eine besondere Gemeinde, die einem kürzlich verabschiedeten Bodengesetz zufolge bald vollständig autonom werden soll. Außerdem steht Gorée seit 1978 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Gorée ist also nicht länger bloß „privates Gut“ des Landes der Gastfreundschaft, sondern ein „Gemeingut“ der Menschheit.

Erstveröffentlichung im Journal Mutations N°66 vom 1. Dezember 2014