24.08.2016
Übersetzt von Andreas Boneberg

Swahili ist laut der kenianischen Verfassung die Nationalsprache Kenias und neben Englisch eine der offiziellen Landessprachen, die auch im Regierungskontext verwendet wird. Das Portal ethnologue.com zählt darüber hinaus 68 weitere indigene Sprachen, inklusive einer ausgestorbenen. 

Sheng-Wörterbuch

Mohoroo – Mutter
Bazenga – Vater
Siste, Mjista – Schwester
Braza, Kibronje – Bruder
254 – Kenia
Orezo – Präsident
Nai, Kanairo – Nairobi
Chapaa, Ganji, Doo – Geld
Dinga, Ndai – Auto
Mat, Mathree – Matatu (Minibus/Sammeltaxi)
Mobite, Mongorio  – Mobiltelefon
Teke Teke – schnell
Runinga, mbulu – Fernseher
Scooby, Dogi, Wagido, bauwau – Hund
Tango, Futa, Adida – Fußball

Tortoise! Lass uns um 5 Uhr treffen, schlägt mir Githinji Mwangi vor. Ich kann ihn kaum verstehen, laute Reggae-Vibes aus seinem Radiostudio dröhnen fortwährend durch den Hörer.

Mwangi, besser bekannt unter seinem Spitznamen Mbusi, ist ein kenianischer Radiomoderator mit langen und schwer anmutenden Dreadlocks. Er ist besonders bekannt dafür, Wörter der immer populärer werdenden Sprache Sheng aufzugreifen, weiterzuentwickeln oder neu zu erfinden. „Tortoise“ ist eines dieser Wörter. Es bezieht sich auf junge Kenianerinnen und bedeutet übersetzt so viel wie ‚hübsches Mädchen‘. Mbusi und sein Co-Moderator Alexander Afune, den alle nur Lion nennen, sind Gastgeber der Radioshow Teke Teke – einer Sendung, die ausschließlich in Sheng ausgestrahlt wird.

Obwohl sich Sheng zahlreicher Worte der vielen indigenen Sprachen Kenias bedient, handelt es sich bei der Sprache größtenteils um eine Mischung aus Swahili und Englisch. Sheng findet sich mittlerweile in der Geschäftswelt und im Alltag vieler Kenianer wieder – für viele Jugendliche ist sie bereits ein Stück Identität. Kurzum: Sheng ist die Lingua Franca Nova des urbanen Kenias.

Sheng auf dem Vormarsch

Vor nicht allzu langer Zeit hätte es Formate wie Teke Teke noch überhaupt nicht gegeben. Radioshows wurden mit wenigen Ausnahmen ausschließlich in Englisch oder Swahili ausgestrahlt. Nun sei „Sheng auf dem Vormarsch“, gibt sich Mbusi überzeugt – und scheint Recht zu haben. Die Sprache erfreut sich immer größerer Popularität: sei es in Marketing-Kampagnen oder bei religiösen Veranstaltungen; sogar in Regierungskreisen wird sie immer salonfähiger. Laut Kevin Muoka, Chef der Marketingabteilung der Wananchi Group, einer großen Firma für Internetservices und Pay-TV, haben es Werbeagenturen mittlerweile verstanden, dass sich sowohl die Arbeiter- als auch die Mittelschicht einer Sprache bedienen, die ihrer eigenen Identität entspricht. Viele Unternehmen haben darauf reagiert und versuchen einen Weg zu finden, um das Massenpublikum auch sprachlich zu erreichen. Wie erfolgreich man damit fahren kann hat jüngst eine Werbekampagne von Safaricom, Kenias führender Mobilfunkanbieter, bewiesen. Der Slogan lautete: „Bambika na 20 bob“ („Sei glücklich mit 20 Shilling!“).

Die Wurzeln liegen weit zurück

Folgt man der Sichtweise von Mokaya Bosire, Linguistikprofessor an der University of Oregon, so ist das Sprachphänomen Sheng bereits in den 1930er Jahren entstanden. In dieser Zeit bildeten sich in Kenia die ersten urbanen Zentren, die zahlreiche Menschen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen anzogen. „Junge Kenianer kamen damals mit einer Vielzahl unterschiedlicher Sprachen in Kontakt. Ich vermute, dass vor allem sie damit angefangen haben, das bruchstückhafte Swahili ihrer Eltern auszuschmücken und eine eigene Sprachform daraus entstehen zu lassen.“

Ambitionierte, junge Kenianer aus anderen Teilen des Landes fühlen sich auch heute noch von den Möglichkeiten und der ökonomischen Strahlkraft der Hauptstadt angezogen. Die daraus resultierende ethnische Vielfalt ist das Fundament auf dem Sheng fußt. „Als Nairobi größer wurde und sich auch zunehmend ärmere Viertel über das Stadtgebiet erstreckten, fand auch der Gebrauch von Sheng zunehmende Verbreitung – und wurde langsam ein Teil der städtischen Identität“, sagt Bosire. Seiner Meinung nach hat sich Sheng vor allem als Sprache der Jugendlichen in den ärmeren Vierteln etabliert. Sie half ihnen dabei eine eigene Identität zu finden, ohne sich Gedanken über die strengen grammatikalischen Regeln des Englischen oder Swahili machen zu müssen.

Mbusii ist Moderator des kenianischen Sender JamboRadio.
Ein Moderator des Radiosenders 3FM.

Mathare, Huruma, Kibera: Sheng ist überall!

Heute hat jeder Stadtteil, egal ob Mathare, Huruma oder Kibera, seine eigenen unverwechselbaren Sheng-Wörter. „Sogar die ländlicheren Gegenden haben ihr eigenes Sheng. Mbusi und ich treten regelmäßig außerhalb von Nairobi auf. Dort hören wir immer wieder neue Sätze, die wir so vorher nicht kannten.“ Die beiden Moderatoren wollen immer auf dem aktuellsten Stand bleiben und ihr Vokabular stetig erweitern. Deswegen halten sie sich morgens meistens in verschiedenen Vierteln auf, bevor sie dann am Nachmittag ins Studio gehen. „Es ist recht einfach mit der Entstehung neuer Worte Schritt zu halten“, sagt Lion. „Wechsel vollziehen sich in Sheng nicht so schnell. Ein neues Wort muss erst von vielen Leuten im Viertel akzeptiert werden, bevor es ‚offiziell‘ anerkannt ist.“

Sheng scheint jedenfalls in Nairobi mittlerweile unverzichtbar – vor allem dort, wo viele Menschen aufeinandertreffen: „Sheng zu beherrschen ist ein absolutes Muss in meinem Job“,  sagt beispielsweise Ambrose Kungu, der eine Reihe Matatus überwacht (Matatus sind populäre Sammeltaxen für etwa 8-9 Leute. Meist sind sie künstlerisch mit Graffitis bemalt). Wie er erzählt, gibt es im Matatu-Geschäft sogar eine abgewandelte Form des Sheng, eine Art Geheimsprache zwischen Fahrer und Fahrbegleiter.

„Die meisten Menschen in Nairobi kennen Matatus als mats oder mathrees. Unser Team hat aber noch andere Begriffe: nganya oder chuma zum Beispiel.“ Zusätzlich können Bedeutungen durch das so genannte ku reverse maneno, (engl.: to reverse meanings), also durch Bedeutungsumkehr, verschleiert werden. Worte oder Satzteile werden dann rückwärts ausgesprochen, um versteckte Botschaften zu übermitteln. „Shika machu“, eine Instruktion des Fahrers an seinen Assistenten sich an der Metallstange festzuhalten, ist das einzige Beispiel, das Ambrose verraten möchte. ‚Machu‘ ist hierbei ein umgedrehtes Wort vom swahilischen ‚Chuma‘, das so viel wie Metall bedeutet.

Sheng ist in Kenia einer der am weitesten verbreiteten Dialekte.
Sheng ist in Kenia einer der am weitesten verbreiteten Dialekte und wird vor allem im sozialen Umfeld der Matatus (Sammeltaxis) gesprochen.

Maich, der einen Second-Hand-Shop in der Nähe der Nairobi Bus Station betreibt, bestätigt, dass er ohne Sheng „sein Geschäft dicht machen“ könne. Im Gegensatz zum Englischen wird Sheng nun mal von allen verstanden. Sein Kollege Ricky stimmt ihm zu und ergänzt: „Sheng ist zu einem großen Teil vom Hintergrund des jeweiligen Sprechers beeinflusst. Jede Ethnie in Kenia hat einen eigenen linguistischen Input geliefert – ganz egal ob Kikuyu, Luo oder Kamba. Wenn jemand aus dem ländlichen Raum nach Nairobi kommt, wird er sofort das ein oder andere Wort aufschnappen, das er bereits aus seiner Muttersprache kennt. Sheng ist deswegen auch einfach zu lernen, da man sehr schnell einen Bezug zur eigenen Sprache herstellen kann.“

Sheng, eine Antwort auf die Gewalt?

Genau aus diesem Grund glaubt der Autor und Wortakrobat Kennet B, dass Sheng einen elementaren Bestandteil in Kenias Zukunft einnehmen wird. Seiner Meinung nach ist die Populärsprache ein optimales Medium, um beispielsweise die Tradition des Geschichtenerzählens an junge Menschen weiterzugeben. Aus dieser Überzeugung heraus hat er den Sammelband The Sheng  Anthology: Monocotyledon veröffentlicht, dessen Geschichten für Jugendliche bestimmt und natürlich komplett in Sheng verfasst sind. „Wir müssen offen für die Entwicklung der Sprache sein. Nur so vermeiden wir, dass unsere reiche Tradition der Geschichtenerzählung nicht verloren geht“, sagt Kennet B. Er ergänzt, dass Sheng aufgrund seiner Inklusivität auch die ethnischen und sozialen Spannungen lösen könnte, die das Land weiterhin fest umklammern.

Duncan Ogweno, der seit den späten 1980er Jahren Sheng-Wörter sammelt und deren Bedeutung und Herkunft in einem Online-Wörterbuch veröffentlicht, glaubt nicht wirklich daran, dass Sprache allein ausreicht, um der andauernden Gewalt ein Ende zu bereiten: „Wir sollten auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Nur weil eine Gruppe Sheng spricht, heißt das noch lange nicht, dass die ethnischen Spannungen abnehmen werden. Nach den schlimmen Vorkommnissen im Jahr 2007 ist der Ton sogar noch schärfer geworden – man muss nur einen Blick in die Sozialen Medien werfen. Die Feindseligkeiten sind zu stark als dass Sheng eine Antwort darauf geben könnte.“ An Ogweno und seinem Team liegt es jedenfalls nicht. So nutzten sie im Zuge der erwähnten Post-Election Violence ihre Plattform, um Friedensbotschaften zu verbreiten. Im Jahr 2009 haben sie zudem das kenianische Grundgesetz in Sheng übersetzt – ein Jahr bevor die Verfassung offiziell beschlossen wurde.

Ist Sheng überhaupt eine Sprache?

Auch wenn Sheng zumindest einen kleinen positiven Einfluss auf die Spannungen im Land nehmen kann, so sehen einige in der Sprachform viel mehr eine Bedrohung für Kenias offizielle Sprachen – und damit auch für die Schulkinder im Land. Studien haben jüngst eine Verschlechterung des Niveaus bei kenianischen Schülern in den Sprachen Englisch und Kiswahili festgestellt. Ein Aufsatz von Amitabh Dwivedi, Professorin für Linguistik, der 2014 im „Ghana Journal of Linguistics“ veröffentlicht wurde, gibt vor allem der neuen Jugendsprache und deren Popularität die Schuld für die negativen Resultate.

Im Gegensatz zur Linguistin Dwivedi glauben zahlreiche andere Experten, dass vielmehr die hohen Arbeitslosenzahlen des Landes zur Verschlechterung des Bildungsapparates beigetragen haben. Kennet B geht noch weiter: seiner Meinung nach ist die hohe Zahl an Erwerbslosen Kenianern sogar darauf zurückzuführen, dass Englisch und Kiswahili die einzigen Unterrichtssprachen sind.  Dem widerspricht Ogweno: „Es ist ziemlich einfach: In einem Vorstellungsgespräch spricht man nicht Sheng, da Englisch und Kiswahili nun mal die formalen Kommunikationssprachen Kenias sind und auch bleiben werden. Denn Sheng braucht sowohl das Englische als auch das Kiswahili, um sich zu entfalten – beide etablierten Sprachen bilden das Grundgerüst.“

Im Kenia der 1970er Jahre erstmals entwickelt, wird Sheng heute auch in Uganda und Tansania gesprochen.
Im Kenia der 1970er Jahre erstmals entwickelt, hat sich Sheng inzwischen auch nach Uganda und Tansania ausgebreitet.

Bereits im Jahr 2013  drängte das Bildungsministerium auf eine Lösung der komplizierten Sprachsituation. Die „Language in Education Policy“ (Liep) sah damals vor, dass Grundschulkinder in ihrer ethnischen Muttersprache unterrichtet werden dürfen. Es scheiterte am Widerstand zahlreicher Lehrer und Eltern – trotzdem hat die Initiative immer noch viele Fürsprecher. Die Kontroverse um Sheng und seine Auswirkung bleibt jedenfalls umstritten.

Auch Mbusi und Lion haben natürlich ihre Meinung. Regelmäßig appellieren sie in ihren Shows an die Regierung sie solle Sheng als Schulfach einführen. „Wenn das erst einmal passiert ist, können uns Schulklassen aus jeder Region ihre typischen Wörter zukommen lassen, so dass wir eine eigene, einheitliche Sprache daraus entwickeln“, sagt Lion. „Mbusi und ich werden dann Lehrer sein! Hört sich doch gut an, oder?“, meint er zu mir als ich gerade aufbreche. „Bodaye (Bis bald), tortoise!“